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Montag, 13.02.2012
Kontakte brachten Menschheit voran
Hohe Populationsdichte wirkte als Auslöser für kulturelle Fortschritte
In unserer Entwicklungsgeschichte hat es immer wieder Zeiten besonders großer Fortschritte gegeben: das Nutzen von Werkzeugen oder Feuer, die Erfindung des Rades oder der Ackerbau. Was aber löste diese bahnbrechenden Veränderungen aus? Eine jetzt in „Science“ veröffentlichte Studie stellt fest, dass nicht etwa Sprünge in der Intelligenz dafür verantwortlich waren, sondern vielmehr die katalytische Wirkung der Bevölkerungsdichte.

Frühmensch
Frühmensch
© Harald Frater
Der moderne Homo sapiens existiert seit mindestens 160.000 bis 200.00 Jahren. Doch nennenswerte Spuren von irgendeiner weiterentwickelten Technik oder Kultur über einfache Steinwerkzeuge hinaus gibt es gerade mal seit 90.000 Jahren. Erst dann ereignete sich der radikale Sprung in technologischer und kultureller Komplexität, der unsere Spezies so einzigartig macht: Der Mensch entwickelte symbolisches Verhalten wie abstrakte und realistische Kunst, Körperschmuck, Musikinstrumente, aber auch fortgeschrittenere Jagd- und Fallenstellwerkzeuge wie Bögen, Bumerangs oder Netze. Aber warum erst so spät? Genau das haben nun Wissenschaftler des University College London untersucht.

Rätsel der sprunghaften Entwicklung
„Wissenschaftler haben viele Hypothesen entwickelt, warum, wo und wann diese kulturellen Explosionen sich ereigneten“, erklärt Stephen Shennan, Professor für Archäologie am University College London, „darunter neue Mutationen, die zu besseren Gehirnen führten, Fortschritte in der Sprache und Ausbreitung in neue Umwelten, die neue Technologien erforderten um zu überleben.“ Das Problem ist jedoch, dass keiner dieser Ansätze das Aufkommen modernen menschlichen Verhaltens zu unterschiedlichen Zeiten an verschiedenen Orten zu erklären vermag und auch nicht, warum es im Süden Afrikas zwischenzeitlich wieder verschwand.“

„Während moderne Technologien und Verhalten in Europa und Westasien vor rund 45.000 Jahren mit der Ankunft des modernen Homo sapiens auf Afrika begannen, stagnierte die Entwicklung in Ost- und Südasien noch lange Zeit, obwohl auch dort Homo sapiens lebte“, so der Forscher. „In Afrika südlich der Sahara ist die Situation sogar noch komplexer: Hier findet man zwar schon vor 90.000 Jahren viele der Eigenschaften modernen Verhaltens – darunter auch die erste abstrakte Kunst – doch dann verschwinden sie vor 65.000 Jahren wieder bevor sie vor 40.000 Jahren plötzlich wieder auftauchen.“

Populationsdichte als Katalysator?
Die Wissenschaftler um Shennan hatten eine neue Hypothese für diese seltsamen Effekte. Was, wenn es nicht biologische Veränderungen, sondern ein ganz bestimmter Umwelteinfluss wäre: die Dichte, in der die Menschen zusammenlebten. Denn eine hohe Populationsdichte führt zu einem größeren Austausch von Ideen und Fähigkeiten und trägt damit auch dazu bei, dass Neues erfunden wird und einmal Entwickeltes nicht so schnell wieder verloren geht.

Wenn dies tatsächlich der Fall gewesen sein sollte, dann mussten die Menschen immer dann, wenn es technologische oder kulturelle Sprünge gab, in diesen Regionen besonders zahlreich gewesen sein. Die Forscher überprüften dies, indem sie anhand genetischer Marker auf die Populationsgröße rückschlossen. Solche Verfahren zeigen beispielsweise an, ob zu einer bestimmten Zeit die genetische Vielfalt und damit auch die Menge der Menschen, groß oder klein war.

Reger Austausch hält Fähigkeiten am Leben
Es zeigte sich dabei, dass die Dichte tatsächlich im südlichen Afrika und im Mittleren Osten genau dann hoch war, wenn die modernen Verhaltensweisen erscheinen. In den Zeiten, als sie wieder verschwand, konnte die Populationsdichte beispielsweise durch klimatische Veränderungen gesunken sein und so die Weitergabe der neuen Fähigkeiten gehemmt.

Mithilfe von Computermodellen sozialen Lernens simulierten die Wissenschaftler, wie komplexe Fähigkeiten über Generationen hinweg weitergegeben werden. Das Ergebnis: Das Aufrechterhalten einer solchen Tradition ist nur möglich, wenn eine bestimmte kritische Schwelle der Interaktion zwischen Menschen überschritten wird. Gibt es an einem Ort zu wenig Menschen dafür, drohen Fähigkeiten wieder auszusterben.

Kontakte wichtiger als „Hardware“
„Wenn wir darüber nachdenken, wie wir die hochentwickelten Kreaturen wurden, die wir heute sind, stellen wir uns oft einen plötzlichen entscheidenden Wandel vor – ein bisschen wie die Erscheinung des schwarzen Monolithen im Film '2001 - Odyssee im Weltraum'“, erklärt Mark Thomas, Wissenschaftler am Institut für Genetik, Evolution und Umwelt des University College. „In Wirklichkeit gibt es keine Belege für eine große Veränderung in unserem biologischen Status. Unser Modell kann dies erklären, selbst wenn unsere mentalen Kapazitäten heute die gleichen sind wie vor 200.000 Jahren als unsere Art entstand.“

Er fügt hinzu: „Ironischerweise zeigt unsere Forschung, dass erfolgreiche Innovation weniger davon abhängt wie schlau man ist, als vielmehr, wie gut die Verbindungen sind, die man hat – etwas, das heute noch genauso relevant scheint wie vor 90.000 Jahren.“
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