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Montag, 13.02.2012
Paschtunen, Tadschiken, Nuristani
Wer sind die Afghanen?

Ein Volk von Extremisten, Selbstmordattentätern, Islamisten? Ein Volk, das seit dem russisch-afghanischen Bürgerkrieg für den Dschihad, den Kampf der Gotteskrieger im Namen des Islam, seit der Machtübernahme der radikalislamischen Taliban für religiösen Fanatismus und seit dem 11. September 2001 für eine wachsende Gefahr des Terrorismus steht. Sind das die Menschen Afghanistans?

Namensgeber: Die Paschtunen
„Die Afghanen“, das ist – rein etymologisch gesehen – das Volk der Paschtunen, die vorwiegend im südlichen und östlichen Teil Afghanistans leben. Denn „Afghane“ heißt auf persisch Paschtune. Als Afghanistan, als „Land der Paschtunen“, wurde das Siedlungsgebiet der Paschtunen erstmals im Jahr 1801 im Anglo-Persischen Friedensvertrag bezeichnet.

 Hazara-Junge in Nord-Afghanistan
Hazara-Junge in Nord-Afghanistan
© GNU FDL
Heute gilt Afghanistan als ein Vielvölkerstaat mit, je nach Quelle, 50 bis 200 Ethnien und Minoritäten. Die Mehrheit der etwa 30 Millionen Afghanen bilden heute mit etwa 40 Prozent Bevölkerungsanteil die Namensgeber des Landes, die Paschtunen. Deren Herkunft, persisch, griechisch-baktrisch, arabisch oder indogermanisch, ist nicht eindeutig geklärt. Sie stammen jedoch aus dem heutigen Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan. Die Paschtunen sind vorwiegend sunnitische Muslime. Sie gehören damit der mehrheitlichen Glaubensrichtung des Islams an. Die Paschtunen pflegen einen eigenen Rechts- und Ehrenkodex, den Paschtunwali.

Zu den Paschtuen wird auch das Volk der Kuchi, ein Nomadenstamm, gezählt. Sie gelten als Minderheit in Afghanistan und sind durch einen Artikel in der Verfassung Afghanistans besonders geschützt. Die Kuchi leben im Norden des Landes meist von Viehhaltung und wandern zwischen Weidgründen hin und her. Aber sie besiedeln auch, mittlerweile nahezu sesshaft, Armensiedlungen in Kabul. Nicht alle Kuchi sind im ursprünglichen Sinne Paschtunen, doch sie haben über die letzten Jahrhunderte hinweg die Sprache der Paschtunen, das Paschtu, angenommen.

Ethnie unbestimmt: Die Tadschiken
Die zweitgrößte ethnische Gruppe in Afghanistan bilden mit etwa 30 Prozent Bevölkerungsanteil die Tadschiken. Sie sind persischer Abstammung und sprechen Dari, die am meisten verbreitete Sprache in Afghanistan. Das Dari entspricht dem Persischen oder Farsi und wird, mit einer auf dem kyrillischen beruhenden Schriftsprache, auch in Tadschikistan gesprochen. Als Tadschiken wurden in Afghanistan ursprünglich Menschen beschrieben, die sich keiner anderen Ethnie zuordnen ließen.

Dschinghis Khans Erben? Die Hazara
Die Hazara schließlich, ein vermutlich turk-mongolischstämmiges Volk, sind mit etwa 20 Prozent die drittgrößte Bevölkerungsgruppe. Sie sind auch persisch-sprachig, in der Sprache finden sich jedoch viele mongolische und turk-sprachige Wörter. Dass die Hazara direkte Nachkommen von Dschinghis Khan sind, wurde in den letzten Jahren durch archäologische Nachweise widerlegt. Demnach leben die Hazara bereits seit 6.000 Jahren in Zentralafghanistan, dem heutigen Hazarajad oder Hazaristan. Die Hazara gehören überwiegend dem schiitischen Islam an, eine Minderheit im überwiegend sunnitisch geprägten zentralasiatischen Raum.

Usbeken, Turkmenen, Nuristani, Belutschen, Paschai, Aimaq oder Farsiwan sind weitere ethnische Gruppen, die zusammen etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen und vor allem im Norden und Nordosten leben, oft auch in sich über die Grenzen Afghanistans hinaus erstreckenden Gebieten.

Wie wichtig ist die Ethnie
Wie unscharf die Einteilung zwischen verschiedenen Volksstämmen in Afghanistan jedoch ist, zeigt der Anteil der gesprochenen Sprachen. Während die Paschtunen mit etwa 40 Prozent den größten Teil der Bevölkerung bilden, sprechen nur etwa 35 Prozent der Afghanen Paschtu. Viele Paschtunen, vor allem in Kabul, sprechen ihre Muttersprache nicht, sondern verständigen sich in Dari. Diese Sprache wird von etwa der Hälfte aller Afghanen genutzt, eingeschlossen die Tadschiken und Hazara. Die Turksprachen Usbekisch und Turkmenisch spricht etwa ein Zehntel der Afghanen.

Immer wieder wird die Instabilität des afghanischen Staates auf die vielen verschiedenen Völkerstämme zurückgeführt. Gegen eine Überbewertung der ethnischen Hintergründe für die Konflikte in Afghanistan spricht sich jedoch Conrad Schetter vom Zentrum für Entwicklungsforschung in Bonn aus. Schetter sieht eher ein „Problem der ethnischen Abgrenzung und der Passivität vieler Afghanen gegenüber ihrer ethnischen Gruppe“. Für viele Afghanen seien Dörfer, Talschaften, Großfamilien, Stämme und religiöse Gruppen viel eher Grundlage ihrer politischen Identität.

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