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Montag, 21.05.2012
„Die Natur ist nicht wütend oder aggressiv“
Interview mit dem bekannten Vulkanologen und Eifelexperten Professor Hans-Ulrich Schmincke

Hans-Ulrich Schmincke ist einer der führenden Vulkanologen weltweit. Sein Spezialgebiet: Vulkanismus in der Eifel und speziell am Laacher See. Die Arbeit des Wissenschaftlers hat entscheidend dazu beigetragen, dass die Eifel heute als eines der am besten untersuchten Vulkangebiete der Erde gilt.

scinexx: Gewaltige Eruptionssäulen, Glutlawinen, Ascheregen: Der Ausbruch des Laacher See-Vulkans vor 12.900 Jahren war mindestens ebenso gewaltig wie der des Pinatubo 1991 oder des Mount St. Helens 1980. Herr Schmincke, wären Sie gerne „live“ dabei gewesen?

Hans-Ulrich Schmincke: Aus gehöriger Distanz ja…

scinexx: Sie erforschen seit fast 40 Jahren den Vulkanismus in der Eifel und speziell den Laacher See-Vulkan. Warum haben Sie sich gerade diese Region ausgesucht?

Schmincke: Zum Einen, weil die Vulkanfelder der Eifel für die Ausbildung der Studenten ideal sind und zudem von der Ruhr Universität Bochum aus, wo ich von 1970-1990 gelehrt habe, leicht zu erreichen waren. Darüberhinaus sind die Vulkane der Eifel in vielen Steinbrüchen und Bimsgruben hervorragend aufgeschlossen, Vorbedingung für eine präzise Analyse der Ablagerungen und damit einer möglichst realistischen Rekonstruktion der vulkanischen, chemischen und mineralogischen Entwicklungsstadien eines Vulkans.

scinexx: In mühsamer Detektivarbeit haben sie Puzzlestein für Puzzlestein zusammengefügt und so viele Rätsel um den Eifelvulkanismus und den Ausbruch des Laacher See-Vulkans gelöst. Was war für Sie dabei die größte Überraschung?

Schmincke: Eine größte Überraschung gibt es in dem Sinne nicht. Es waren viele, sodass die Eifel heute als eines der am besten untersuchten Vulkangebiete der Erde gilt. Einige der Fragen habe ich in Lehrbüchern wie „Vulkanismus“ und in allgemeinverständlichen Büchern wie „Vulkane der Eifel“ ausführlich diskutiert.

scinexx: Welche Fragen sind zurzeit noch offen?

Schmincke: Genauso viele wie zu Beginn unserer Arbeit bzw. noch viele mehr. Die Wissenschaft ist ja wie die sagenhafte Hydra: wenn man ihr einen Kopf abschlägt, kommen immer neue.

scinexx: Im Zusammenhang mit dem Eifelvulkanismus darf ein Thema nicht fehlen: War’s das? Oder rechnen Sie persönlich mit neuen Eruptionen in der Region? Und wenn ja, wann?

Schmincke: Seit ich 1970 anfing in der Eifel wissenschaftlich zu arbeiten, habe ich argumentiert, dass die bisherige Auffassung, der Vulkanismus in der Eifel sei erloschen – die auch unter Wissenschaftlern vorherrschte – wissenschaftlich unbegründet war. Dass dies inzwischen allgemein anerkannt ist - und manchmal als Neuigkeit verbreitet wird -, erstaunt nicht, denn die alte Meinung war wissenschaftlich nicht nachvollziehbar. Es bleibt aber nicht aus, dass gewisse Medien und gewisse Wissenschaftler diese ganz nüchterne Auffassung pervertieren indem sie behaupten, ein Ausbruch stehe demnächst bevor.

scinexx: Katastrophen-Thriller wie der Zweiteiler „Vulkan“ auf RTL setzen sich gerne sehr emotional mit dem Thema Vulkanausbrüche auseinander. Was halten Sie davon? Schauen Sie sich solche Filme an oder würden Sie dafür sogar als wissenschaftlicher Berater zur Verfügung stehen?

 Eine Aschewolke der Superlative
Eine Aschewolke der Superlative
© Dave Harlow / USGS / CVO  Eine Aschewolke der Superlative
Schmincke: Als ich im „Jahr der Geowissenschaften 2002“ in Köln unter anderem den Film „Dantes Peak“ vorstellte und hinterher mit den Zuhörern darüber diskutierte, fragte mich zum Schluss ein etwa 10-jähriger Junge: „Was halten Sie denn selber von dem Film?“. Meine Antwort: die für Wissenschaftler und „Verantwortungsträger“ (also Zivilschutz, Behörden) emotionale und psychische Extremsituation, ab wann man eine Evakuierung anordnen muss sei im Film anschaulich dargestellt worden.

Andere Szenen wie etwa die Autofahrt über fließende Lavaströme seien dagegen erstens völlig unrealistisch und zweitens ästhetisch banal, kitschig und für die Gesamtdramatik auch entbehrlich. Darauf der Junge: „Herr Professor, dies ist ein Hollywoodfilm und kein Dokumentarfilm“! Womit er völlig recht hatte und von mir als Preis ein T-Shirt bekam.

Jetzt zu ihrer Frage: Erstens haben mit Ausnahmen wie Dantes Peak - der Film wurde von kompetenten Wissenschaftlern beraten - die so genannten wissenschaftlichen Berater von derartigen Filmen oft noch nicht mal einen aktiven Vulkan aus der Nähe gesehen. Zweitens habe ich mir frühere Vulkanfilme meist erst viel später aus gegebenem Anlass – wie bei der genannten Veranstaltung – angesehen.

Im aktuellen Fall werde ich wohl nicht drumherum kommen, den Film anzuschauen, weil mir hinterher bestimmt viele Fragen dazu gestellt werden. Als ich aber gestern ein Werbeplakat von RTL sah, war sofort klar, dass der Vulkan darin wieder als böse beziehungsweise als Feind des Menschen dargestellt wird. Damit hinken Sender wie RTL jahrzehntelang hinter der inzwischen von vielen Menschen anerkannten Einsicht hinterher, dass die Natur nicht wütend oder aggressiv ist. Vielmehr müssen wir uns der Natur anpassen, mit ihr und nicht gegen sie leben.

Aus diesem Grund benutze ich auch nie den Begriff Naturkatastrophe. Denn wenn Menschen zu nahe an aktiven Vulkanen siedeln und sich nicht rechtzeitig vor – den heute vorhersagbaren – Ausbrüchen schützen, kann es zum Desaster kommen. Aber das sind dann keine Katastrophen der Natur sondern gesellschaftliche Katastrophen.

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