|
1995 löste eine Forschergruppe von der Athener Universität eine heftige weltweite Kontroverse aus. Ihnen war es gelungen, mit einer neuen Methode drei große Erdbeben entlang von Verwerfungen vorherzusagen, die bis zu dem Zeitpunkt jeweils als inaktiv eingestuft worden waren. Insgesamt soll die Arbeitsgruppe damit 10 von 14 Beben im griechischen Raum erfolgreich prognostiziert haben. Während die drei Forscher Varotsos, Alexopoulos und Nomicos – in Fachkreisen als „VAN“ abgekürzt – erklärten, ihre Methode sei zuverlässiger als alle bisherigen, wurde sie von Kritikern radikal als „Unsinn“ bezeichnet.
Worum handelte es sich bei dieser so umstrittenen Methode? Die Athener Wissenschaftler waren bereits in den achtziger Jahren mit Laborexperimenten in die Erdbebenforschung eingestiegen. Sie hatten untersucht, wie sich Gesteinsbrocken verhalten, wenn sie hohem Druck ausgesetzt werden, und dabei entdeckt, daß jedesmal kurz bevor der Gesteinsbrocken zerbarst, kurzlebige elektrische Ströme auftraten. Könnte dieses Phänomen vielleicht auch im Freiland durch den zunehmenden Druck kurz vor einem Beben gemessen werden?
Um das zu testen, bauten die VAN Forscher gigantische Versuchsanlagen mit kilometerlangen Kabelverbindungen und unzähligen Meßapparaturen über ganz Griechenland verteilt auf. Und tatsächlich gelang es ihnen im Vorfeld einiger Erdbeben ähnliche elektrische Signale aus dem Erdboden aufzufangen. Die Veröffentlichung ihrer Ergebnisse brachte sie ins Rampenlicht des öffentlichen und wissenschaftlichen Interesses. Die Royal Society berief eigens eine Konferenz in London ein, um die Bedeutung dieser Befunde zu diskutieren und japanische Funktionäre finanzierten umgehend eine Millionen Dollar teure Studie in ihrem Land.
Viele Geophysiker standen und stehen den Ergebnissen der VAN-Forscher allerdings sehr skeptisch gegenüber. So ist immer noch unklar, welcher Mechanismus die elektrischen Signale tatsächlich hervorruft. VAN vertreten die These, Mikrobrüche in der Kristallstruktur des Gesteins breche die chemischen Bindungen auf und führe so zu einer Ladungstrennung und damit zu einer elektrischen Spannung im Fels. Skeptiker halten die gemessenen Ströme eher für menschengemacht und verweisen darauf, daß die Methode in jedem Falle ungeeignet für dichtbesiedelte Ballungsräume wie Tokio oder San Francisco sei, da dort zuviel Streuelektrizität von menschlichen Aktivitäten vorhanden ist.
Auch in physikalischen Modellen ließ sich die Entstehung dieser Ströme nicht nachvollziehen. Rätselhaft ist ebenfalls noch, warum die Ströme zwar in größerer Entfernung von einem potentiellen Bebenherd meßbar sind, nicht aber in der unmittelbaren Nähe.
Die Kritik richtet sich aber nicht nur gegen die fehlende Erklärung für die geophysikalischen Prozesse, sondern auch gegen die nicht nachvollziehbare Methode, mit der die gemessenen Signale von den VAN-Forschern in Erdbebenvorhersagen umgedeutet werden. Während Varotsos erklärt, es sei eine Sache der Erfahrung und die Kritiker beschuldigt, ihre Hausaufgaben nicht gemacht zu haben, kontern die Skeptiker mit dem Vorwurf, die Interpretation sei eine „Black Box“ und die entscheidenden Parameter für eine sinnvolle Vorhersage, nämlich Zeit, Ort und Stärke seien ohnehin zu ungenau. Auch über die tatsächliche Verläßlichkeit der Prognosen gehen die Meinungen auseinander: In den Medien werden Werte von 70 Prozent und mehr gehandelt, der Seismologe Robert Geller von der Universität Tokyo hält dagegen 20 Prozent für realistischer.
.
Angesichts der Heftigkeit, mit der die Auseinandersetzung in den Fachblättern und auf Tagungen seitdem geführt wird, charakterisierte Max Wyss, ein Seismologe des Geophysikalischen Institutes der Universität von Alaska, die Debatte so: „Dies ist keine Frage der Wissenschaft, dies ist ein Straßenkampf“.
|