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Montag, 21.05.2012
Auf dem Weg zum Affenmenschen?
Chimären zwischen Mensch und Menschenaffen

Bisher haben weder Irving Weissman noch ein anderer Wissenschaftler je ein solches Experiment durchgeführt. Doch sollte dies geschehen, wären die Konsequenzen erheblich – selbst wenn die Mäuse wirklich keine Anzeichen für eine „Vermenschlichung“ zeigen. Denn bei der Maus könnte schon allein die geringe Gehirngröße dafür sorgen, dass sie nicht eines Tages den Experimentator mit Namen anspricht oder S.O.S.-Zeichen in die Käfigstreu zeichnet. Was aber, wenn solche Versuche bei größeren, menschenähnlicheren Tieren gemacht würden?

„Wenn man diese Art von Experiment mit einem Schimpansen durchführen würde, weckte dies sicher sehr viel ernstere Fragen darüber, ob damit auch einige humane kognitive Fähigkeiten auf den Schimpansen übertragen werden würden“, erklärt der Bioethikbeauftragte der Standford-Universität, Hank Greely. „Ich denke nicht, dass man einen Schimpansen mit menschlichem Bewusstsein bekäme, aber man könnte einen Schimpansen erhalten, der potenziell ein paar mehr menschliche Fähigkeiten hätte als jetzt, das wäre Besorgnis erregend.“

Hühnerküken - hier ohne Wachtelhirn 
Hühnerküken - hier ohne Wachtelhirn
© Markus Koljonen/ CC-by-sa 3.0  Hühnerküken - hier ohne Wachtelhirn
Hühnerküken spricht „wachtelisch“
Nahrung erhält diese Befürchtung durch ein Experiment, das bereits 1980 durch Evan Balaban am College of Staten Island in New York durchgeführt worden war. Balaban entfernte bei Hühnerembryonen einen Teil des Mittelhirns und ersetzte ihn durch einen entsprechenden Bereich eines embryonalen Gehirns einer japanischen Wachtel. Viele der so behandelten Mischembryonen starben sofort, doch ein Teil von ihnen entwickelte sich weiter und schlüpfte schließlich. Rein äußerlich unterschieden sich die Chimären in nichts von ihren Hühnerartgenossen – bis sie den Schnabel öffneten. Dann nämlich gluckten sie nicht wie Hühner, sondern riefen wie Wachteln.

Das Mittelhirn, der bei diesen Huhn-Wachtel-Chimären ausgetauschte Bereich, gilt als Sitz eines „primären Vokalisationszentrums“, das bei vielen Tieren und auch noch beim Menschen unwillkürliche Lautäußerungen steuert. Was ein Austausch dieses Zentrums übertragen auf eine Affe-Mensch-Chimäre hieße, malt Terrence Deacon aus. Der Bio-Anthropologe der Universität von Kalifornien in Berkeley ist 2005 Mitglied eines Komitees von Bioethikern, Neurobiologen, Primatologen und Stammzellforschern, die am Bioethischen Institut der Johns Hopkins Universität in Baltimore die Implikationen der Chimärenforschung diskutiert.

Auf dem Weg zum „Humanzee“?
„Wenn man das embryonale Mittelhirn eines Menschen nähme und es in das Gehirn eines sich entwickelnden embryonalen Schimpansen implantieren würde, könnte man einen Schimpansen erhalten, der viele unserer unwillkürlichen Vokalisationen hätte“, so Deacon. „Er könnte nicht sprechen. Aber er könnte lachen oder schluchzen, anstatt pant-hoots auszustoßen.“ Als pant-hoots bezeichnen Primatologen die typischen, sich in Lautstärke und Intensität steigernden und dann abfallenden „Uh-huh-huh“-Laute der Menschenaffen.

 Schimpanse: Lachen statt pant-hoots?
Schimpanse: Lachen statt pant-hoots?
© Thomas Lersch/ CC-by-sa 3.0  Schimpanse: Lachen statt pant-hoots?
Trotzdem scheint dies einige Wissenschaftler nicht weiter abzuschrecken. Noch im Jahr 2005 soll bei der US-Patentbehörde ein Patentantrag auf die Erzeugung eines „Humanzee“, einer Mensch-Schimpansen-Chimäre, gestellt worden sein. Die Behörde lehnte jedoch ab. Das schließt zwar die Patentierung eines solchen Lebewesens und seines Herstellungsverfahrens aus, nicht aber die Schaffung einer solchen Chimäre im Labor.

Für Biotech-Kritiker wie Jeremy Rifkin ist allein die Vorstellung schon ein Alptraum: „Schimpansen teilen 98 Prozent unseres Genoms und ein erwachsener Menschenaffe hat die mentalen Fähigkeiten und das Bewusstsein eines vierjährigen Menschenkindes“, erklärt er 2005 in einem Artikel in der britischen Zeitung „The Guardian“. „Wenn man einen menschlichen und einen Schimpansenembryo verschmelzen würde – was Forscher für möglich halten – dann könnte daraus eine Kreatur entstehen, die so menschlich wäre, dass Fragen zu ihrem legalen und moralischen Status 4.000 Jahre der Ethik ins Chaos stürzen würden.“

Biologische Chance oder fatale Hybris
In seinen Augen befindet sich die Biomedizin in diesem Bereich auf dem besten Wege zu einer „Schönen Neuen Welt“ der komplett manipulierten Natur, wie sie der Schriftsteller Aldous Huxley bereits 1931 in seinem Buch ausmalte. „Mit der Chimären-Technologie haben Wissenschaftler die Macht, die Evolutionsgeschichte umzuschreiben – indem wir Teile unserer Art über den Rest des Tierreichs verteilen oder Teile anderer Arten mit unserem eigenen Genom verschmelzen und selbst neue menschliche Subspezies und Supermenschen erzeugen“, warnt Rifkin. „Stehen wir an der Spitze einer biologischen Renaissance oder säen wir damit die Saat unserer Vernichtung?”

Noch kann niemand eine Antwort auf diese Frage geben. Vieles wird davon abhängen, wie sich die Forschung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten entwickelt. Doch dass sie Grenzen überschreiten wird, scheint nahezu sicher.

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