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Sonntag, 12.02.2012
Lucys Vettern und Kusinen
Australopithecus-Arten gab es einige

Australopithecus afarensis lebte vor 2,9 bis 4,0 Millionen Jahren nicht allein in Afrika, wie man heute weiß. Lucy & Co hatten sogar gleich einige Vettern und Kusinen. „So lebten vor 2,5 Millionen Jahren in Afrika nicht weniger als sechs verschiedene Hominiden-Arten gleichzeitig, darunter grazile Australopithecinen, Angehörige der Gattung Paranthropus sowie frühe Vertreter der Gattung Homo“, erklärt Christine Hertler vom Institut für Ökologie, Evolution und Diversität der Universität Frankfurt am Main die Vielfalt der damaligen Frühmenschen. Auf einer von ihr zusammen mit Kollegen erstellten interaktiven Weltkarte wird hinter der sonst so linear erscheinenden Entwicklung ein weit verzweigter Hominiden-Stammbaum mit unterschiedlichsten Repräsentanten erkennbar.

 Mrs. Ples
Mrs. Ples
© José Manuel Benito Álvarez / gemeinfrei  Mrs. Ples
Da gab es beispielsweise Australopithecus africanus, der vor 3,5 bis zwei Millionen Jahren das heutige Südafrika besiedelte. Die berühmtesten Fundstücke sind das „Kind von Taung“ und „Mrs. Ples“. Sie belegen, dass diese Art vermutlich bereits menschlichere Gesichtszüge besaß als Lucy. Dazu gehörten etwa eine steilere Stirn und eine Kieferregion, die längst nicht so affenähnlich war wie beim Australopithecus afarensis.

Moderner als gedacht - Australopithecus anamensis
Überraschend modern kam auch Australopithecus anamensis daher, der vor circa 4,2 bis 3,9 Millionen Jahren in der Nähe des Turkana-Sees im heutigen Kenia sein Dasein fristete. „Während der Schädel eher menschaffenähnlich wirkt, ist der Bau der Extremitäten nur mit Mühe von dem des modernen Menschen zu unterscheiden. Im Gegensatz zur späteren Art Australopithecus afarensis war der aufrechte Gang bei dem früheren Australopithecus anamensis offenbar schon voll entwickelt.“, schreibt der Paläoanthropologe Friedemann Schrenk vom Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main in seinem Buch „Die Frühzeit des Menschen. Der Weg zum Homo sapiens“.

Und weiter: „Für diese paradoxe Situation gibt es nur zwei Erklärungsmöglichkeiten: Entweder gehören die in Kanapoi gefundenen Oberschenkelknochen nicht zu Australopithecus anamensis oder Australopithecus anamensis ist kein direkter Vorfahre von Australopithecus afarensis. Im zweiten Fall eröffnet sich die höchst spannende Aussicht, dass die ersten Angehörigen der Gattung Homo vielleicht sogar direkt auf Australopithecus anamensis zurückzuführen sind.“

Paranthropus als Sackgasse der Evolution
Die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den verschiedenen Australopithecus-Arten sind demnach noch einigermaßen unklar. Und auch Schrenks Hinweis über den möglichen weiteren Weg zum Homo sapiens stehen andere Theorien gegenüber. Danach spalteten sich die Australopithecinen vor circa 2,5 Millionen Jahren in die Gattungen Homo und Paranthropus auf.

„Eines von Lucys Kindern führte letztlich zu den modernen Menschen, während das andere eine evolutionäre Sackgasse war”, erklärt Professor Matt Sponheimer von der Universität von Colorado in Boulder. Paranthropus besaß beispielsweise ein mächtiges Gebiss, das auch harte, energiearme Pflanzenkost verarbeiten konnte. Er wird daher auch als „Kaumaschine“ oder „Nussknacker-Mensch“ bezeichnet.

Variable Diät
Neuen Ergebnissen von Sponheimer zufolge hatte Paranthropus aber kein so enges Nahrungsspektrum wie bisher immer gedacht. Er ernährte sich auch von Früchten und vielleicht sogar Fleisch. „Dies ist die erste Studie, die zeigt, wie ein früher Hominide seinen Weg durch eine wechselnde Landschaft frisst”, so Sponheimer. „Keiner von uns Wissenschaftlern hätte sich träumen lassen, dass Paranthropus eine so variable Diät über Jahrtausende hinweg gehabt hat, noch viel weniger eine, die sogar innerhalb von Monaten wechselt.“

Da der Speiseplan von Paranthropus ziemlich flexibel war, scheidet Nahrungsmangel als Grund für das Ende des Vormenschen wohl mit ziemlicher Sicherheit aus. Sponheimer sucht deshalb zurzeit bereits nach anderen biologischen, kulturellen oder sozialen Ursachen, die sein Schicksal erklären könnten. Nach Ansicht des Wissenschaftlers käme beispielsweise eine direkte Konkurrenz zur Gattung Homo oder eine - warum auch immer - sinkende Geburtenrate als Grund für das Paranthropus-Aussterben in Frage.

Schicksals von Paranthropus bleibt rätselhaft
„Auf jeden Fall glaube ich, dass wir die Ursache des Schicksals von Paranthropus ernsthaft überdenken müssen“, ist sich der Forscher sicher. „Dieses ‚Wer war es’ oder ‚Was war es’-Rätsel wird nicht so bald gelöst werden.“

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