Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Vorhersage: Das „VAN-Verfahren“
Elektrische Ströme als Vorboten von Erdbeben?

1995 löste eine Forschergruppe von der Athener Universität eine heftige weltweite Kontroverse aus. Ihnen war es gelungen, mit einer neuen Methode drei große Erdbeben entlang von Verwerfungen vorherzusagen, die bis zu dem Zeitpunkt jeweils als inaktiv eingestuft worden waren. Insgesamt soll die Arbeitsgruppe damit 10 von 14 Beben im griechischen Raum erfolgreich prognostiziert haben. Während die drei Forscher Varotsos, Alexopoulos und Nomicos – in Fachkreisen als „VAN“ abgekürzt – erklärten, ihre Methode sei zuverlässiger als alle bisherigen, wurde sie von Kritikern radikal als „Unsinn“ bezeichnet.

Worum handelte es sich bei dieser so umstrittenen Methode? Die Athener Wissenschaftler waren bereits in den achtziger Jahren mit Laborexperimenten in die Erdbebenforschung eingestiegen. Sie hatten untersucht, wie sich Gesteinsbrocken verhalten, wenn sie hohem Druck ausgesetzt werden, und dabei entdeckt, daß jedesmal kurz bevor der Gesteinsbrocken zerbarst, kurzlebige elektrische Ströme auftraten. Könnte dieses Phänomen vielleicht auch im Freiland durch den zunehmenden Druck kurz vor einem Beben gemessen werden?

Um das zu testen, bauten die VAN Forscher gigantische Versuchsanlagen mit kilometerlangen Kabelverbindungen und unzähligen Meßapparaturen über ganz Griechenland verteilt auf. Und tatsächlich gelang es ihnen im Vorfeld einiger Erdbeben ähnliche elektrische Signale aus dem Erdboden aufzufangen. Die Veröffentlichung ihrer Ergebnisse brachte sie ins Rampenlicht des öffentlichen und wissenschaftlichen Interesses. Die Royal Society berief eigens eine Konferenz in London ein, um die Bedeutung dieser Befunde zu diskutieren und japanische Funktionäre finanzierten umgehend eine Millionen Dollar teure Studie in ihrem Land.

Viele Geophysiker standen und stehen den Ergebnissen der VAN-Forscher allerdings sehr skeptisch gegenüber. So ist immer noch unklar, welcher Mechanismus die elektrischen Signale tatsächlich hervorruft. VAN vertreten die These, Mikrobrüche in der Kristallstruktur des Gesteins breche die chemischen Bindungen auf und führe so zu einer Ladungstrennung und damit zu einer elektrischen Spannung im Fels. Skeptiker halten die gemessenen Ströme eher für menschengemacht und verweisen darauf, daß die Methode in jedem Falle ungeeignet für dichtbesiedelte Ballungsräume wie Tokio oder San Francisco sei, da dort zuviel Streuelektrizität von menschlichen Aktivitäten vorhanden ist.
Auch in physikalischen Modellen ließ sich die Entstehung dieser Ströme nicht nachvollziehen. Rätselhaft ist ebenfalls noch, warum die Ströme zwar in größerer Entfernung von einem potentiellen Bebenherd meßbar sind, nicht aber in der unmittelbaren Nähe.

Die Kritik richtet sich aber nicht nur gegen die fehlende Erklärung für die geophysikalischen Prozesse, sondern auch gegen die nicht nachvollziehbare Methode, mit der die gemessenen Signale von den VAN-Forschern in Erdbebenvorhersagen umgedeutet werden. Während Varotsos erklärt, es sei eine Sache der Erfahrung und die Kritiker beschuldigt, ihre Hausaufgaben nicht gemacht zu haben, kontern die Skeptiker mit dem Vorwurf, die Interpretation sei eine „Black Box“ und die entscheidenden Parameter für eine sinnvolle Vorhersage, nämlich Zeit, Ort und Stärke seien ohnehin zu ungenau. Auch über die tatsächliche Verläßlichkeit der Prognosen gehen die Meinungen auseinander: In den Medien werden Werte von 70 Prozent und mehr gehandelt, der Seismologe Robert Geller von der Universität Tokyo hält dagegen 20 Prozent für realistischer.
.
Angesichts der Heftigkeit, mit der die Auseinandersetzung in den Fachblättern und auf Tagungen seitdem geführt wird, charakterisierte Max Wyss, ein Seismologe des Geophysikalischen Institutes der Universität von Alaska, die Debatte so: „Dies ist keine Frage der Wissenschaft, dies ist ein Straßenkampf“.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Erdbeben
Vorhersagbar oder aus heiterem Himmel?
Die Theorie der Plattentektonik
Von Kontinenten, Drift und Konvektionsströmen
Die Bewegungen der tektonischen Platten
Divergenz-, Konvergenz- und Scherungszonen der Plattengrenzen
Globale Verteilung von Erdbeben
Epizentren von 1954 bis 1998
Intraplattenbeben
Warum auch in Deutschland die Erde beben kann
Seismologie: Von Wellen, Schwingungen und Kompressionen
Erdbebenwellen und ihre Wirkungen
Lokalisierung des Bebenherds
Der Bebenentstehung auf der Spur...
Von Magnituden, Intensitäten und dem seismischen Moment
Die Bestimmung der Erdbebenstärke
Die Beschaffenheit des Untergrunds
Die Beispiele Mexico City und Loma Prieta
Vom Drachen- Seismoskop zum „Strong- Motion- Sensor“
Instrumente zur Erdbebenmessung
Kriechende Steine, Dehnungsmesser und Laserlicht
Geophysikalische und geodätische Methoden der Erdbebenüberwachung
Unterstützung aus dem All
Vermessung der Plattenbewegungen mittels GPS
Vorhersage: Das „VAN-Verfahren“
Elektrische Ströme als Vorboten von Erdbeben?
Mathematiker bringen Prognosen zum Beben...
Wie genau sind die Berechnungen der Erdbeben- wahrscheinlichkeit?
Wenn das ersehnte Beben ausbleibt...
Das Parkfield-Experiment
Chronik
Die wichtigsten Beben im Überblick
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Lake Wostok
Faultiere
Die großen Massenaussterben
Aktuelle Dossiers
Wie eine lebende Haut
Neue Korrosionsschutzschichten sollen Defekte selbstständig heilen
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts