Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Erster Schnappschuss der Gedächtnisbildung
Neue Methode erlaubt Echtzeit-Blick in Proteinbildung an den Synapsen
Die Fähigkeit zu lernen und neue Erinnerungen zu bilden ist entscheidend für unsere Existenz und Identität. Jetzt ist es Forschern erstmals gelungen, den Mechanismus mit dem Gedächtnis entsteht, bildlich einzufangen. In „Science“ präsentieren sie eine Methode, mit der die für das Langzeitgedächtnis verantwortliche Proteinproduktion an den Synapsen in Echtzeit beobachtet und aufgenommen werden kann.

Forschungslandschaft Gehirn
Forschungslandschaft Gehirn
© Hemera
Was passiert eigentlich in unserem Gehirn, wenn wir uns Dinge merken? Ein wie auch immer gearteter „Gedächtnismechanismus“ muss auf jeden Fall zwei Bedingungen erfüllen: Er muss stabil genug sein, um eine große Menge an Informationen für lange Zeit zu speichern. Zum anderen aber muss er so flexibel sein, dass das System Anpassungen und Lernen ermöglicht. Verortet haben die Neurowissenschaftler den Mechanismus bereits: in den Synapsen, den Schaltstellen des Gehirns. Sie bilden ein ausgedehntes und konstant fluktuierendes Netzwerk von Verbindungen, deren Plastizität vermutlich die Basis für das Lernen und Gedächtnis ist.

„Aber wenn dieses Netzwerk sich konstant verändert, stellt sich die Frage, wie die Erinnerungen erhalten bleiben können und wie sie entstehen“, so Wayne Sossin, Neuroforscher am Montreal Neurological Institute and Hospital. Gemeinsam mit Kollegen von der McGill Universität und der Universität von Kalifornien in Los Angeles gelang es ihm nun, erstmals einen direkten Blick auf das Geschehen an den Synapsen zu werfen und die Basis der Bildung von Erinnerungen in einer Aufnahme festzuhalten.

Proteinproduktion als entscheidender „Gedächtnismacher“
„Seit einiger Zeit ist bekannt, dass ein wichtiger Schritt des Langzeitgedächtnisses die Translation oder Produktion von neuen Proteinen an der Synapse ist“, erklärt Sossin. „Sie stärken die synaptische Verbindung und damit auch die Erinnerung. Doch bisher hat niemand dies abbilden können.“ Die Forscher entwickelten nun eine Methode, mit der sie diesen Schlüsselprozess sichtbar machen können.

Proteinproduktion an den Synapsen
Proteinproduktion an den Synapsen
© Science Proteinproduktion an den Synapsen
Beobachtung erstmals in Echtzeit
„Mithilfe eines translationalen Markers, einem fluoreszierenden Protein, das leicht entdeckt und verfolgt werden kann, haben wir die erhöhte lokale Proteinsynthese bei der Gedächtnisbildung direkt beobachtet und abgebildet“, so der Forscher. Erstmals ist so die Proteinproduktion in Echtzeit beobachtbar. „Wichtige Erkenntnis daraus war, dass diese Translation synapsenspezifisch war und der Aktivierung durch die postsynaptische Zelle bedurfte. Das zeigt, dass dieser Schritt die Kooperation zwischen den beiden an der Synapse beteiligten Neuronen benötigt.“

Beide angrenzenden Gehirnzellen beteiligt
Die Wissenschaftler belegen damit, dass die stark lokal begrenzte Proteinproduktion tatsächlich transsynaptische Signale erfordert und liefern damit ein wichtiges Bindeglied in der Erforschung des Mechanismus. Denn klar war, dass die lokalisierte Proteinproduktion mit einer Veränderung der lokalen Genexpression einher geht. Bekannt war im Prinzip auch, dass die neuronale Plastizität mit der Stärkung lokaler Synapsen zusammenhängt.

Jetzt ist die Erzeugung der „Gedächtnis“-Proteine auf lokaler Ebene sichtbar gemacht worden und nachgewiesen, dass sie durch die Signale und die Kooperation der angrenzenden Gehirnzellen getriggert wird. Die neue Methode, die die Beobachtung der Vorgänge in Echtzeit erlaubt, könnte zukünftig noch weitere wichtige Durchbrüche im Verständnis der Gedächtnisbildung liefern.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Gehirn, Gedächtnis, Erinnerung, Nervensystem, Nervenzellen, Synapsen, Plastizität, Gehirnzellen, Proteine, Eiweiße
Weitere News zum Thema
Chemotherapie bei Schwangeren schadet Ungeborenem nicht (13.02.2012)
Krebsmedikamente stören weder Wachstum noch Gehirnentwicklung der Kinder
Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig (10.02.2012)
Wirkstoff Bexaroten beseitigt Gedächtnisstörungen und Eiweiß-Plaques bei Mäusen
Fasten lässt Krebstumore schrumpfen (09.02.2012)
Zwei Tage nichts essen macht Chemotherapie effektiver
Warum der Mittelfinger so eine lange Leitung hat (08.02.2012)
Hemmung von den Nachbarnervenzellen bestimmt die Reaktionsgeschwindigkeit
Blick ins Hirn verrät Abschneiden im Reaktionstest (07.02.2012)
Hirnaktivität kann voraussagen, wie gut jemand ein Videospiel beherrscht
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Gliazellen
Gehirnforschung
Savant-Syndrom
Dossiers zum Thema
Gehirnforschung
Dem menschlichen Denken auf der Spur
Elektrische Synapsen
„Aschenputtel“ unter den Zellkontakten
Der Kitt denkt mit
Geheimnisvolle Gliazellen im Gehirn
Teamwork der Sinne
Auch die Augen hören mit
Altern mit Köpfchen
Wie der Geist lange fit bleibt
„Der kleine Unterschied“ im menschlichen Gehirn
Wie Östrogen und Co. die kognitiven Leistungen beeinflussen
Rätsel Hirnschwund
Auf der Suche nach den Ursachen von Alzheimer und Parkinson
Das Rätsel der Savants
Auf Spurensuche bei „Rain Mans“ Geschwistern
Neuland in drei Dimensionen
Ein Blick ins Innere der Zelle
Molekulare Motoren
Protein-„Maschinen“ als Triebfeder des Lebens
News des Tages
Belege für großen See auf dem Mars
Erster Schnappschuss der Gedächtnisbildung
Kleinste Säuretröpfchen in ultrakalter Falle
Herschels erster Blick ins All
160 Milliarden Euro für klimaoptimalen Energiemix?
Klimawandel lässt Pflanzensamen weiter fliegen
Wenn ein Protein die Seiten wechselt
Bücher zum Thema
Unser Gedächtnis
Erinnern und Vergessen von Bernard Croisile
Medizin für das Gehirn
Hrsg. Spektrum der Wissenschaft
Lernen zu lernen
Lernstrategien - sofort anwendbar von Werner Metzig und Martin Schuster
Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn
von Vilaynur S. Ramachandran
Descartes' Irrtum
Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn von Antonio R. Damasio
Gott-Gen und Großmutter neuron
Geschichten von Gehirnforschung und Gesellschaft von Manfred Spitzer
Die blinde Frau, die sehen kann
Rätselhafte Phänomene unseres Bewußtseins von Vilaynur S. Ramachandran und Sandra Blakeslee
Lernen
Gehirnforschung und die Schule des Lebens von Manfred Spitzer
Was treibt das Leben an?
Eine Reise in den Mikrokosmus der Zelle von Stephan Berry
Lehrbuch der Molekularen Zellbiologie
von Lutz Nover und Pascal von Koskull-Döring
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis