Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Sonntag, 12.02.2012
In der Traumzeit...
Zeit und Zeitwahrnehmung im Traum

Eine Ewigkeit in einem kurzen Augenblick - für den französischen Schlafforscher Alfred Maury war dies im Jahr 1861 das Wesen der "Traumzeit". Für ihn waren Träume nichts anderes als ein sekundenschnelles Flashback des Gehirns während des Erwachens.

Ein eigenes Traumerlebnis hatte Maury auf diese Idee gebracht: Er träumte einen scheinbar langen, verwickelten Traum, in dem er sich durch die Wirren der Französischen Revolution bewegte. In der letzten Traumszene sollte er hingerichtet werden und wurde zur Guillotine geführt. In dem Moment, als das Messer auf seinen Nacken herabfiel, wachte Maury auf - und stellte fest, dass im ein Teil seines Bettgestells auf den Hals gefallen war.

 Verzerrte Zeit...
Verzerrte Zeit...
© Podbregar/IMSI MasterClips
War der scheinbar so lange Traum vielleicht eine Illusion? Hatte in Wahrheit sein Bewusstsein in Sekundenschnelle gleichsam rückwirkend auf äußeren Reiz des Nackenschlags eine passende Traumgeschichte erschaffen? Maury und später auch Sigmund Freud glaubten genau dies. Für sie waren die gefühlte "Traumzeit" und die reale Zeit in keinster Weise deckungsgleich.

Mit der Entdeckung des REM-Schlafs und der gezielten Traumforschung im Schlaflabor wurde diese Annahme jedoch schnell widerlegt: Weckversuche mit Probanden nach unterschiedlich langer Zeit im REM-Schlaf haben gezeigt, dass die Länge der Traumberichte mit der Länge der Traumschlaf-Phase gut übereinstimmt.

Einzige Ausnahme: Menschen, die nach sehr langem REM-Schlaf geweckt werden, können sich trotzdem nur an die letzten 15 Minuten des Traums erinnern, obwohl sie das Gefühl haben, sehr lange geträumt zu haben. Offenbar war die Erinnerung an den Traumbeginn schon wieder verblasst.

Mit eingebauter Verzögerung...
Der Alltag und seine Verarbeitung spielt in vielen unserer Träume eine wichtige Rolle. Vor allem in der ersten Schlafphase sind es meist die Ereignisse des selben Tages, die im Traum wiederkehren. Doch gerade in der REM-Phase der zweiten Nachthälfte träumen wir oft von Geschehnissen oder Erfahrungen, die bereits einige Tage zurückliegen. Die unmittelbare Gegenwart dagegen taucht nur selten auf.

Der erste, der diese "Zeitverschiebung" entdeckte, war der französische Neurophysiologe Michel Jouvet. Er war als einer der Pioniere der Traumforschung viel auf Vortragsreisen im Ausland unterwegs und hielt sich dabei meist etwa eine Woche an einem Ort auf. Da er regelmäßig seine eigenen Träume aufschrieb und analysierte, fiel ihm auf, dass er nach der Ankunft in einer neuen Stadt zunächst einige Tage lang noch immer hauptsächlich von Ereignissen seines letzten Reiseziels träumte. Erst nach sechs bis acht Tagen "holte" der Traum auf und die neue Umgebung spiegelte sich nun auch in seinen Träumen wieder.

Dass diese Verzögerung auch in anderen Fällen häufig aufzutreten scheint, zeigen unter anderem Untersuchungen des israelischen Schlafforschers Perez Lavie. Er überprüfte die verzögerte Aufnahme der Tagesereignisse in die Traumwelt während des ersten Golfkriegs, ein für die meisten Israelis mit akuter Bedrohung verbundenes Ereignis. In den ersten Tagen, nachdem die ersten Scud-Raketen in Tel Aviv eingeschlagen waren, spielte der Krieg nur in den wenigsten Träumen seiner Probanden direkt oder indirekt eine Rolle. Auch die für jeden zur Grundausstattung gehörende Gasmaske tauchte kaum auf. Ein paar Wochen später jedoch hatte sich dies vollkommen geändert: In etwa der Hälfte aller Träume kamen nun Gasmasken, Raketen oder bedrohliche Situationen vor.

Noch allerdings haben die Schlafforscher für diese Zeitverzögerung keine eindeutige Erklärung. Weder, warum es sie gibt, noch, nach welchen Kriterien das Gehirn Ereignisse entweder sofort oder aber mit Verzögerung im Traum wieder aufgreift...

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Träumen
Wenn das Gehirn eigene Wege geht...
"Nachtschicht" im Gehirn
Das Rätsel der Träume
Eine Reise durch die Nacht: Wenn der Vorhang fällt
Vom Wachsein in den Schlaf
Sprung in das Vergessen
Der Tiefschlaf
Unterwegs in einer fremden Welt
Der Traumschlaf der REM-Phase
Ein Reich mit eigenen Regeln...
Was träumen wir, wenn wir träumen?
In der Traumzeit...
Zeit und Zeitwahrnehmung im Traum
Bewegte Träume
"Traumabdrücke" in Muskeln und Gehirn
Ein Granatsplitter macht Geschichte
Was steuert den Traumschlaf?
Signale aus der Innenwelt
Wie träumt das Gehirn?
Sinnlos oder biologisch notwendig?
Warum träumen wir?
Lernen (wie) im Traum?
Lernen, Denken, Träumen...
Träumen Delfine?
REM-Schlaf und Traum bei Tieren
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Lake Wostok
Quallen
Aktuelle Dossiers
Wie eine lebende Haut
Neue Korrosionsschutzschichten sollen Defekte selbstständig heilen
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts