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Donnerstag, 02.09.2010
Der große Jökulhlaup
Wenn der Gletscher Wasser speit...

Noch während an der Gletscheroberfläche des Vatnajökull alles wieder zur Normalität zurückkehrt, bahnt sich im Untergrund, durch die Eisdecke vor den Augen der Beobachter verborgen, bereits eine Katastrophe an: Noch immer strömen gewaltige Schmelzwassermassen von der Ausbruchsstelle in das unter dem Gletscher liegende Reservoir des Grimsvötn-Sees. 500 bis 700 Kubikmeter Wasser pro Sekunde lassen den Wasserspiegel des Sees immer weiter ansteigen - weit über die kritische Marke hinaus.

Schmelzloch am Eruptionskrater 
Schmelzloch am Eruptionskrater
© Freysteinn Sigmundsson
Schon unter normalen Bedingungen schmelzen durch die geothermische Hitze bis zu 500 Kubikmeter Eis pro Jahr von der Basis des Gletschers ab und füllen im Laufe der Zeit das Grimsvötn-Reservoir. In der Regel kommt es daher alle vier bis sechs Jahre zu einem sogenannten Jökulhlaup - einem Gletscherlauf, bei dem das Schmelzwasser die vergleichsweise dünne Eisbarriere, die wie ein natürlicher Staudamm den Ausfluss des Sees blockiert, durchbricht. In einer reissenden Sturzflut schießt das Wasser dann unter dem Gletscher hervor und überflutet die unterhalb liegenden Ebenen.

Warten auf die große Flut
Für die Wissenschaftler des Meteorologischen Instituts in Reykjavik besteht daher auch im Oktober 1996 kein Zweifel: Der nächste Gletscherlauf ist überfällig. Schon jetzt ist der Wasserspiegel im See auf mehr als 1504 Meter gestiegen - und noch ist kein Ende abzusehen. Die auf dem See liegende Eisdecke, auf der die Messgeräte der Forscher stehen, hebt sich weiterhin um 15 bis 20 Meter pro Tag. Das Wasser im See hat die kritische Marke von 1.450 Metern, bei der der letzte Jökulhlaup ausgelöst wurde, bereits weit überschritten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Eisbarriere am Seeausgang nachgibt...

Wenn der Gletscherlauf kommt, muss alles sehr schnell gehen. Die Behörden bereiten daher alles für eine rasche Evakuierung der unterhalb des Gletscher liegenden Sandur-Ebene vor und richten sich darauf ein, die Ringstraße, eine der Hauptverkehrsadern Islands, rechtzeitig zu sperren. Alles wartet auf das Wasser.

Das Wasser kommt
Am 4. November ist es dann soweit: Die Messgeräte der Seismographen auf der Eisfläche oberhalb des Grimsvötn schlagen aus. Ein kontinuierliches schnelles Beben deutet daraufhin, dass 250 Meter tiefer das Wasser die Eisbarriere angehoben hat und unter dem Eis talwärts rast. Die Forscher schlagen Alarm. Am nächsten Morgen ist die Flut da: Schwarzes Schmelzwasser durchmischt mit großen schmutzigweißen Eisbrocken schießt unter dem Eis des Gletschers hervor und strömt in den Fluss Skeidara. Durch die Erschütterungen brechen gewaltige Eisberge von der Gletscherfront ab und werden vom Wasser mitgerissen.

Bis zum Mittag haben die Fluten die Ebene erreicht und die Ringstraße, die Hauptverkehrsader, die den Süden und Osten Islands verbindet, an mehreren Stellen weggespült. Zwei Brücken über Gletscherflüsse werden fast sofort von den Wassermassen weggerissen, Strom- und Kommunikationsverbindungen in der Region sind zerstört.

Nach einem Flug über die betroffenen Gebiete beklagt Premierminister David Oddsson: " In nur vier Stunden hat diese Katastrophe uns im Straßenbau um 20 bis 30 Jahre zurückgeworfen. Mit bis zu 45.000 Kubikmeter pro Sekunde schießt das Wasser am nächsten Tag noch immer aus dem scheinbar unerschöpflichen Reservoir unter dem Eis hervor, inzwischen ist auch die 900 Meter lange Skeidarabrücke gefährdet.

Doch dann beginnt die Flut langsam wieder abzuebben. Einen Tage später, am 7. November, ist der Jökulhlaup vorbei. Er hinterlässt ein Bild der Verwüstung: die Ringstraße ist nur noch in Teilen vorhanden, von der Skeidarabrücke, einem der teuersten Bauwerke Islands, stehen nur noch 700 Meter, und auch die sind stark beschädigt. Die Schäden gehen in die Millionen. Die Forscher sprechen vom stärksten Jökulhlaup seit 1938. In nur drei Tagen hat sich fast der gesamte See in die Ebene entleert. Der Wasserspiegel im Grimsvötn-Reservoir ist in dieser Zeit um mehr als 150 Meter abgesunken, ein Rekordwert.

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