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Sonntag, 12.02.2012
Einzelfall oder Spitze des Eisberges?
Verbreitung von Fälschung und Manipulation in der Wissenschaft

Noch immer wird von offizieller Seite gerne betont, es handle sich bei den jüngsten Betrugsfällen nur um einzelne schwarze Schafe. Auch der Präsident der amerikanischen National Akademy of Sciences verkündete unlängst: „In der wissenschaftlichen Forschung werden Unlauterkeiten unweigerlich erkannt... Fälscher sind selten, es handelt sich dabei um Psychopathen". Die Menge der in den letzten zwanzig Jahren entdeckten Betrugsfälle widerspricht diesem hofnungsvoll-positiven Bild allerdings deutlich. Im Gegenteil - vieles deutet daraufhin, dass die großen Skandale der letzten Jahre nur die Spitze eines Eisbergs sind.

Labor: Keine mogelfreie Zone... 
Labor: Keine mogelfreie Zone...
© USDA
Gerade die kleinen Schwindel, absichtlichen Unterlassungen und Datenmanipulationen sind weitaus häufiger, als es viele wahrhaben wollen. 1979 in einer Studie danach gefragt, ob sie jemals mit Ideendiebstahl in Berührung gekommen seien, gaben immerhin 25 Prozent von 1309 Wissenschaftlern zu, selber schon einmal Ideen von anderen gestohlen oder ohne Quellenangabe zitiert zu haben. Eine neuere Umfrage in den USA ergab ein ähnliches Bild: Von 2000 Forschern wollte man wissen, ob sie etwas über unlauteren Wettbewb in der Forschung wüßten. Fast die Hälfte bejahte diese Frage, wollte aber im Interesse ihrer eigenen Karriere keine Einzelheiten berichten.

Anfällig für die Versuchung, Daten zu fälschen und zu manipulieren scheinen besonders die Wissenschaftler der „life sciences" zu sein. Molekularbiologen, Mediziner, Biochemiker und andere Vertreter der Biowissenschaften geraten immer häufiger in den Verdacht, gemogelt zu haben. Mehr noch als die spektakulären Skandale bestimmen auch hier kleine Mauscheleien und Manipulationen das Bild: Chemiker fälschen für ihre Dissertation Laborprotokolle, Mediziner schildern Versuche, die in ihrem Institut technisch gar nicht durchführbar sind, und Biologen betreiben Datenkosmetik, in dem sie unerwünschte „Ausreißer" aus den Ergebnissen herausretuschieren.

Viele sehen in dieser Entwicklung eine logische Konsequenz des modernen Wissenschaftsbetriebes: „Je härter der Kampf um Forschungsgelder und je schwieriger der berufliche Aufstieg, desto eher helfen Forscher der Wirklichkeit nach, um ihren Anteil am Drittmittelkuchen zu vergrößern oder eine stattliche Publikationsliste zu bekommen", so die Bonner Juristin Stefanie Stegemann-Boehl in einem Interview mit der Berliner Zeitung.

Im Zeitalter des „Publish or Perish" wächst der Druck, schnell und kontinuierlich greifbare Resultate und damit Veröffentlichungen in den angesehenen internationalen Fachzeitschriften vorweisen zu können. Nur dann fließt auch weiterhin das Geld für die oft teuren Experimente. Die Folge: Angebliche Erfolge werden mit Pauken und Trompeten verkündet, schlechte Ergebnisse meist ganz verschwiegen. In den USA gab jeder fünfte befragte Wissenschaftler zu, selbst erlebt zu haben, dass unerwünschte Resultate zurückgehalten wurden oder ganz unter den Tisch fielen. Aber auch in Deutschland sieht es kaum anders aus.

Konkrete Zahlen nannte Philipp Campbell, Chefredakteur der internationalen Fachzeitschrift „Nature"auf einem Symposium über Fälschung in der Wissenschaft", das 1998 in Berlin stattfand: In den europäischen Ländern werden jährlich an die zehn Fälle von Forschungsbetrug entdeckt, in den USA schwankt diese Zahl sogar zwischen 20 und 30 Fällen pro Jahr. Allein die Zeitschriften "Nature" und „Science" mussten in den letzten zwei Jahren über 20 schwerwiegende Fälle von Betrügereien in der Wissenschaft berichten. Damit sollten die Dimensionen des Problems klar sein - die bisher so oft beschworene „Selbstkontrolle der Wissenschaft" scheint angesichts des heutigen Forschungsklimas von „Publish or Perish" nur noch sehr eingeschränkt zu funktionieren.

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