Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Samstag, 04.02.2012
Alles nur Placebo?
Warum auch eine Scheinbehandlung wirken kann

Herr X, als Migränepatient in homöopathischer Behandlung, hat durchaus gute Chancen, seine Kopfschmerzen loszuwerden. Die fünf Globuli, die er brav dreimal täglich einnimmt, haben damit allerdings nach Ansicht der meisten Wissenschaftler überhaupt nichts zu tun. Denn das, was hier wirkt, ist nichts anderes als der Placeboeffekt.

Placebos: auch Scheinmedikamente wirken 
Placebos: auch Scheinmedikamente wirken
© SXC  Placebos: auch Scheinmedikamente wirken
Scheinbehandlung hemmt Schmerz – auch im Rückenmark
Placebo, abgeleitet vom lateinischen „ich werde gefallen“, bezeichnet ein Wirkstoff-freies Scheinarzneimittel, aber auch eine Scheinbehandlung. Seit langem ist bekannt, dass dieses bei Menschen medizinisch messbare Wirkungen auslösen kann. So erlebten 82 Prozent der Patienten, die Mitte der 1990er Jahre statt des Schmerzmittels Naproxen unwissentlich ein Placebo erhalten hatten, eine deutliche Schmerzlinderung. Die Wirkung des Placebos geht dabei weit über das subjektive Erleben hinaus, wie Mediziner des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf 2009 in „Science“ nachgewiesen haben: Patienten, die in dieser Studie ein Scheinschmerzmittel erhalten hatten, spürten nicht nur keinen Schmerz, auch die Aktivität der schmerzleitenden Nervenzellen in ihrem Rückenmark war deutlich reduziert.

Erwartung beeinflusst Reaktion
Welchen Einfluss dabei die Erwartungen des Behandelten haben, ob bewusst oder unbewusst, zeigte unter anderem eine bereits 1970 an Asthmatikern in New York durchgeführte Studie. Die Ärzte verabreichten den Versuchspersonen entweder Isoproterenol, ein die Bronchien erweiterndes Medikament, oder Carbachol, ein verengendes und damit die Atemnot verschlimmerndes. Jeweils die Hälfte der Patientengruppe wurde jedoch über die wahre Behandlung getäuscht, die Ärzte erzählten ihnen, sie hätten das genau gegenteilige Mittel bekommen. Das Erstaunliche daran: Die Asthmatiker, die das Bronchien verengende Carbachol als vemeintliches Isoproterenol erhalten hatten, fühlten sich nicht nur subjektiv wohler, Messungen des Lungenvolumens und des Luftstroms bestätigten dies auch.

Dass der Placeboeffekt sogar bei Kleinkindern und Tieren wirkt, haben ebenfalls einige Studien belegt. Nach Ansicht der Wissenschaftler könnte dies beispielsweise dadurch erklärt werden, dass sich die positive Erwartungshaltung der Eltern oder des Tierhalters nonverbal überträgt. Gleichzeitig wirkt sich vermutlich auch eine erhöhte Zuwendung und Aufmerksamkeit positiv aus.

 Spritzen, beispielsweise mit reiner Kochsalzlösung, erzeugen einen starken Placeboeffekt.
Spritzen, beispielsweise mit reiner Kochsalzlösung, erzeugen einen starken Placeboeffekt.
© SXC  Spritzen, beispielsweise mit reiner Kochsalzlösung, erzeugen einen starken Placeboeffekt.
Homöopathie als Placeboeffekt
Soweit so gut. Was aber hat das alles mit Homöopathie zu tun? Ziemlich viel, wie beispielsweise Rainer Wolf vom Biozentrum der Universität Würzburg und Jürgen Windeler vom Institut für medizinische Biometrie der Universität Heidelberg meinen: „Die meisten Erfolge hat die Homöopathie bei Erkrankungen, bei denen Placebos bei rund 50 Prozent der Patienten helfen können: bei Magengeschwüren, Schlaflosigkeit, Verstopfung, Angina pectoris, Migräne.“ Andere häufig mit Homöopathie „geheilte“ Erkrankungen, wie beispielsweise Rückenschmerzen oder Erkältungen, verschwinden auch ohne Behandlung nach einer gewissen Zeit, bei Rückenschmerzen macht dies nach einem Monat einen Anteil von bis zu 80 Prozent aus.

Wirkung von Glauben und Zuwendung
Bloßer Zufall? Nach Ansicht vieler Forscher nicht. Denn sie sehen die eigentlich wirksame Komponente der homöopathischen Therapie nicht in der direkten Wirkung des Präparats. Stattdessen liegt das Geheimnis im Glauben an die Wirksamkeit der Therapie seitens der Patienten und in der intensiven Zuwendung und Aufmerksamkeit durch den behandelnden Homöopathen.

„Schulmediziner sind eben häufig sehr kurz angebunden; naturheilkundlich ausgerichtete Mediziner nehmen sich mehr Zeit, haben mehr Empathie, bauen eine bessere Patienten-Beziehung auf. Das ist sozusagen eine Art Psychotherapie, die da wirksam ist“, konstatiert Edzard Ernst, Leiter der Abteilung für Komplementärmedizin an der Universität von Exeter 2008 in einem Interview mit dem Magazin Technology Review. Seiner Meinung nach könnten viele Schulmediziner zumindest in dieser Hinsicht durchaus etwas von ihren homöopathischen Kollegen lernen. An der Unwirksamkeit der homöopathischen Präparate aber ändert dies, so Ernst, nichts. „Von der Homöopathie war ich als Kliniker ja mal ganz beeindruckt. Dann aber hat sich in den letzten zehn Jahren sehr eindeutig herausgestellt: Homöopathika sind Placebos.“

Dass eine homöopathische Behandlung dennoch unter bestimmten Bedingungen durchaus nützlich sein kann, bestreitet der Forscher jedoch nicht: „Es gibt allerdings Zustände, wo man keine klare Diagnose stellen kann und wo es dementsprechend keine effektive konventionelle Therapie gibt. Ich denke, dass es in diesem Bereich durchaus vertretbar ist, Homöopathika bewusst als Placebos einzusetzen.“

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Diaschauen zum Thema
Homöopathie
Vitamine
Ernährung
Facts
Homöopathie im Netz
Links und Videos zum Thema
Artikel zum Thema
Homöopathie
Sanfte Medizin oder moderner Aberglaube?
Wie alles begann
Samuel Hahnemann und der Chinarindenversuch
Homöopathie statt „Allopathie“
Das Prinzip des Ähnlichen
Geschüttelt, nicht gerührt
Das Prinzip der „Potenzierung“
Das Gedächtnis des Wassers
Wie die homöopathischen Präparate wirken sollen
Hilft bei Weinerlichkeit…
Vom Symptombild zum Präparat
Alles nur Placebo?
Warum auch eine Scheinbehandlung wirken kann
Der Metastudien-Streit
Linde versus Egger
Schummel mit In-vitro-„Beweisen“
Der Fall des Leipziger Belladonna-Experiments
Die Überdosis
Wann wird Homöopathie gefährlich?
„Malaria-förmiges Loch in der Lebenskraft“
Homöopathie und Infektionskrankheiten
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Quallen
Riesenschlangen
Aktuelle Dossiers
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts
Mikrobielle Mitbewohner auf Weltreise
Bakterien in Magen und Speichel helfen beim Erforschen menschlicher Wanderungen