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Montag, 13.02.2012
Hürdenlauf und Namensspiel
Vom unbekannten Fund zur neuen Art

„Neue Arten sind nicht wirklich neu, sie sind nur neu für uns. Diese Lebewesen existieren seit Millionen von Jahren, und wir haben gerade jetzt das Glück, sie zu finden und die Technologie an der Hand zu haben, um sie zu untersuchen“, erklärt Census-Forscher Steven Haddock vom Monterey Bay Aquarium Research Institute.

Diese vermutlich neue Quallenart wurde 2002 erstmals gesichtet, dann 2005 wiederentdeckt. 
Diese vermutlich neue Quallenart wurde 2002 erstmals gesichtet, dann 2005 wiederentdeckt.
© R. Gradinger and B. Bluhm / UAF / ArcOD  Diese vermutlich neue Quallenart wurde 2002 erstmals gesichtet, dann 2005 wiederentdeckt.
Begegnungen der unbekannten Art
Die Begegnung mit unbekannten Lebewesen ist für die Census-Forscher inzwischen fast schon Alltag - immerhin haben sie bisher mehr als 5.300 neue Arten entdeckt. In jedem Liter Meerwasser stoßen sie auf Dutzende Spezies, die bisher noch nicht beschrieben sind. „Jedes Mal, wenn ich marine Lebewesen unter dem Mikroskop betrachte, bin ich fasziniert und erstaunt von ihrem Reichtum an Farben und Formen, aber auch von ihrer Schönheit und der Bizarrheit einiger ihrer Anhänge und Details“, erklärt Heloise Chenelot, Meeresforscherin von der Universität von Alaska in Fairbanks und Teilnehmerin am Census-Küstenprojekt NaGISA.

Den Namen eines Tieres nicht zu kennen oder es noch nie gesehen zu haben, beweist allerdings noch lange nicht, dass es sich auch um eine neue, zuvor unbekannte Art handelt. Bis dies feststeht, müssen die Forscher einen langen vielstufigen Prozess durchlaufen, an deren Ende – vielleicht – die Beschreibung einer neuen Spezies steht.

 Diese neue Krabbenart, Kiwa hirsuta, trägt den Spitznamen
Diese neue Krabbenart, Kiwa hirsuta, trägt den Spitznamen "Yeti-Krabbe"
© IFREMER, A. Fifis, 2006, Buch "Schatzkammer Ozean"  Diese neue Krabbenart, Kiwa hirsuta, trägt den Spitznamen
Geduldsspiel Taxonomie
Der erste Schritt in diesem Hürdenlauf beginnt unmittelbar nach der Entdeckung des Tieres: Es wird fotografiert, gezeichnet, konserviert und in vielen Fällen entnehmen die Census-Forscher auch eine Gewebeproben, um später eine DNA-Analyse durchführen zu können. Im nächsten Schritt geht es darum sicherzustellen, dass das Lebewesen nicht doch schon irgendwo beschrieben oder katalogisiert worden ist: Kollegen werden befragt, Literatur gewälzt und, wenn vorhanden, Datenbanken, durchforstet. In einigen Fällen existieren sogar schon Exemplare in Museumsbeständen, die in Vergessenheit gerieten oder nie genauer untersucht worden sind. Erst der Vergleich mit der neu entdeckten Art enthüllt dann ihre wahre Identität.

Ist dann klar, dass es sich wirklich um eine neue Art handelt, dann ist akribische Puzzlearbeit gefragt: Das Tier muss in allen Einzelheiten beschrieben und kategorisiert werden, jede Borste, jeder Farbtupfer und jedes noch so unscheinbare Anhängsel müssen gezeichnet, in Worte gefasst und mit anderen verwandten Arten verglichen werden.

Mehr Fragen als Antworten: neu entdeckter Einsiedlerkrebs Paragiopagurus diogenes 
Mehr Fragen als Antworten: neu entdeckter Einsiedlerkrebs Paragiopagurus diogenes
© Susan Middleton, aus dem Buch "Schatzkammer Ozean"  Mehr Fragen als Antworten: neu entdeckter Einsiedlerkrebs Paragiopagurus diogenes
Sag mir wie du heißt…
Und einen Namen braucht der Neuling natürlich auch noch. Der „Vorname“, der die Gattungszugehörigkeit angibt, ist in der Regel durch die Verwandtschaftsverhältnisse vorgegeben, der zweite, der eigentliche Artname aber, ist frei wählbar. Hier können die Wissenschaftler ihre Kreativität spielen lassen. Oft werden der Finder, der Fundort oder eine besondere Eigenschaft des Tieres verewigt, manchmal aber auch ein besonders verdienter Forscher oder ein Förderer der Forschung. So tauften die Census-Forscher einen neu entdeckten Tintenfisch Promachoteuthis sloani, zu Ehren der Sloane Foundation, deren Geld das Census-Projekt überhaupt erst möglich machte.

Im letzten Schritt des „Hürdenlaufs“ zur neuen Art reichen die Wissenschaftler dann die Beschreibung samt Namen zur Veröffentlichung in einer der taxonomischen Fachzeitschriften ein. Erst, wenn die Gutachter das Ganze nochmals geprüft und für gültig befunden haben, ist die neue Spezies offiziell in die „Gemeinschaft der Arten“ aufgenommen.

Bestätigung erst nach Jahren
Insgesamt dauert dieser strenge wissenschaftliche Prüfprozess Jahre, unter anderem auch deshalb, weil geübte Taxonomen – Forscher, die auf das Erkennen und Beschreiben von Arten spezialisiert sind – inzwischen rar geworden sind. Im Census-Buch "Schatzkammer Ozean" schätzt Philippe Bouchet vom Naturkundemuseum Paris, dass die rund 3.800 Taxonomen weltweit pro Jahr 1.400 neue marine Arten beschreiben können. Bei dieser Geschwindigkeit würde es über fünf Jahrhunderte dauern, bis alle verbliebenen unbekannten marinen Arten entdeckt, überprüft, beschrieben und benannt sind. Kein Wunder also, dass von den bisher rund 5.300 potenziell neuen Tierarten des Census erst 110 offiziell abgesegnet sind.

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