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Mittwoch, 16.05.2012
Technischer Hochwasserschutz
Mehr als nur auf Sand gebaut

Nach dem Willen findiger Ingenieure sollen in Zukunft nicht mehr nur Sandsäcke vor steigenden Fluten schützen. Vielmehr ist Hightech angesagt: Mobile Dämme, höhenverstellbare Brücken und wasserdichte Häuser sind bereits Realität. Und das Sprichwort „ Da werden doch abends die Bürgersteige hochgeklappt“ könnte schon bald eine völlig neue Bedeutung bekommen. Denn eine Schweizer Firma hat Bürgersteige entwickelt, die sich bei Hochwassergefahr zum Schutz gegen die Fluten aufrichten lassen.

Mobiler Hochwasserschutz 
Mobiler Hochwasserschutz
© DLRG
Das Prinzip ist einfach: Die ein oder zwei Meter breiten Gehwege aus Stahl werden per Handkurbel oder elektrisch in die Senkrechte gebracht. Innerhalb weniger Minuten verwandelt sich so ein alltäglicher Fußgängerweg in eine Barriere. Der Vorteil gegenüber der herkömmlichen Sandsackabdichtung liegt auf der Hand: Der Hochwasserschutz ist ständig einsatzbereit, braucht kaum Wartung, und lässt sich innerhalb kürzester Zeit aufrichten. Doch bei allen Vorteilen bleibt der Klapptechnik bislang der große Durchbruch verwehrt: Sie ist einfach zu teuer. Eine sechzig Meter lange Anlage in Sinsheim zum Schutz eines kleinen Flughafens kostete eine halbe Million Euro – für viele Gemeinden unerschwinglich.

Eine Alternative hierzu sind die schwedischen Aqua Barriers, die aus Stahlstreben und Kunststoffplanen bestehen, oder einfache Metallgerüsten, in die bei Bedarf Aluminiumplatten geschoben werden können. Am preiswertesten jedoch sind – neben den Sandsäcken – die Quick-Dämme eines hessischen Erfinders. Die wassergefüllten LKW-Planen in Wannenform kosten 250 Euro pro Meter. Doch auch diese können das klassische Problem des Hochwasserschutzes nicht lösen: Die Wassermassen werden dadurch nicht weniger, sondern lediglich an die Städte flussabwärts weitergereicht. Der Verlierer ist somit die Stadt mit dem schlechtesten Schutzsystem.

 Pumpanlagen an einer Schutzwand
Pumpanlagen an einer Schutzwand
© DLRG
Um dieses Dilemma zu entschärfen, bemüht sich der technische Hochwasserschutz vermehrt darum, Katastrophen erst gar nicht entstehen zu lassen. Prävention ist das Stichwort. Neben Talsperren sollen insbesondere Rückhaltebecken den Wasserstand eines Flusses bei Gefahr regulieren helfen. Hierzu wird ein großer Uferbereich vollständig eingedeicht und bei Bedarf über Zuleitungen geflutet. Wie in einer großen Badewanne wird das Wasser „geparkt“ und erst wieder in den Rhein entlassen, wenn keine Hochwassergefahr mehr besteht. Im Unterschied zur natürlichen Aue oder einem Flutpolder kann somit gezielt der Zeitpunkt und die Menge des entzogenen Wassers bestimmt werden.

Derzeit wird am Oberrhein in der Nähe von Straßburg ein solches Überflutungsbecken getestet. Sechshundert Hektar ist es groß und kann fast acht Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen. Was sich viel anhört, ist bei einer großen Flut allerdings nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Ob sich diese Entlastung am Mittel- und Niederrhein noch auswirkt ist fraglich. Denn erst im Verbund mit weiteren Poldern und der Renaturierung von Auen lässt sich die Fluthöhe merkbar senken. Nach dem Willen der IKRS – eine länderübergreifende Kommission zum Schutz des Rhein – sollen daher bis 2020 insgesamt 1.000 Quadratkilometer Überflutungsflächen geschaffen werden. Im Vergleich zu heute würde dadurch der Pegel von Extremhochwassern bis zu siebzig Zentimeter gesenkt. Ein ehrgeiziges Ziel, das hohe Investitionen erfordert. Allein der Bau des Polders am Oberrhein hat 25 Millionen Euro gekostet. Und obwohl die Anlage auf französischer Seite steht, hat Deutschland gezahlt. Hochwasserschutz kennt halt keine Grenzen.

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