Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Sonntag, 12.02.2012
"Wasser ist wichtiger als Öl"
Globale Wasserpolitik

Auszüge aus einer Rede des damaligen Bundesaußenministers Klaus Kinkel anläßlich der Internationalen Konferenz zum Thema "Globale Wasserpolitik-Kooperation für grenzüberschreitendes Gewässermanagement"

"... Wasser wird mehr und mehr zu einem strategischen Gut. Wer im 21. Jahrhundert Zugang dazu hat, ist im Vorteil: politisch, wirtschaftlich und sozial. Wasser ist wichtiger als Öl. Wasser ist durch nichts zu ersetzen. ...

... Die semi-ariden Gebiete machen etwa ein Drittel der Erdoberfläche aus. Schon geringe Änderungen des Wasserhaushalts können dort Feldbau und Tierhaltung unmöglich machen und damit zu verheerenden Folgen für die Ernährungssicherheit führen. In Afrika südlich der Sahara ist die chronische Wasserknappheit eine Geißel, die Fortschritt und Entwicklung verhindert. Dort, aber auch im Nahen und Mittleren Osten und in Zentralasien müssen immer mehr Menschen mit immer weniger Wasser auskommen.

Längst geht es nicht mehr nur um die Sicherung des Grundbedarfs. Es geht in vielen Teilen der Welt um die Behebung eines akuten Mangels. Es geht um die Abwendung der daraus folgenden Gefahren für den inneren und äußeren Frieden.

Das besondere Dilemma: Wasser ist ungleich verteilt. Wasserreichtum und Wasserknappheit liegen oftmals nahe beieinander: innerhalb von Staaten, aber auch zwischen Staaten. Sie kennen die Bilder aus dem Flugzeug: Stundenlang fliegt man über Wüste und unfruchtbares Land und plötzlich wird alles grün: es gibt Wasser!

Viele Länder leben heute über ihre Wasser-Verhältnisse. Ihr Verbrauch, angetrieben von einer wachsenden Bevölkerung und von wirtschaftlichem Fortschritt, übersteigt die Regenerationsfähigkeit bei weitem. Nur die wenigsten Staaten können sich moderne Technologie zur Wasseraufbereitung oder zum Wasserimport leisten. Verteilungskonflikte bleiben nicht aus; die Kontrolle über Wasser wird zu einem Instrument politischer Machtsicherung.

Ressourcenverknappung und die damit einhergehende Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen führen zu inneren Spannungen. In der Krisenregion der Großen Seen geht es nicht nur um ethnische Auseinandersetzungen; wir erleben dort einen massiven Verdrängungswettbewerb bei den Anbau- und Weideflächen. Im Extremfall kann eine Gemengelage entstehen, die zur Erosion der Nationalstaaten führt und den Weg für autoritäre politische Regime ebnet. Agressivität und völkerrechtswidriges Verhalten, nach innen und außen, ist dann nicht mehr weit.

Ein außenpolitisches Konfliktpotential liegt in der ungeregelten Nutzung grenzüberschreitender Gewässersysteme. Wegen zunehmender Übernutzung und Verschmutzung des Grundwassers muß immer mehr auf Oberflächenwasser zurückgegriffen werden. Weltweit gibt es 214 solcher grenzüberschreitender Gewässersysteme. Zwei Drittel davon unterliegen bereits kooperativen Regelungen zwischen den Anrainern. Dennoch ist es eine Versuchung, Wasservorräte in Ausübung nationaler Souveränität für die eigenen Interessen auszubeuten. Ein rücksichtsloser Raubbau nutzt jedoch niemandem. Dies gilt für das knappe Gut Wasser ebenso wie für andere knappe Ressourcen. Kurzfristige Wohlstandsgewinne werden durch langfristige Sicherheits- und Destabilisierungsrisiken bei weitem aufgefressen.

Besonders konfliktträchtig ist die Wasserfrage im Nahen Osten. Dort ist Wasser eng mit territorialen Fragen verflochten. Die Wasservorkommen von Jordan und Jarmuk sind für Israel und seine arabischen Nachbarn von existentieller Bedeutung. Ohne dauerhafte Einigung in der Wasserfrage wird es keinen verläßlichen Frieden zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn geben. Die Fortschritte, die zwischen den beteiligten Seiten bislang erzielt wurden, geben Anlaß zu vorsichtigem Optimismus. ...

... Es darf keinen Kampf und keinen Krieg um Wasser geben. Der Wettlauf um Wasser muß friedlich ausgetragen werden. Dies ist die zentrale Botschaft, die von unserer Tagung ausgehen muß! ..."

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Krieg um Wasser
Die neue Gefahr für den Weltfrieden?
Wie wahrscheinlich sind Kriege um Wasser?
Von Wassermangel, Wasserknappheit und Nutzungskonflikten
"Wasser ist wichtiger als Öl"
Globale Wasserpolitik
Kalter Krieg um Wasserrechte
Türkei, Irak und Syrien als Konfliktparteien
Von internationalen Flüssen und Souveränität
Das internationale Recht
Die strategische Kontrolle über das Wasser
Das Südost-Anatolienprojekt (GAP) in der Türkei
Wasser als Machtfaktor
Die Auswirkungen des GAP
Drei Länder, drei Quellen
Das "geographische" Konfliktpotential im Jordanbecken
Der Konflikt ist so alt wie das Land Israel
Die besondere Brisanz der Ressource Wasser in der Region
Wasser für alle
Der Friedensprozeß im Nahen Osten und seine Folgen
Wassercharta und globales Aktionsprogramm
Vorschläge zur Lösung der Süßwasserkrise
Kooperative Nutzung Wasserläufe
Empfehlungen der Petersberger Erklärung
Kann man Kriege um Wasser verhindern?
Ein Fazit
Süßwasser - Eine Ressource wird knapp
Verteilung der Wasservorräte auf der Erde
Wasserknappheit im Vergleich
Eine Ressource und ihre Verfügbarkeit
Top-Diaschauen
Überleben im Winter
2012 und die Maya
Die großen Massenaussterben
Lake Wostok
Quallen
Aktuelle Dossiers
Wie eine lebende Haut
Neue Korrosionsschutzschichten sollen Defekte selbstständig heilen
Klima-Hotspot Moorböden
Wie Forscher den Treibhausgas-Emissionen von Mooren auf die Spur kommen
Schwelbrände im Gewebe
Chronische Entzündungen und ihre Ursachen
Röntgenblick in die Geheimnisse der Mumien
Neue bildgebende Verfahren helfen bei der Erforschung menschlicher Relikte
Auf Kante
Warten auf „The Big One“
Auch Pflanzen besitzen Stammzellen
Unerschöpflich kreativ
Energie-Produzent Gebäude
Wie Häuser zu Kraftwerken werden
Bermudas Unterwelt
Expedition zu den unterirdischen Salzwasserhöhlen einer Tropeninsel
Alte Seuchen in neuem Licht
Forscher untersuchen Resistenz gegen Pest und Cholera
Mehr Licht im Dunkel der Mars-Trabanten
Mit Mars Express und Phobos Grunt bei den „Söhnen“ des Kriegsgotts