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Montag, 13.02.2012
HH-39 – Der „Stein von Rosetta“ Nordamerikas
Dendrochronologie - Die Geburt, Teil II

A.E. Douglass mit Holzbohrkern 
A.E. Douglass mit Holzbohrkern
© LTRR, Tucson
An einem Samstagmorgen, es ist der 22. Juni 1929 und der vierte Tag einer neuerlichen Feldkampagne, suchen zwei junge Archäologen in den Ruinen eines Pueblos südöstlich von Flagstaff nach weiteren Holzresten für die Chronologie. Emil Haury und Lyndon Hargrave sind wenig zuversichtlich, etwas zu finden, sogar ihr Mentor Douglass ist dieses Mal in Flagstaff geblieben. Nur die Lage der Grabungsstelle tröstet die jungen Wissenschaftler über die ereignislosen Tage hinweg: Whipple Ruin liegt an einem sanften Hügel mit weitem Blick über ein waldreiches, vom Showlow-Creek durchzogenes Tal – und ihr Hotel nur wenige Schritte entfernt auf der anderen Straßenseite.

Die Grabungsstelle besteht aus drei Häusern, einigen Schuppen und Scheunen, erbaut auf den Überresten einer Anasazi-Siedlung. Viele der ursprünglichen Mauersteine sind wiederverwertet oder weggeschafft worden. Als einer der Arbeiter am abgelegenen, nördlichen Rand der Ruine zu graben beginnt, stößt er kurz unter der Oberfläche auf einen angekohlten Balken, der sich als zu groß erweist, um ihn sofort herauszuziehen. Douglass – über das Hoteltelefon informiert – eilt aus Flagstaff herbei, um das Fundstück vor Ort zu fotografieren und beim Ausgraben zu helfen.

Noch am Fundort wird allen klar, dass der Balken kostbar ist. Der älteste Baumring stammt aus dem Jahr 1237, die absolute Chronologie ist damit um 23 Jahre verlängert. Was keiner auszusprechen wagt, ist die Hoffnung, dass es sich hier um den Missing Link handelt, der die beiden Jahrringreihen zu einer einzigen vereint.

Am Abend desselben Tages ist sich Douglass sicher: der Missing Link ist gefunden. Das Fundstück HH-39, nach Haury und Hargrave und der laufenden Katalognummer bezeichnet, wird, wie Douglass selbst bemerkt, zum „Stein von Rosetta“ Nordamerikas. Verblüffend für alle wird deutlich, dass es zwischen der jahrgenau datierten, absoluten und der losgelösten, relativen Chronologie gar keine Lücke gab. Beide Sequenzen hatten sich bereits um 26 Jahre überlappt, aber der übereinstimmende Abschnitt in den Ringmustern war zu kurz für eine verlässliche Verbindung. HH-39 räumt jedoch alle Zweifel aus.

 Ponderosa-Kiefer
Ponderosa-Kiefer
© GymnospermDatabase, Universität Bonn  Ponderosa-Kiefer
Beide Chronologien zusammen reichen jetzt von 1929 lückenlos bis ins Jahr 700 zurück. Die Archäologen haben somit ein Instrument zur Hand, mit dem sie Holzfunde aus den Anasazi-Siedlungen jahrgenau datieren können, indem sie sie in die Jahrringreihe einordnen. So gelingt es, die Wanderungen und Umsiedelungen der Anasazi zu rekonstruieren. Allein aus den Holzresten lesen die Forscher, dass der Aufstieg der Indianer mit dem Bau zahlreicher neuer Pueblos um 700 begann, dass das frühe Zentrum im Chaco Canyon im Jahr 900 beginnend über sieben Generationen hinweg erbaut und 1130 wieder verlassen wurde, dass die Anasazi um 1190 in die Felsenwohnungen von Mesa Verde zogen, aber schon 85 Jahre später spurlos und für immer verschwanden. Das Holz erzählt von fetten Jahren, in denen die Dörfer expandierten, und von jahrelanger Trockenheit. Eine Folge extrem schmaler Baumringe verrät die Große Dürre von 1276 bis 1299, und lange Zeit nimmt man an, dass sie die Anasazi aus ihrem Land vertrieben hat.

Alle Rätsel der Ureinwohner im Südwesten der USA kann die 1229 Jahre lange Baumringchronologie nicht lösen, doch die Arbeit von Douglass wird zum Grundstein der nordamerikanischen Archäologie. Die Sonnenflecken hat Douglass irgendwann aus den Augen verloren, bis heute ist ihre Relevanz für das Wetter auf der Erde nicht belegt. Doch mit seinem bahnbrechenden Meisterstück etabliert Douglass die Dendrochronologie als eine der wichtigsten Methoden zur Altersbestimmung in den Naturwissenschaften.

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