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| Viren - klein aber gefährlich |
| Kein Krieg forderte so viele Opfer |
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 | | Influenza A Virus © CDC | "Festgefressen und festgesoffen" hätten sich die zahlreichen deutschen Soldaten, die 1918 über Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen klagten. Was der erboste General Ludendorff als Feigheit und mangelnde Vaterlandsliebe interpretierte war in Wirklichkeit eine der fatalsten Grippe-Epidemien, die die Menschheit jemals erlebt hat. Aus zwei Viren - eines nutzte den Menschen als Wirt, das andere Vögel - hatte sich in Schweinen ein neues, viel gefährlicheres Super-Virus gebildet und war nun zurück in den Menschen gewandert. In nur zwei Jahren breitete sich das Virus über alle Erdteile aus, etwa 21 Millionen Menschen starben. Die von Grippeviren ausgelösten Infektionskrankheiten forderten mehr Todesopfer als alle Kriege zusammengenommen.
Mit der Entdeckung des Penicillins durch Alexander Fleming hatte die Menschheit endlich eine wirksame Waffe gegen Bakterien in der Hand. Doch gegen Viren existiert bis heute keine solche Waffe. Natürlich gibt es gewisse Schutzimpfungen, aber ist die Viruserkrankung erst einmal ausgebrochen, gibt es kaum Möglichkeiten, dagegen anzukommen. Im Gegensatz zu Bakterien, bei denen Stoffwechselwege oder Enzyme durch Antibiotika gehemmt werden können, besitzen Viren fast keine Enzyme. Da sie sich des Stoffwechsels ihres Wirtes bedienen, gibt es nur wenige wirkungsvolle Hemmstoffe, die nicht gleichzeitig körperpereigene Funktionen lahmlegen.
 | | Poliovirus © CDC | Und selbst auf Schutzimpfungen ist keineswegs immer Verlass. Durch Mutationen können die Viren beliebig oft ihre äußere Struktur ändern. Dabei kann leicht ein neuer Stamm entstehen, den das Immunsystem nicht mehr erkennt, die Impfung stellt keinen Schutz mehr dar. Normalerweise treten Mutationen nicht so häufig auf, aber Viren haben verschiedene Tricks auf Lager. Beim HI-Virus zum Beispiel baut die Reverse Transkriptase, die die mitgelieferte RNA in DNA überschreibt, bei jedem Replikationsvorgang mehrere Fehler ein. Da kann es gut sein, dass sich eine dieser Mutationen als hilfreich entpuppt und das Immunsystem so unterlaufen kann.
Je häufiger ein Virus übertragen wird, desto häufiger sind auch die Mutationen. Breitet sich also ein Virus schnell aus und befällt viele Menschen, so steigt auch die Chance, dass sich die Viren verändern und dabei neue Resistenzen ausbilden. Beinahe täglich tauchen auf diese Weise neue Virusvarianten auf. Doch nicht nur das: Auch Viren, die sich bisher nur in Tieren als Wirtsorganismen vermehren konnten, können durch solche Mutationen dann auch Menschen befallen. Eine weitere Gefahr bilden bisher weitgehend unerforschte Gebiete. Allein in den brasilianischen Regenwäldern sind mindestens 50 Viren bekannt, die dem Menschen schaden. Hunderte weitere Viren warten - bisher noch unentdeckt - nur darauf, dass sich ein Mensch in ihre Nähe verirrt.
Viren benutzen uns Menschen nicht nur, um sich innerhalb eines Körpers zu vermehren, sie lassen sich auch durch uns auf andere Menschen übertragen. Rhinoviren etwa gelangen in den Körper eines neuen Wirtes, in dem sie durch Husten oder Niesanfälle nach aussen geschleudert werden. Auf diese Weise können die Erreger des Schnupfens, die an der Luft nicht lange überleben, schnell übertragen werden. Überall. Im Büro, an der Bushaltestelle oder im Fahrstuhl. Pockenviren müssen keine derartigen Vorsichtsmaßnahmen treffen. Sie können jahrelang ausserhalb des Körpers überleben. Selbst wenn sie ihren Wirt töten, werden sie früher oder später Gelegenheit haben, in einen neuen Menschen einzudringen. Diesen Luxus des schnellen Tötens können sich die Erreger von Aids nicht leisten. Auch sie sterben an der Luft und müssen ihren Wirt daher so lange am Leben erhalten, dass dieser noch genügend Gelegenheit hat, den Virus etwa durch Geschlechtsverkehr weiterzugeben.
Insgesamt schätzt man die Zahl der verschiedenen Virustypen der Erde auf 5.000. Erforscht ist davon gerade mal ein kleiner Bruchteil. Welche Gefahren und Krankheiten diese Welt noch für uns bereit hält, können wir nicht einmal ahnen.
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Stand 15.06.2000 |
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