Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Erde im Visier
Wie wirkt sich das interstellare Medium auf die Erde aus?

Der Sonnenwind schirmt uns zwar in Teilen vor dem interstellaren Medium ab, aber wirkt dabei nicht als vollkommene Barriere. Die ungeladenen Atome des LISM können aufgrund der sehr geringen Teilchendichten die Heliosphäre zunächst fast ungehindert durchdringen. Mit geringer werdendem Abstand zur Sonne verstärken dann Ladungsaustausch und solare Strahlung die Ionisation dieses „neutralen interstellaren Windes“, was seinen Fluss verringert.

 Interstellare Gaswolke
Interstellare Gaswolke
© NASA/STScI
Der Wasserstoff ist harmlos…
Wie wirkt sich dieses Eindringen des interstellaren Wasserstoffs und der kosmischen Strahlung in die Heliosphäre auf die Erde aus? Diese Frage können Physiker bisher nur zum Teil beantworten. Klar ist: Das hauptsächlich aus reaktionsfreudigen Wasserstoffatomen bestehende interstellare Medium kann planetare Atmosphären prinzipiell chemisch beeinflussen. Der Wasserstofffluss ist jedoch gegenwärtig für die Erdatmosphäre ohne Konsequenzen. Nicht zu vernachlässigen ist jedoch sein Einfluss auf die Heliosphärenstruktur infolge der Plasma-Neutralgaswechselwirkung, die den Sonnenwind abbremst und damit die Lage des Terminations-Schocks beeinflusst.

…doch die kosmische Strahlung verändert die Atmosphäre
Eine zweite, schwerwiegendere Einwirkung des LISM auf die Erde erfolgt über die kosmische Strahlung, insbesondere über den Anteil geladener Teilchen im Gigaelektronenvolt-(GeV)-Bereich. Sie haben ihren Ursprung in Supernovaexplosionen oder in den der Heliosphäre entsprechenden Astrosphären anderer Sterne unserer Milchstraße. Die Wechselwirkung mit den fluktuierenden elektrischen und magnetischen Feldern des Sonnenwindes verringert zwar den Fluss dieser kosmischen Strahlung, ihre Wirkung auf die Erde kann aber nicht vernachlässigt werden.

Das Relikt einer Supernova, hier der Crab-Nebula. 
Das Relikt einer Supernova, hier der Crab-Nebula.
© NASA/ESA/ASU/CXC  Das Relikt einer Supernova, hier der Crab-Nebula.
Im Gegenteil: Es ist bekannt, dass die galaktische kosmische Strahlung mit atmosphärischen Teilchen zu radioaktiven, so genannten kosmogenen Isotopen reagiert. Diese können in antarktischen Eisbohrkernen nachgewiesen werden. Diese Reaktion trägt zur Ionisation der Erdatmosphäre bei und steht darüber hinaus wie die solare Strahlung unter Verdacht, das Klima der Erde zu beeinflussen.

Klimawirkung kosmisch oder solar?
Mit diesem Verdacht ist eine wissenschaftliche Debatte darüber entbrannt, welcher astrophysikalische Einfluss von höherer Relevanz für das Erdklima ist: die solare elektromagnetische oder die galaktische kosmische Strahlung? Für keinen von beiden ließ sich bisher eine quantitativ überzeugende Prozesskette identifizieren.

 Wolken
Wolken
© NOAA
So ist zwar klar, dass die elektromagnetische Strahlung der Sonne die Atmosphäre ionisiert und erwärmt. Die verstärkte Emission ultravioletter Strahlung erhöht außerdem das stratosphärische Ozon um einige Prozent, und solche Veränderungen beeinflussen die Dynamik der Atmosphäre. Allerdings variiert der gesamte elektromagnetische Energieinput in die Erdatmosphäre nur um wenige Promille und kann daher nicht direkt, das heißt ohne Verstärkungseffekte, beispielsweise durch Beeinflussung der Atmosphärenchemie, für die beobachteten Klimaschwankungen verantwortlich sein.

Ähnliches gilt für den Einfluss der kosmischen Strahlung. Auch sie führt zur Ionisation der Atmosphäre und sogar zur Bildung von Aerosolen, in deren Folge sich wiederum Wolken bilden können. Zwar wäre so eine Prozesskette gegeben, die eine Klimabeeinflussung erklären kann, aber der zweifelsfreie Nachweis einer induzierten Wolkenbildung steht noch aus.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Diaschauen zum Thema
Himmelslichter
Reise durchs Sonnensystem
Sterne
Supernova
Sonnenforschung
Artikel zum Thema
Schutzzone Heliosphäre
Sonnenwind, interstellares Medium und ihr Einfluss auf die Erde
Nicht allein im All...
Astrophysikalische Zyklen und Schwankungen als Einflussfaktoren
Schutz vor dem „Außen“
Funktion und Struktur der Heliosphäre
Erde im Visier
Wie wirkt sich das interstellare Medium auf die Erde aus?
Klimawirkung durch kosmische Strahlung?
22-Jahresperiode deutet auf Einflüsse des interstellaren Mediums hin
Schutzzonen für extraterrestrisches Leben
Mehr Chancen auf Exoplaneten mit Astrosphären
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Lake Wostok
Faultiere
Die großen Massenaussterben
Aktuelle Dossiers
Wie eine lebende Haut
Neue Korrosionsschutzschichten sollen Defekte selbstständig heilen
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts