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Sonntag, 12.02.2012
Archäologie im Krisengebiet
Verborgene und verlorene Schätze

Der 12. März 2001 war einer der schwärzesten Tage für Archäologen weltweit. An diesem Tag sprengten die Taliban die zwei Buddha-Statuen im Tal von Bamiyan – trotz Protesten der UNO und der Regierungen westlicher wie auch islamischer Länder.

 Modell des großen Buddhas von Bamiyan
Modell des großen Buddhas von Bamiyan
© IWF ETHZ  Modell des großen Buddhas von Bamiyan
Die Buddha-Statuen von Bamiyan
Die beiden Buddhas, der eine 55, der andere 38 Meter hoch, waren bis dahin die größten stehenden Buddha-Statuen der Welt. In den Augen der Taliban jedoch verstießen sie gegen das Bilder- und Darstellungsverbot menschlicher Gestalten, das im Islam gilt. Bereits seit der Verdrängung des Buddhismus aus der Region des heutigen Afghanistans hatten die Statuen an Bedeutung verloren und waren nach und nach beschädigt worden.

Ob die Statuen jemals wieder aufgebaut werden, ist noch unklar. Dennoch sind bereits Wissenschaftler dabei, die beiden Statuen und die Felsnischen, in denen sie gestanden haben zu rekonstruieren.

Mini-Buddhas aus Polyurethan
Armin Grün vom Institut für Geodäsie und Fernerkundung der ETH Zürich hat aus zahlreichen Fotografien ein digitales, dreidimensionales Modell des Großen der beiden Buddha-Statuen errechnet. Dieses 3D-Modell wiederum diente als Vorlage für die Kollegen vom Institut für Werkzeugmaschinen und Fertigung der ETH, die mit ihrem 3D-Scanner aus einem Polyurethan-Quader ein echtes, physisches Modell im Maßstab 1:200 drechselten.

Der wieder auferstandene große Buddha aus Kunstharz und der kleine Buddha, dessen Modell noch in Arbeit ist, sollen als Vorlage dienen, wenn die Statuen tatsächlich aus den Bruchstücken, die noch immer am ehemaligen Standort herumliegen, rekonstruiert werden.

Rettungsaktionen im Nationalmuseum
Weniger bekannt ist, dass die Taliban neben den Buddha-Statuen auch zahlreiche weitere Kulturschätze Afghanistans zerstört haben. Rund 2.500 Kunstwerke aus der Sammlung des Nationalmuseums in Kabul wurden Opfer einer extra dafür abgestellten Einsatztruppe der Taliban.

Viele Kunststücke des Kabuler Museums hatten zu diesem Zeitpunkt bereits eine Odyssee hinter sich. Gebaut im Jahre 1922, beherbergte das Museum in den 70er Jahren rund 100.000 Exponate, die Besuchern und Wissenschaftlern zugänglich waren. Als 1979 die sowjetische Armee in Afghanistan einzog, versteckte ein Minister die Kunstwerke in seinem Anwesen. Anderthalb Jahre später, in denen das Museum restauriert wurde, brachte man die Ausstellungsstücke wieder zurück..

Als sich die politische Situation in Afghanistan 1988 wieder verschlechterte beschloss die Museumsleitung, die wichtigsten Sammlungen erneut zu verstecken und brachte sie im Tresor der Zentralbank im Präsidentenpalast unter.

Das Gold der Nomaden
Unter diesen Sammlungen war auch das „Gold von Baktrien“. Erst im Winter 1978/79 war dieser Schatz vom Tilla-Teppe, dem „Goldhügel“, in der Oase von Shiberghan, unweit von Mazar-i-Sharif entdeckt worden. Ein russisch-afghanisches Archäologen unter der Leitung von Viktor Sarianidi wollte die Ruinen des Emshi-Tempels, die Überreste einer griechisch-baktrischen Stadt, untersuchen.

 Nationalmuseum in Kabul
Nationalmuseum in Kabul
© www.afghan-aid.de
Dabei stießen sie auf viel ältere Scherben aus dem 2. Jahrtausend v. Chr.. Unter dem Sand stießen sie auf Reste eines monumentalen Bauwerks mit einer Terrasse und Säulensälen, umgeben von einer dicken Mauer. Während der Ausgrabungen entdeckte man teils an der Seite des Hügels, teils in der Mauer sechs Gräber mit über 20.000 Fundstücken.

Die wurden nach Kabul ins Museum gebracht. Am letzten Tag der Ausgrabungskampagne fanden die Archäologen noch ein siebentes Grab, mussten dies aber zurücklassen. Ein Jahr später wollte man zurückkehren. Doch der Einzug der Beginn des Afghanistan-Krieges verhinderte das.

Bis heute sind nicht alle Rätsel um das baktrische Gold gelöst. Klar scheint, dass die Gräber von einem Nomadenvolk angelegt wurden. Doch die Verwandten, die ihre Toten hier begruben, scheinen gestört worden zu sein. Sie hatten keine Zeit, richtige Grabhügel
anzulegen. Die Grabbeigaben scheinen aus China und aus Indien zu stammen, manche sind in hellenistischer Tradition geschaffen. Wer die Schmuckstücke aber geschaffen hat, welcher Nomadenstamm hier seine Toten begrub und warum gerade hier, ist bis heute unklar.

Archäologen in den Startlöchern
Dass Afghanistan jedoch seit Jahrhunderten ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen ist, davon sind Wissenschaftler überzeugt. Umso dringlicher stehen deshalb Archäologen, Restauratoren und Altertumsforscher aus aller Welt in den Startlöchern, um Fragen der Siedlungsgeschichte dieser Region zu klären. Seit 1979, seit dem Einmarsch der Sowjettruppen, konnten in Afghanistan keine archäologischen Arbeiten mehr durchgeführt werden. Die wissenschaftlichen Methoden haben sich in den vergangenen 30 Jahren erheblich verbessert.

Doch noch warnen Experten vor der instabilen Lage. Und im amerikanischen Wissenschaftsmagazin „Science“ weist Nancy Dupree, eine langjährige Expertin des Afghanischen Kulturerbes, auf die Gefahren für potentielle Ausgrabungen selbst hin: „Sobald gegraben wird, werden die Menschen plündern. Wenn man drei Monate im Jahr Ausgrabungen vornimmt und dann das Land verlässt, bleiben die Funde offen liegen."

Michael Petzet vom International Council on Monuments and Sites ist außerdem davon überzeugt: „Alles, was sich unter der Erde befindet, sollte dort auch bleiben. Wir sollten lieber das erhalten, was nach den Zerstörungen noch übrig ist, als neue Dinge auszugraben."

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