Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
In 10.000 Jahren mit dem Ozeandampfer von Hamburg nach Berlin?
Geologen legen neue Erkenntnisse über das zentraleuropäische Becken vor
Es reicht von England bis Polen und von den Niederlanden bis in die norddeutsche Tiefebene: Das zentraleuropäische Becken ist vor 300 Millionen Jahren entstanden und gehört zu den größten kontinentalen Sedimentbecken-Komplexen der Erde. Doch welche Prozesse trugen damals zu seiner Bildung bei? Wie wirkte sich die Dehnung der Erdkruste auf das Klima und die Sedimentschichten aus? Und: Wie bewegen und bewegten sich Salze, Flüssigkeiten und Gase in dem Becken? Mit diesen und vielen anderen offenen Fragen haben sich jetzt Aachener Forscher innerhalb eines DFG-Projektes beschäftigt – zum Teil mit überraschenden Ergebnissen.

Luftaufnahme des Hamburger Hafens
Luftaufnahme des Hamburger Hafens
© Merlin Senger / GFDL Luftaufnahme des Hamburger Hafens
„Unser Anliegen war und ist es, Grundlagenwissen über das zentraleuropäische Becken zu gewinnen, um diese Erkenntnisse dann in einem zweiten Schritt auf andere, noch nicht so gut erschlossene Sedimentbecken übertragen zu können“, erläutert Professor Ralf Littke von der RWTH Aachen.

Wie ein Sechser im Lotto…
Ausgangspunkt für die komplexen Untersuchungen der letzten sechs Jahre war ein umfangreicher geologischer und geophysikalischer Datensatz, den die Erdöl- und Erdgasindustrie für wissenschaftliche Untersuchungen zur Verfügung stellte. „Diese Informationen waren für uns wie ein Sechser im Lotto“, so der Geologie-Professor.

Denn die Kosten für eine einzige Tiefbohrung liegen oft zwischen fünf und zehn Millionen Euro, teilweise darüber. Die Industriedaten lieferten aber nun umfassende geophysikalische und geochemische Informationen aus etwa hundert solcher Tiefbohrungen. Zusätzlich wurden zahlreiche Gesteinsproben aus der Tiefe untersucht. Dadurch konnten die Wissenschaftler aus Aachen gemeinsam mit Kollegen aus anderen deutschen Universitäten und dem angrenzenden Ausland ein äußerst umfassendes Datenmaterial auswerten.

In 10.000 Jahren mit dem Ozeandampfer von Hamburg nach Berlin?
Dabei haben sie beispielsweise neue Erkenntnisse über die zukünftige Entwicklung des Küstenverlaufs gewonnen. „Sedimentbecken sind teilweise noch aktive Senkungsräume“, erläutert Littke. „Weitere Absenkungen bedeuten jedoch besondere Herausforderungen an den Küstenschutz.“ So untersuchten die Wissenschaftler, wie sich verschiedene extern und intern gesteuerte Prozesse auf die Sedimentschichten auswirkten.

Aus den gewonnenen Erkenntnissen wagten die Geologen verschiedene Langzeit-Prognosen. Eine davon ist, dass auf heutigem bundesdeutschen Gebiet bei Hamburg ein neuer Meeresarm in südöstlicher Richtung entsteht: „In etwa 5.000 bis 10.000 Jahren können unsere Nachfahren vielleicht mit dem Ozeandampfer von Hamburg nach Berlin fahren.“

Salzstöcke als Endlager
Wichtige Ergebnisse legten die Geologen aber auch über die Salzstöcke im zentraleuropäischen Becken vor. Das Steinsalz bildet dort häufig eine natürliche Abdeckschicht über Erdgas- und Erdöllagerstätten. Aufgrund der geringen Durchlässigkeit gelten die Salzstöcke heute als mögliche Zwischenlager für hochgiftige und radioaktive Stoffe. Aber sind sie wirklich sicher?

„Salze haben normalerweise eine viel niedrigere Durchlässigkeit als andere Sedimentgesteine“, erläutert Littke. „Unsere Untersuchungen konnten jedoch zeigen, dass selbst mächtige Salzschichten unter hohem Flüssigkeitsdruck durchlässig werden.“

Zentraleuropäisches Becken als Rohstoff-Schatzkammer
Bestätigen konnten die Aachener Wissenschaftler zudem, dass das zentraleuropäische Becken eine bis zu zehn Kilometer tiefe Schatzkammer ist. Die Sedimentschichten sind reich an wertvollen Gesteinen, Flüssigkeiten und Gasen. Neben Kalk-, Sand- und Tonstein lagern dort Kohle, Erdöl und Erdgas sowie Salze und vieles mehr. Der Rohstoffreichtum des Beckens erklärt sich durch seine Zusammensetzung: „Sowohl Kalk- als auch Sandstein sind poröse Gesteinsarten, in deren Poren Grundwasser, Öl und Erdgas aufgenommen und gespeichert werden können“, erklärt Littke.

So bezieht Deutschland etwa 40 Prozent seines Erdgases in Form von Methan aus dem zentraleuropäischen Becken. 20 Prozent werden im norddeutschen Raum gefördert. Zwanzig Prozent kommen aus den Niederlanden, die bei Groningen eines der größten europäischen Erdgasfelder besitzen. Im Rahmen des Forschungsprojekts kartierten die Geologen außerdem das Becken hinsichtlich seiner Methanfelder bzw. Stickstoffkonzentrationen. „Um Erdgas thermisch nutzen zu können, muss der Methananteil über 30 Prozent liegen“, berichtet der RWTH-Forscher.

Treibhausgasemissionen
Treibhausgasemissionen
© IMSI MasterClips
Gute Deckschichten für CO2-Speicher unter Tage
Ein weiteres Augenmerk legten die Wissenschaftler auf die Kohlenstoffeinlagerungen im Becken. „Mittelfristig werden wir unseren Energiebedarf auch weiterhin mit fossilen Brennstoffen decken müssen“, so die Einschätzung von Littke. Doch der Klimaschutz - und die damit verbundene Kohlendioxid-Reduzierung - erfordern kurzfristige Lösungen.

„Wirtschaft und Politik denken darüber nach, Kohlendioxid (CO2) möglicherweise unterirdisch zu speichern, etwa in ehemaligen Erdgasspeichern“, berichtet Littke. „Norddeutschland hat für CO2-Speicher unter Tage gute Deckschichten, um das Gas im Untergrund zu halten.“

Allerdings fordert der Geologe eine verantwortungsbewusste Einleitung: „Es müssen im Vorfeld genaue Untersuchungen der Lagerstätten stattfinden, auch weil das Becken sich dynamisch verändert." Das „Geotechnologien“-Programm des Bundesforschungsministeriums wird in den nächsten Jahren Basisdaten über die Eignung verschiedener Speicher in Norddeutschland liefern.
Artikel drucken    zum Archiv
Nach verwandten Themen suchen:
Becken, Tiefebene, Salzstöcke, CO2, Küste, Erdöl, Erdgas, Rohstoffe, Sedimente, Erdkruste, Geologie, GeoUnion, Gestein, Tiefbohrungen
Mehr zum Thema im GeoUnion-Newsportal
Spuren von Europa in der kanadischen Arktis entdeckt (29.08.2008)
Forscher untersuchen Erdkrustenfragment „Pearya“ auf Ellesmere Island
Älteste Gesteine der Erde verändern sich doch (19.08.2008)
Wissenschaftler erforschen Verjüngung und Erosion bei Kratonen
Atemberaubendes Gestein (08.11.2007)
Münsteraner Studenten besuchen Bohrprojekt in Russland
Ein „Fenster“ in den Untergrund (02.03.2007)
Das kleine 1x1 der Bohrtechnik
3D-Flug durch die Geologie (23.01.2007)
Virtuelles Modell gibt neue Einblicke in die Unterwelt der Stadt Halle
Wie kam der Neandertaler nach Deutschland? (22.09.2006)
Thüringer Becken und Oberrheintal waren die wichtigsten Wanderkorridore
Giganten aus Salzgestein (16.09.2008)
Geologische Karte informiert über Salzstrukturen in Norddeutschland
Rohstoffe aus Handarbeit (28.03.2008)
Klein-und artisanaler Bergbau – wozu?
Rohstoffjagd in der Tiefsee (20.03.2008)
Forscher sind „Meeresschätzen“ auf der Spur
Energie aus der Unterwelt (18.03.2008)
Wissenschaftler und Techniker erforschen den Berliner Untergrund
Werden Rohstoffe knapp? (07.03.2008)
Ein Boom und die Folgen
Renaissance der Kernenergie? (27.10.2006)
Geologische Verfügbarkeit von Uran kein limitierender Faktor
Konventionelles Erdöl vor dem Aus? (06.10.2006)
Fördermaximum ist spätestens 2020 erreicht
Suche
Erweiterte Suche
GeoUnion
Logo GeoUnion
Dossiers zum Thema
Forschen am "System Erde"
Die Geowissenschaften im Wandel
Wohin mit dem CO2?
Auf der Suche nach „Endlagern“ in Untergrund und Ozeanen
Strand
Fragiles Idyll aus Wellen, Sand und Wind
Erdöl und Erdgas „Made in Germany“
Die Suche nach Energierohstoffen in Deutschland
Vorstoß in die Tiefe
Warum Wissenschaftler Löcher in die Erde bohren
Tiefbohrungen im Ozean
Spurensuche auf dem Grund der Meere
Die vereinigten Platten von Europa
Der Tektonik unseres Kontinents auf der Spur
Detektive im System Erde
Das GeoForschungsZentrum Potsdam
100 Jahre Plattentektonik
Alfred Wegener und seine Theorie
Plattentektonik im Zeitraffer
Die Welt am Meeresboden im Wachsmodell
Salz
Weißes Gold im Zwielicht?
Diaschauen zum Thema
Mineralien
Gesteine
Bohrtechnik
3D-Modelle
GeoAngewandt - Artikel
Versandung trifft auch Naturparadiese
Das längste Thermometer Deutschlands
Urzeitliches Arten-Potpourri in Bernstein
Spurensuche vor Westafrika
Manganknollenjagd im Pazifik
In 10.000 Jahren mit dem Ozeandampfer von Hamburg nach Berlin?
Raptoren gab’s auch in Niedersachsen
Giganten aus Salzgestein
Gaza-Streifen: Zu viel Nitrat im Grundwasser
Patagonischer Kratersee gibt Geheimnisse preis
Älteste Gesteine der Erde verändern sich doch
Kohleverbrennung ohne CO2-Ausstoß
Geowissenschaftler geben Zuchtperlen ein Zuhause
Kohlevergasung untertage als Energiequelle der Zukunft?
Dino-Ferngläser erwecken Saurier zum Leben
Wie aus Staubkörnern Planeten werden
Forscher „erlauschen“ drohende Vulkanausbrüche
Warum trotzen Svalbard-Gletscher der globalen Erwärmung?
Europas "Vorposten" in Nordamerika
Wie Moore auf extreme Witterung reagieren
Nordrhein-Westfalen in 3D
Dem Klimawandel im Mittelmeerraum auf der Spur
Geheimnissen des Meeresbodens auf der Spur
Mikrofossilien als Paläothermometer
Energie aus der Unterwelt
Archiv
GeoSchwerpunkt
Themen, Fakten, Hintergründe ...mehr
GeoAngewandt
Aus Forschung und Wissenschaft ...mehr
GeoKöpfe
Persönlichkeiten im Profil ...mehr
GeoVorOrt
Geotouristische Highlights ...mehr
GeoSchon gewusst?
Interessant und Wissenswert ...mehr