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Mittwoch, 16.05.2012
Mit Schnecken gegen Schmerzen
Neue Medikamente aus Tiergiften

Das Wort Curare sorgt bei vielen für ein unbehagliches Frösteln auf der Haut. Das Pflanzengift führt beim Menschen zu massiven Lähmungen der Muskulatur, die meistens unweigerlich zum Tod führen. Das Unangenehme daran: Das Opfer kann sich nicht mehr bewegen, bleibt aber bis zum qualvollen Ende bei vollem Bewusstsein.

Dennoch ist Curare heute aus der Medizin nicht mehr wegzudenken. Mittlerweile sind es jedoch synthetische Ersatzprodukte, die in den Kliniken zum Einsatz kommen. Sie besitzen die gewünschte Curarewirkung ohne die gefährlichen Nebenwirkungen des Pflanzengiftes zu zeigen. Gerade bei Anästhesisten sind diese Mittel beliebt, die die Muskeln erschlaffen lassen und damit beispielsweise Herzoperationen erst ermöglichen.

Skorpion 
Skorpion
© U.S. Fish and Wildlife Service / Gary M. Stolz
Doch nicht nur pflanzliche, sondern auch tierische Toxine sind begehrt, um Schmerzen zu bekämpfen, die Hautkrankheit Neurodermitis zu lindern oder Herzrhythmus-Störungen zu beseitigen. Um den Geheimnissen der verschiedenen Gifte auf die Spur zu kommen, müssen die Wissenschaftler zunächst die Toxin-Cocktails von Kobras, Schwarzen Witwen oder Skorpionen analysieren und auf potentiell interessante Wirkstoffe untersuchen.

Oft scheitert dieses Vorhaben schon daran, dass nicht genügend Tiergift zur Verfügung steht. Um wenige Hundert Milligramm an Forschungsmaterial zu gewinnen, muss oft vielen Hundert Exemplare der betreffenden Art das Gift aus Zähnen oder Drüsen abgezapft werden. Eine mühsame und obendrein gefährliche Arbeit, denn freiwillig geben Giftschlangen oder Giftspinnen ihre Sekrete nicht her. Und schon so mancher Forscher ist beim „Melken“ selbst gebissen worden.

ACV1 wirkungsvoller als Morphium
Dennoch sind heute weltweit zahlreiche Forscher auf der Suche nach neuen Wirkstoffen aus dem Gift der Tiere. Einer von ihnen ist Professor Bruce Livett von der Universität in Melbourne. Schon seit Jahren beschäftigt er sich mit dem Gift der Kegelschnecken, die in vielen tropischen Meeren zu finden sind.

 Australische Kegelschnecke
Australische Kegelschnecke
© Universität von Melbourne
Livett hat im Jahr 2002 zusammen mit seinem Team aus dem extrem toxischen Conotoxin-Cocktail dieser Tiere eine Substanz extrahiert, die möglicherweise die chronischen Schmerzen von Krebs- oder Aidspatienten lindern kann. ACV1 – so der Name des Wirkstoffes - unterbricht die Schmerzweiterleitung im peripheren Nervensystem und verhindert so, dass die Schmerzsignale im Gehirn ankommen.

Dabei wirkt der Stoff viel länger und stärker als beispielsweise Morphium, macht aber trotzdem nicht süchtig. Auch andere Morphium-Nebenwirkungen wie Verstopfung oder Atemnot traten bei den bisherigen Labortests nicht auf.

„Mehr als 60 Prozent aller Menschen leiden im Laufe ihres Lebens irgendwann an chronischen Schmerzen. Der Weltmarkt für Medikamente, die diese Schmerzen bekämpfen, wächst immer weiter und hat längst die eine Milliarde Dollar-Marke überschritten. Die Ärzte warten trotzdem händeringend auf neue Mittel zur Therapie dieser Schmerzen“, sagt der Molekularbiologe Livett.

Gift der Kegelschnecken als Allheilmittel?
Er glaubt zudem noch an weitere Anwendungsmöglichkeiten für ACV1. So könnte der Wirkstoff in Zukunft auch bei Sportverletzungen oder Infektionskrankheiten wie Gürtelrose zum Einsatz kommen. „In Tierversuchen mit Ratten hat es zudem immer dann die Wundheilung verbessert, wenn dabei gleichzeitig Nervenverletzungen aufgetreten sind“, so Livett.

Doch noch ist ACV1 nicht auf dem Markt erhältlich. Zunächst muss noch ein umfangreiches Testprogramm durchlaufen werden, das nachweist, dass die Substanz tatsächlich auch beim Menschen wirkt und zudem ungefährlich ist.

Der Melbourner Forscher ist aber vom Erfolg seiner Entdeckung überzeugt und vermutet zudem, dass ACV1 nicht der einzige medizinische Wirkstoff aus dem Gift der Kegelschnecken bleibt: „Kegelschnecken besitzen ein bisher noch weitgehend unangezapftes Reservoir an Substanzen, aus denen Medikamente für die verschiedensten menschlichen Krankheiten entwickelt werden können. Das reicht von Schmerzen bis hin zur Epilepsie….“

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