Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Korallen im Nordmeer bedroht
Expedition zu den Kaltwasserriffen
Dass sich Korallenriffe nicht nur auf die tropisch-warmen Gewässer beschränken, ist bereits seit einigen Jahren bekannt. Doch noch sind die ökologischen Bedingungen der so genannten Kaltwasserkorallen nur ansatzweise erforscht. Paläontologen der Universitität Erlangen-Nürnberg und das IFM Geomar starten nun gemeinsam eine Forschungsexpedition ins Nordmeer. Sie erhoffen sich neue Erkenntnisse über die Biodiversität, den Aufbau und die Bedrohung der Riffe am nördlichsten Rand ihrer geographischen Verbreitung.

Kolonie der riffbildenden Kaltwasserkoralle Lophelia pertusa
Kolonie der riffbildenden Kaltwasserkoralle Lophelia pertusa
© A.Freiwald
Knapp elf Jahre ist es her, dass Wissenschaftler der Universität Erlangen um André Freiwald eine geradezu sensationelle Entdeckung machten: In den kalten, tiefen und dunklen Wassern des Nordatlantiks fanden sie Riffstrukturen, die bislang nur in den warmen und lichtdurchfluteten Flachwassermeeren der subtropisch-tropischen Klimazone zu finden waren. Vor allem die Steinkoralle Lophelia pertusa bildet Riffe bis in Tiefen von über 1.000 Metern. Doch wie können diese Tiere fernab jeglichen Lichts überleben und welche Artengemeinschaften tragen zur offensichtlichen Vielfalt der Riffe bei?

Um buchstäblich Licht in das Dunkel um die Riffe im Nordmeer zu bringen, sticht daher am 12.Juli 2005 ein Team aus Meeresbiologen und Paläontologen mit dem Forschungsschiff Poseidon in See. Mithilfe des Tauchbootes JAGO wollen die Forscher zu den nördlichsten Kaltwasser-Riffen auf dem Nordnorwegenschelf und in der südlichen Barents-See abtauchen. In internationaler Kooperation führen Wissenschaftler des Instituts für Paläontologie der Universität Erlangen-Nürnberg (IPAL), des IFM-GEOMAR sowie des Institute of Marine Research in Bergen/Norwegen die dreiwöchige Forschungsreise gemeinsam durch.

Riffe auf dem Sula-Rücken
Tauchboot Jago und FS Poseidon
Tauchboot Jago und FS Poseidon
© A.Freiwald
Ziel der Forscher ist der nördlichste Teil eines Korallengürtels, der sich im lockeren Verbund vom iberischen Kontinentalhang bis nach Nordnorwegen erstreckt. Schon in den Jahren zuvor wurde am Sula-Rücken eines der imposantesten Korallenriffgebiete des Nordatlantiks untersucht. Auf dreizehn Kilometer Länge und 400 – 600 Meter Breite sind dutzende individuelle Rifflandschaften entwickelt. Das durchschnittlich 15 Meter hohe Riffgerüst ist inzwischen größtenteils sedimentverfüllt und liegt in einer Tiefe von „nur“ maximal 320 Metern. An anderen Stellen des Nordatlantiks können die Riffe durchaus in Tiefen von bis zu 1.500 Meter unter der Wasseroberfläche wachsen. Am Sula-Rücken jedoch fanden die Korallen in wesentlich geringerer Tiefe optimale Wachstumsbedingungen. Sie siedeln auf Geröllbarrikaden, die in den Eiszeiten bei wesentlich niedrigerem Meeresspiegel durch strandende Eisberge förmlich aufgeschoben wurden.

Korallenwachstum
Doch wie entstehen eigentlich die imposanten Gebilde, die in der Regel die umfangreichsten biogenen Strukturen der tiefen Schelfe darstellen? Korallenpolypen sind wirbellose Tiere, die zumeist nicht größer als zehn Millimeter werden. Sie bestehen vorwiegend aus einem sackförmigen Körper und einer Mundöffnung, die von Tentakeln umgeben ist. Zum Nahrungsfang strecken sie die mit Nesselkapseln ausgestatteten Fangarme aus und fischen so ihr Hauptnahrungsmittel - das Plankton - aus dem Wasser.

Octokorallengarten auf abgestorbener 
Lophelia-Kolonie
Octokorallengarten auf abgestorbener Lophelia-Kolonie
© A.Freiwald
Mit Hilfe von Symbionten, zumeist einzelligen Algen, ist es den Polypen möglich, den aus Meerwasser und Plankton aufgenommenen Kalk abzusondern. Daraus bauen die Polypen becherförmige Gehäuse, ihre Wohnhöhlen. Diese bilden in ihrer Gesamtheit das Skelett eines Riffes. Sterben die Tiere ab, so dienen diese Korallenstöcke wiederum als Basis für neue Polypengenerationen. So entsteht mit der Zeit ein Riff, das langsam aber sicher in die Höhe wächst.

So sind die Riffe im Nordmeer vorsichtigen Schätzungen zufolge über 200.000 Jahre alt, wobei sich durch Fossilienfunde sogar einzelne Riffgebiete bis in das Oligozän vor rund 30 Millionen Jahren zurückverfolgen lassen. Möglicherweise gehören diese uralten tierischen „Wohngebiete“ jedoch schon bald der Vergangenheit an. Denn Meeresverschmutzung und die Hochseefischerei mit ihren schweren Schleppnetzen haben den Kaltwasserriffen bereits schwer zugesetzt. So hoffen die Wissenschaftler denn auch, durch die Erforschung der Riffe einen Beitrag zu deren Schutz leisten zu können.
Artikel drucken    zum Archiv
Nach verwandten Themen suchen:
Paläontologie, Korallenriffe, Paläontologie, Tauchboot JAGO, Sula-Rücken, Eiszeiten, Kalk, Plankton, Hochseefischerei, Meeresverschmutzung, hermes
Paläontologie - Juni 2005
Dieser Artikel ist Teil des GeoUnion-Monatsschwerpunkts "Paläontologie". Weitere Meldungen finden Sie unter folgenden Links oder sind in Vorbereitung:
Korallen im Nordmeer bedroht
Expedition zu den Kaltwasserriffen
„Krokodiljagd“ im Plattenkalk
Fast vollständiger Geosaurus entdeckt
Gigantismus der Dinosaurier
„Survival of the fattest“
Fossilien auf virtueller Reise
Hominiden Südostasiens im Netz
Suche
Erweiterte Suche
GeoUnion
Logo GeoUnion
Dossiers zum Thema
Great Barrier Reef
Bedrohte Wunderwelt des Meeres
Kalk
Über eine ungewöhnliche Allianz aus Wasser und Stein
Alleskönner Alge
Von Sushi bis zur Blauen Biotechnologie
Forschen am "System Erde"
Die Geowissenschaften im Wandel
Symbiosen
Eine Hand wäscht die andere
GeoBasics - Artikel
Kein Regen ohne Eiskeim
Starthilfe für den Golfstrom
Ein fliegendes Labor für Klimaanalysen
Antarktis: Meeresströmung trotzt Klimawandel
Ein Frühwarnsystem für das Mekong-Delta
Wasserversorgung und Wasserverschmutzung in Guangzhou
Peru: Klimawandel verschärft Wassermangel in Lima
Ältestes Eis der Antarktis im Visier
Polarstern umrundet Nordpol
Klimabüro für Polargebiete eröffnet
Arktis: Eisschmelze erreicht fast Rekordniveau
Kopernikus macht Erde sicherer
Europas modernstes Wetterradar überwacht Deutschland
Waldbrände beeinflussen Arktis-Atmosphäre
GOCE nimmt die Erde ins Visier
Spuren von Europa in der kanadischen Arktis entdeckt
Erste geologische Weltkarte im Internet
Vietnam verliert Küste
Erdbeben haben Grenzen
Meteoriten in der Falle
Steine des Himmels
Neues Mineral in Kometenstaub entdeckt
Gefahr aus dem All
Mit Mikrofossilien auf Erdöl-Jagd
Mit Fossilien der Evolution auf der Spur
Archiv
GeoSchwerpunkt
Themen, Fakten, Hintergründe ...mehr
GeoAngewandt
Aus Forschung und Wissenschaft ...mehr
GeoKöpfe
Persönlichkeiten im Profil ...mehr
GeoVorOrt
Geotouristische Highlights ...mehr
GeoSchon gewusst?
Interessant und Wissenswert ...mehr