Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Gelacht wird seit über zehn Millionen Jahren
Evolution des Lachens bei Mensch und Affen rekonstruiert
Ein internationales Wissenschaftlerteam hat in der aktuellen Ausgabe des Online-Fachmagazins „Current Biology“ überraschende, neue Ergebnisse aus der Evolutionsforschung vorgestellt. Den Forschern ist es gelungen, die Entwicklung von Lachen bei Mensch und Affen zu rekonstruieren - bis zu den Ursprüngen vor zehn bis 16 Millionen Jahren.

Auch Affenkinder sind kitzelig
Auch Affenkinder sind kitzelig
© Institut für Zoologie / Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover Auch Affenkinder sind kitzelig
Lachen gehört zu den am weitesten verbreiteten emotionalen stimmlichen Ausdruckselementen in der Kommunikation des Menschen. Es kann Freude ausdrücken, Konflikte entschärfen und sozial ansteckend wirken, als hämischen Lachen aber auch dazu dienen, andere auszugrenzen. Lachen ist über alle Kulturkreise hinweg verbreitet und bereits Babys im Alter von vier Monaten, aber auch blind und gehörlos geborene Kinder können lachen. Deshalb wird angenommen, dass Lachen eine angeborene stimmliche Gefühlsäußerung darstellt.

Können Menschenaffen lachen?
Die Wissenschaftler um Marina Davila Ross, Professor Michael Owren und Professorin Elke Zimmermann von der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo), der University of Portsmouth und der Georgia State University gingen deshalb in ihrem Vorhaben den Fragen nach, inwiefern stimmliche Komponenten des Lachens menschspezifisch sind, ob auch Menschenaffen lachen können und wie weit sich Lachen dabei aus Vorstufen ableiten lässt, die bereits auf vormenschlicher Stufe ausgebildet waren.

Lachen ist nicht gleich Lachen
Das Forscherteam zeigte, dass sich Lachen beim Menschen stimmlich dadurch von Menschenaffen unterscheidet, dass es überwiegend aus stimmhaften, melodischen Silben besteht, die beim Ausatmen generiert werden. Doch auch Menschenaffen können lachen. Sie äußern sowohl beim Ausatmen als auch beim Ein- und Ausatmen Serien von meist stimmlosen Kicher- oder Keckerlauten. In den langen Lautserien von Schimpansen und Bonobos werden sie erstmals auch stimmhaft und melodisch.

Über graduelle Veränderungen der Stimmstruktur von Kitzellauten lässt sich das Lachen beim Menschen ableiten. Die Lautähnlichkeiten spiegeln dabei exakt die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den fünf Arten wider, die aus molekulargenetischen Stammbaumanalysen gut belegt sind.

Aufgrund der neuen Erkenntnisse kann Lachen nach Angaben der Wissenschaftler damit bis zum letzten gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Menschenaffen, das heißt auf zehn bis 16 Millionen Jahren vor unserer Zeit zurückdatiert und seine Entwicklungsgeschichte rekonstruiert werden. Stimmliche Komponenten der Ur-Lachlaute wurden danach in der Evolution offensichtlich graduell verändert und verstärkt oder wieder zurückgebildet. Dies wird besonders auffällig nach der Abspaltung der Homininen-Linie von den Menschenaffen, als Lachen zu einem grundlegenden Werkzeug der menschlichen sozialen Kommunikation wurde.

Kitzelreiz
Kitzelreiz
© Institut für Zoologie / Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover Kitzelreiz
Wirksamer Kitzelreiz
Für ihre Untersuchungen haben die Wissenschaftler mit einem Kitzelreiz das Lachen bei Kindern sowie Kitzellaute bei Jungtieren von den vier großen Menschenaffenarten, Orang-Utans, Gorillas, Schimpansen und Bonobos ausgelöst. Diese Laute wurden über computerspektrografische Methoden physikalisch charakterisiert, um artspezifische Unterschiede im stimmlichen Ausdruck zu erfassen und Besonderheiten von artübergreifenden Ähnlichkeiten zu trennen.

Die so in ihrer Stimmstruktur quantifizierten Laute aller fünf Arten wurden anschließend einer stammesgeschichtlichen Analyse unterzogen. Über 800 Laute mit je elf verschiedenen Stimm-Merkmalen von insgesamt 25 Kindern und Jungtieren der verschiedenen Arten gingen in diese Analyse ein.

„Es ist damit das umfangreichste Datenmaterial, das bisher vergleichend zum emotionalen stimmlichen Ausdruck bei Menschenaffen und Menschen erhoben wurde“, sagt Ross, Wissenschaftlerin vom Centre for the Study of Emotion an der Universität Portsmouth.

Besondere Vorsichtsmaßnahmen nötig
Zimmermann, Direktorin des Instituts für Zoologie der TiHo und Initiatorin dieser Studie ergänzt: „Und es ist die einzige Untersuchung, die unter vergleichbaren Bedingungen Menschen und alle vier großen Menschenaffenarten in vergleichbarem Alter einbezogen hat. Ohne die vielfältige Unterstützung zoologischer Gärten und einem Rehabilitationszentrum für Orang-Utans in Malaysia sowie Eltern im privaten Umfeld wäre eine solche Untersuchung nicht möglich gewesen“.

Dabei war es nicht immer einfach, Institutionen, die Menschenaffen züchten, zur Mitarbeit anzuregen, denn diese gehören zu den am stärksten von der Ausrottung bedrohten Affenarten. Deshalb mussten besondere Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden, um eine mögliche Gesundheitsgefährdung der Tiere auszuschließen. Dass sich die Mühen gelohnt haben, belegen, so die Wissenschaftler, die Ergebnisse der Studie.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Lachen, Emotionen, Evolution, Mensch, Homo sapiens, Neandertaler, Affen, Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans
Weitere News zum Thema
Meer produziert ozonschädliche Stoffe (02.02.2012)
Halogenverbindungen steigen aus flachen Küstenbereichen auf
Polarmeer: Aktueller Klimawandel unschuldig an hohen Methanwerten (17.11.2011)
Permafrost vor der sibirischen Küste taut noch nicht auf
Urzeitliche Untersee-Rutschungen vor Chile entdeckt (27.10.2011)
Gewaltige Mengen Sediment stürzten steilen Kontinentrand hinab
Schon die frühen Menschen liebten es bunt (14.10.2011)
Werkzeuge und Behälter belegen Fähigkeit zur gezielten Pigmentproduktion
Mini-LED für superflache Touchscreens (20.09.2011)
Neue Infrarot-Leuchtdiode soll Touch-Technologie verbessern
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Berggorillas
Nobody is perfect
Neandertaler
Dossiers zum Thema
Menschenaffen
Die Letzten ihrer Art?
Zwischen Hund, Affe und Mensch
Brian Hare: „3chimps“ und die Entwicklung des sozialen Verhaltens
Der Streit um den Neandertaler
Anmerkungen zur Evolution des Menschen
Projekt Neandertaler
Gene lösen Rätsel um eiszeitlichen Vetter
Unfälle der Evolution
...oder doch geniale Anpassungsstrategien?
Die Grammatik des Lebens
Wie fügt die Natur einzelne Teile zum Großen Ganzen?
Gehirnforschung
Dem menschlichen Denken auf der Spur
„Der kleine Unterschied“ im menschlichen Gehirn
Wie Östrogen und Co. die kognitiven Leistungen beeinflussen
News des Tages
Kontakte brachten Menschheit voran
Superwaschgang in der Atmosphäre
Düstere Supernova erhellt Gammablitze
Gedanken lassen Flipperkugeln flitzen
Protein verantwortlich für Herzversagen
Stress fördert Routineverhalten
Gelacht wird seit über zehn Millionen Jahren
Bücher zum Thema
Der dritte Schimpanse
Evolution und Zukunft des Menschen von Jared Diamond
Animal Talk
Die Sprache der Tiere von Eugene S. Morton und Jake Page
Der Affe und der Sushimeister
Das kulturelle Leben der Tiere von Frans de Waal
Die Ursprünge der Menschheit
von Fiorenzo Facchini
Das Rätsel der Menschwerdung
von Josef H. Reichholf
Adams Eltern
Expeditionen in die Welt der Frühmenschen von Friedemann Schrenk & Timothy G. Bromage
Neandertal
Die Geschichte geht weiter von Ralf W. Schmitz und Jürgen Thissen
Tierisch!
Expedition an den Rand der Schöpfung von Dirk Steffens
Abenteuer Evolution
Die Ursprünge des Lebens von Walter Kleesattel
Das ist Evolution
von Ernst Mayr
Gipfel des Unwahrscheinlichen
Wunder der Evolution von Richard Dawkins
Der Beobachter im Gehirn
Essays zur Hirnforschung von Wolf Singer
Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn
von Vilaynur S. Ramachandran
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis