Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Sonntag, 12.02.2012
Spinnenphobie
Die tut doch nichts

Iiih, eine Spinne! Wer sich vor Spinnen ekelt oder gar fürchtet, dem helfen gutgemeinte Ratschläge wie "Die tut doch nichts", "Das sind ganz nützliche Tiere" oder "Die hat vor dir mehr Angst als du vor ihr" herzlich wenig. Die Betroffenen wissen schließlich selber, dass ihnen eine normale Kreuzspinne nichts anhaben kann - dennoch ruft bei einigen selbst das Bild einer Spinne schon Angstgefühle hervor.

Ekelobjekt Spinne 
Ekelobjekt Spinne
© IMSI MasterClips
Menschen mit Tierphobien leiden unter einer Furcht vor bestimmten Lebewesen, haben also eine spezifische Phobie. Besonders häufig werden Spinnen, Insekten, Schlangen, Ratten, Pferde oder Hunde als Angst einflößend empfunden. Diese Tierphobien erscheinen selten erst beim Erwachsenen, in der Regel treten sie bereits bei Kindern auf und sind im Erwachsenenalter noch immer vorhanden.

Wie aber entstehen diese meist unbegründeten Ängste? Ein Hundebiss in der frühen Kindheit kann natürlich ein Auslöser für eine Phobie vor Hunden sein, auch wenn sich höchstens 50 Prozent der Betroffenen an ein konkretes Ereignis erinnern können. Sicher werden aber die wenigsten schmerzhafte Erfahrungen mit Ratten, Schlangen oder Spinnen gemacht haben.

Gerade bei Spinnen-Phobikern leidet in 40 Prozent der Fälle ein Elternteil (meist ist es die Mutter) ebenfalls an einer Furcht vor den Achtbeinern. In diesem Fall kann es sein, dass die Eltern diese Angst auf die Kinder übertragen, diese lernen also durch die Reaktion der Mutter (oder des Vaters), sich vor Spinnen zu fürchten. Die Phobie kann allerdings auch Veranlagung sein, oder aber eine Kombination aus beidem. Bei Schlangen, die in unseren Breitengraden nicht gerade täglich den Weg kreuzen, kann die Angst auch alleine durch elterliche Warnungen oder die Medien entstehen, ohne dass die Betroffenen jemals eine echte Schlange gesehen haben.

Eine weitere Möglichkeit für die Entstehung einer Tierphobie ist eine Reizkoppelung. Sobald jemand Schmerzen oder einen Panikanfall erleidet und zufällig ist auch ein bestimmtes Tier dabei, kann dieses zu einem Erinnerungsreiz werden. Beim Anblick des Tiers wird die Angst aus diesem Augenblick wieder wach, obwohl das Tier selber ja unbeteiligt und nicht Auslöser dieser Furcht war.

Frühere Experimente zeigten, dass Kleinkinder eine Angst vor Hunden entwickelten, wenn sie beim Anblick des Hundes gleichzeitig erschreckt wurden. Später reichte dann der bloße Anblick des Hundes aus, um diese Angstreaktion hervorzurufen. Diese eher zweifelhafte Methode wird heute natürlich nicht mehr angewandt.

Von Phobien mal ganz abgesehen werden dennoch Spinne, Würmer oder Tausendfüßler von vielen Menschen als eklig empfunden, Hunde dagegen nicht. Möglicherweise ist auch hier noch eine Angst unserer Vorfahren verankert, schließlich gibt es sehr wohl giftige Spinnen und Tausendfüßler, so dass es durchaus einen Vorteil dargestellt haben könnte, diese Tiere zu meiden. Die meisten Spinnen jedoch sind lediglich für Insekten giftig und können uns kaum gefährlich werden, selbst wenn sie mit ihren Kieferklauen unsere Haut durchdringen können. Nur wenige Arten, etwa die Schwarze Witwe oder die Sydney Funnel-web Spider können mit ihrem Gift dem Menschen etwas anhaben.

Auch wenn in bestimmten Gegenden, etwa in Brasilien, Spinnen ein ähnlich großes Problem darstellen wie Giftschlangen, wird die Bedrohung durch die Achtbeiner nicht selten durch die Medien aufgebauscht. Von Horrorgeschichten wie Spinnen aus der Yuccapalme, die unter der Haut der unwissenden Käufer tausende von Eiern ablegen, mal abgesehen: Häufig werden Symptome der Lyme-Krankheit, von Herpes simplex oder Diabetes zunächst fälschlicherweise als "möglicher Spinnenbiss" gedeutet.


Wer es leid ist, beim Anblick einer Spinne in Panik auszubrechen, kann sich einer Konfrontationstherapie unterziehen. Hier werden unter Aufsicht eines Fachmanns furchteinflößende Situationen simuliert, entweder mithilfe echter Spinnen oder über virtuelle Spinnen, die mit einem Cyber-Helm wahrgenommen werden. Bei 20 Prozent der Teilnehmer zeigt diese Therapie allerdings keinen Erfolg - sie werden weiterhin zum Staubsauger zu greifen, um eine Spinne zu entfernen.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Pfui Spinne!
Warum wir uns ekeln
Vanille und faule Eier
Nützlicher Ekel
Hauptsache süß
Wie uns Ekel vor Gift bewahrt
Erbrechen für das Kind
Schwangerschaftsübelkeit als Schutzmechanismus
Spinnenphobie
Die tut doch nichts
Punk-Lieblinge und Kanalbewohner
Was macht Ratten ekelhaft?
Nur her mit den Maden
Widerliche Biochirurgen bei der Arbeit
Dr. Ringelwurm beißt zu
Ekel vor dem Egel
Wie das duftet
Körpergerüche waren nicht immer verpönt
Der heilige Mistkäfer
Faszination und Ekel
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Lake Wostok
Quallen
Aktuelle Dossiers
Wie eine lebende Haut
Neue Korrosionsschutzschichten sollen Defekte selbstständig heilen
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts