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Montag, 13.02.2012
Fenster in die Innenwelt
Ein Autist wird Ausnahmekünstler

Typische Eigenheit vieler autistischer Kinder: Zwanghaftes Ordnen von Gegenständen 
Typische Eigenheit vieler autistischer Kinder: Zwanghaftes Ordnen von Gegenständen
© Nancy J Price/ GFDL  Typische Eigenheit vieler autistischer Kinder: Zwanghaftes Ordnen von Gegenständen
Jonathan war ein scheinbar normales, glückliches Kleinkind – bis er zwei Jahre alt wurde. Dann begann er, sich in sich zurück zu ziehen. Er sprach nicht mehr, schaute seine Eltern nicht mehr an und seine geistige Entwicklung stockte. „Wenn unsere Freunde uns besuchen kamen, legte er sich auf den Boden an eine Wand und starrte diese an – stundenlang“, erzählte seine Mutter Caren in einer unveröffentlichten Autobiografie. „Wir begannen uns zu wundern, warum er uns ignorierte, wenn wir seinen Namen riefen. Zuvor konnte er das Alphabetlied singen, bis zwölf zählen und hatte sogar schon gelernt, einige Körperteile zu identifizieren. Dann eines Tages, ohne Vorwarnung, verschwanden diese Meilensteine in Jonathans Entwicklung einfach wieder.“

Malen als Fenster
Mit drei Jahren schließlich erhielt er die Diagnose „Autistische Entwicklungsstörung“ (PDD). Als er älter war, wurde sein IQ auf nur 53 eingestuft, er erhielt spezielles Verhaltenstraining und Förderunterricht. Mit zehn Jahren nahm er regelmäßig an einem Förderprogramm der örtlichen jüdischen Gemeinde teil.

Von einer der dortigen Mitarbeiterinnen bekam seine Mutter eines Nachmittags einen Anruf, wie sie auf der Website „Savant-Syndrome“ erzählt: „Sie müssen rüberkommen und sich anschauen, was er tut.“ Seine Mutter fragte daraufhin: „Was denn, hält er die anderen Kinder als Geiseln?“ „Nein“, kam die Antwort, „er malt.“ Jonathan hatte begonnen, mit Kohle Gesichter zu malen, die nichts von Kinderzeichnungen an sich hatten. Stattdessen besaßen sie eine ungewöhnliche Intensität und großen künstlerischen Ausdruck.

 Jonathan Lermans Bilder sind inzwischen als Buch erhältlich
Jonathan Lermans Bilder sind inzwischen als Buch erhältlich
© Lerman/K. S. Art  Jonathan Lermans Bilder sind inzwischen als Buch erhältlich
Heute ist Jonathan Lerman 21 Jahre alt, seine Bilder werden in Einzelausstellungen in New York und anderswo gezeigt und er gilt als einer der begabtesten „Outsider Artists“. Seine Bilder werden für mehr als tausend Dollar verkauft und Lyle Rexer, ein Kunstkritiker, verglich seine Werke in der New York Times mit George Grosz und Francis Bacon „aber ohne den Horror und die Scham.“ Inwieweit der Urheber dieser Werke seinen Ruhm überhaupt versteht, ist selbst den Eltern nicht klar. Denn noch immer lebt Jonathan in seiner eigenen Welt, spricht kaum und versteht vermutlich nur wenig. „Seine Fähigkeit, zu verstehen ist nicht sehr groß“, erklärt seine Mutter. Einzig seine Bilder geben einen kleinen Einblick in seine Welt – rätselhaft und verzerrt, aber mit einer seltsamen Schärfe beobachtet.

Ausnahmebegabungen
Jonathan ist einer von weltweit nur rund 50 hochtalentierten Savants – Menschen mit mehr oder weniger starken geistigen, sozialen und körperlichen Einschränkungen, die aber außergewöhnliche Fähigkeiten auf eng umgrenzten Gebieten besitzen. Ihre Begabungen sind nicht nur gemessen an ihren sonstigen Behinderungen besonders, sondern ragen auch aus der Menge aller anderen Menschen heraus, scheinen teilweise an Genialität zu grenzen.

Zu solchen Inselbegabungen gehören Musiker wie der blinde Leslie Lemke, der ganze Sinfonien nach nur einmaligem Hören auf dem Klavier nachspielt, Künstler wie Jonathan Lerman, aber auch Stephen Wiltshire, der akkurate Städtepanoramen aus dem Gedächtnis zeichnet oder Alonso Clemons, der lebensechte Skulpturen modelliert. Bekannt sind auch Mathematikgenies wie Daniel Tammet, der im Jahr 2004 erstaunliche 22.514 Dezimalstellen der Kreiszahl Pi aus dem Kopf rezitierte und damit einen europäischen Rekord aufstellte.

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