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Sonntag, 12.02.2012
... doch ohne Vertrauen kein Fortschritt
Die Arbeit deutscher Entwicklungshelfer – Teil 2

Auch im Norden der Provinz Takhar wird sichtbar, was möglich ist, wenn die Entwicklungshelfer in Ruhe arbeiten können. Bereits im Jahr 2001 war die deutsche NGO Cap Anamur nach Khoja Ghor gekommen, einem Distrikt mit etwa 15.000 Einwohnern, an der Grenze zu Tadschikistan. Hier, am Grenzfluss Amu Darja, lieferten sich Russische Armee und Mudschaheddin erbitterte Kämpfe. Dreimal wurde die Distrikthauptstadt von den Taliban zerstört.

Die von Deutschland errichtete Goethe-Schule in Khoja Ghor 
Die von Deutschland errichtete Goethe-Schule in Khoja Ghor
© Edda Schlager  Die von Deutschland errichtete Goethe-Schule in Khoja Ghor
Cap Anamur baute die erste Mädchenschule in Khoja Ghor, rund 2.000 Kinder besuchen die Schule heute. Zwei Brunnen, die die Deutschen bauten, versorgen die Stadt mit sauberem Trinkwasser. Obwohl es mit Kanistern und Eseln von der Zapfstelle geholt werden muss, sei das ein enormer Fortschritt für die Einheimischen, sagt Bismilla Arifi. Der 47jährige war früher Journalist, fünf Jahre lang hat er für Cap Anamur als Übersetzer gearbeitet. Heute ist Bismilla der lokale GTZ-Experte in Khoja Ghor, und über die Probleme, unter denen sein Land leidet, ist er sich im Klaren. „Der Islam ist nicht gegen Entwicklung,“ sagt der Muslim. Doch Entwicklung brauche Zeit.

Hilfe für Frauen
Für ihn, der noch vor dem Krieg in Kabul studiert hat, ist es selbstverständlich, auch Frauen Entwicklungschancen zu bieten. Deshalb sieht er keine Respektlosigkeit darin, dass Internationale Organisationen spezielle Frauenprojekte fördern. So wie die GTZ, die Anfang des Jahres in Khoja Ghor einen Betrieb nur für Frauen ins Leben gerufen hat.

In einem schattigen Innenhof mit Nussbäumen sitzen diese Frauen, mehr als dreißig sind es, in bunten Kleidern auf dem Boden. Am Haus hängen auf einer Reihe von Kleiderhaken die blauen Burkas. Es hämmert und klopft, Drahtrollen türmen sich auf, manche der Frauen tragen große Lederhandschuhe. In mühsamer Handarbeit flechten sie Gabione, etwa zwei mal zwei Meter große Drahtgitter. Die Drahtgeflechte werden später mit Steinen gefüllt als Uferbefestigung dienen.

Die Nachfrage nach den Gabionen ist in Khoja Ghor und den Nachbardistrikten groß. Denn jedes Jahr spült der Amu Darja mehrere Hektar Weide- und Ackerland fort. Ihren ersten Großauftrag hatten die Frauen schon. In einem Nachbarort hat die Gemeinde eine Uferbefestigung gebaut. Rund 6.000 Kubikmeter Steine waren dort in Gabione verpackt in zwölf Mauern quer zur Fließrichtung aufgetürmt, um das das Dorf vor weiteren Uferabbrüchen zu schützen. Mit diesem Projekt wird das Gesamtkonzept der GTZ verständlich – Ressourcenschutz und Frauenförderung sind aufeinander aufbauend miteinander verbunden.

Frauen ganz bewusst zu fördern sei auch Bestandteil der neuen Entwicklungsstrategie der afghanischen Regierung, sagt Eberhard Halbach. „Und das unterstützen wird, denn so erlangen die Frauen Selbstbewusstsein, und das wiederum fördert die gesamte Entwicklung einer Gemeinde,“ ist er überzeugt.

Schwacher Staat
Eine Tatsache aber zeige, dass der afghanische Staat längst nicht die Stärke hat, die sich die Deutschen und die Internationale Gebergemeinschaft erhoffen. Auch im Norden sind vor allem Mullahs, Ältestenräte oder Ex-Mudschaheddin die Ansprechpartner in den Dörfern. „Diese religiös verwurzelten Autoritäten ersetzen häufig die staatlichen Rechtsstrukturen, die weitab von Kabul einfach nicht greifen,“ so Halbach.

 Frau in der Gabionen-Fabrik
Frau in der Gabionen-Fabrik
© Edda Schlager  Frau in der Gabionen-Fabrik
Philipp Ackermann möchte trotz der Morde an den Mitarbeitern der Welthungerhilfe nicht von einer Sicherheitskrise sprechen. Bei keinem der beiden Fälle wisse man, ob sich die Angriffe wirklich gezielt gegen deutsche Entwicklungshelfer gerichtet hätten. Dennoch hofft er, dass die Afghanen den Ernst der Lage erkennen und sehen, was sie möglicherweise zu verlieren haben. Wenn dies nicht geschehe, würden auch die Deutschen ihre Konsequenzen ziehen.

„Konsequenz heißt, auch mal nein zu sagen,“ meint GTZ-Mann Halbach. Der Politik und auch den Entwicklungshilfe-Organisationen, dem Auswärtigen Amt und der Bundeswehr falle das jedoch häufig schwer. Doch Halbach fragt auch, „Zwei Entwicklungshelfer sind in diesem Jahr schon gestorben. Was soll noch passieren?“

Am 19. Mai 2007 sprengt sich auf dem Basar in Kunduz neben einer Fußpatrouille der Bundeswehr ein Attentäter in die Luft. Drei deutsche Soldaten sterben. Am 15. August 2007 sterben drei deutsche Polizisten bei einem Anschlag in Kabul. Drei Deutsche werden im Jahr 2007 entführt, eine der Geiseln stirbt. Bei mehreren Anschlägen seit Mai letzten Jahres werden Bundeswehrsoldaten verletzt, der letzte ereignet sich Anfang Juli 2008. Allein in diesem Jahr sind in Afghanistan bei Gefechten und Selbstmordattentaten mehr Menschen umgekommen als in der gleichen Zeit im Irak. Eberhard Halbach und Philipp Ackermann haben Afghanistan in der Zwischenzeit verlassen und regulär den Dienstort gewechselt.

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