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Sonntag, 12.02.2012
Ein Fossil zwischen den Fronten
Archaeopteryx als Waffe im Streit um die Evolutionstheorie

Angeregt durch Wagners Beschreibung des „Griphosaurus“ beginnt sich Anfang 1862 auch Richard Owen, der Direktor des Britischen Museums in London, für das noch immer zum Verkauf stehende Fossil aus Solnhofen zu interessieren. Nach monatelangen Verhandlungen einigt sich sein Unterhändler schließlich mit dem Landarzt Häberlein. Für 450 englische Pfund wechseln der Fund und zahlreiche andere Fossilien den Besitzer. Am 1. September 1862 treffen sie in London ein.

Darwin-Gegner Richard Owen 
Darwin-Gegner Richard Owen
© historischer Holzschnitt (gemeinfrei)  Darwin-Gegner Richard Owen
„Bösartig und klever“
Noch immer ist der gefiederte Saurier aus Solnhofen von keinem Anatomen oder Paläontologen direkt untersucht worden. Jetzt allerdings gerät er ausgerechnet in die Hände eines der erbittertsten Feinde Darwins. Richard Owen wettert nicht nur gegen die Evolutionstheorie und ihre Vertreter, er lässt auch kaum eine Chance aus, sie öffentlich zu diskreditieren. Dabei schreckt er auch vor Verleumdungen und Lügen nicht zurück. „Extrem bösartig, klever; die Londoner sagen, er ist verrückt vor Neid, weil über mein Buch so viel geredet wird“, schreibt Charles Darwin einige Jahre später in einem Brief. Und in einem anderen: „Es ist schmerzhaft, in einem so intensiven Maß gehasst zu werden, wie Owen mich hasst.“

Der „frühe Vogel“ Archaeopteryx
Von dem geheimnisvollen Fossil aus Solnhofen erhofft sich Owen weitere Munition gegen Darwin und seine Anhänger. Dass es sich stattdessen als einer der wichtigsten Belege für die Evolutionstheorie entpuppen sollte, ist eine für ihn bittere Ironie des Schicksals. Noch allerdings scheint alles gut zu laufen: Owen analysiert das Fossil und im Gegensatz zu seinem Münchener Kollegen Andreas Wagner, kommt er zu dem Schluss, dass es sich nicht um einen Dinosaurier, sondern einen frühen Vogel handeln muss. Er tauft das Fossil Archaeopteryx macura und vermutet in ihm einen Verwandten des Vogels, von dem von Meyer wenige Jahre zuvor die Feder in Solnhofen entdeckt hatte.

 Nahaufnahme des Archaeopteryx-Skeletts
Nahaufnahme des Archaeopteryx-Skeletts
© H. Raab / CC-by-sa 3.0  Nahaufnahme des Archaeopteryx-Skeletts
Nachdem er dies triumphierend verkündet hat, kann er allerdings nicht verhindern, dass auch Thomas Huxley, ein renommierter Biologe und einer der wichtigsten Befürworter Darwins in England, fordert, das Fossil untersuchen zu dürfen. Im Jahr 1868 unterzieht Huxley den Archaeopteryx nicht nur einer umfangreichen anatomischen Analyse, er vergleicht ihn auch mit einem nur wenige Jahre zuvor in Solnhofen entdeckten Fossil eines kleinen, zweibeinig laufenden Dinosauriers, Compsognathus.

Das „Missing Link“ der Vogelevolution
Die verblüffenden Ähnlichkeiten beider Skelettabdrücke und die einzigartige Mischung von Dinosaurier- und Vogelmerkmalen bei Archaeopteryx lassen für ihn nur einen Schluss zu: Archaeopteryx muss eine Übergangsform zwischen Sauriern und Vögeln sein. Noch im gleichen Jahr veröffentlicht Huxley seine Erkenntnisse unter dem Titel „On the Animals which are Most Nearly Intermediate between Birds and Reptiles“. Wie nicht anders zu erwarten, lehnt Owen diese Interpretation Huxleys vehement ab und beharrt auf seiner Sicht.

Compsognathus longipes - ihn verglich Huxley mit dem Archaeopteryx 
Compsognathus longipes - ihn verglich Huxley mit dem Archaeopteryx
© CC-by-sa 3.0  Compsognathus longipes - ihn verglich Huxley mit dem Archaeopteryx
Charles Darwin dagegen, hocherfreut über die Schützenhilfe Huxleys, kommentiert das Thema in seiner vierten Ausgabe von „On the Origin of Species“ nicht ganz ohne Ironie: „Viele Autoren bestanden darauf, dass die gesamte Klasse der Vögel plötzlich im Eozän auftauchte, aber jetzt wissen wir, auf Basis der Autorität von Professor Owen, dass […] der seltsame Vogel Archaeopteryx, mit seinem langen, echsenartigen Schwanz, einem Paar Federn an jeden Gelenk und seinen mit zwei Klauen bewehrten Flügeln in den oolithischen Platten von Solnhofen entdeckt worden ist. Kaum eine aktuelle Entdeckung zeigt zwingender als diese, wie wenig wir bisher von den früheren Bewohnern dieser Welt wissen.“

Das „Berliner Exemplar“ – und noch immer offene Fragen
Aber schon einige Jahre später sollte sich diese Kenntnis noch einmal deutlich erweitern. Denn 1876 wird in Solnhofen erneut ein Archaeopteryx-Fossil entdeckt. Mit seinem gut erhaltenen Schädel und den sehr deutlichen Federabdrücken gilt es bis heute als wahrscheinlich schönstes und vollständigstes Exemplar seiner Art. Nach einigen Umwegen, die unter anderem einen Tausch gegen eine Kuh und zähe Preisverhandlungen mit dem preußischen Kultusministerium umfassen, kauft schließlich der Unternehmer Werner von Siemens das Fossil und stellt es dem Mineralogischen Museum der Universität Berlin zur Verfügung. Detaillierte Auswertungen des Fossils ergeben, dass auch dieser Archaeopteryx eindeutig Züge einer Mischform zwischen Dinosaurier und Vogel trägt.

Trotz dieses neuen Funds und seiner eindeutigen Interpretation bleibt die Evolution der Vögel am Ende des 19. Jahrhunderts nach wie vor umstritten. Archaeopteryx allein, von dem im Laufe der Zeit noch weitere Exemplare gefunden werden, reicht nicht aus, um alle Kritiker zu überzeugen. Er wird zwar mittlerweile als einer der frühesten Vögel gedeutet, doch es fehlt an weiteren Übergangsformen zwischen ihm und den Dinosauriern. Nur sie können belegen, dass und aus welcher Gruppe der Dinos der Archaeopteryx hervorgegangen ist.

Bis zur Entdeckung dieser „Missing Links“ sollte es allerdings noch mehr als 100 Jahre dauern…

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