Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Viren: Molekulares Kuckucksei enttarnt
Forscher identifizieren zwei virale Merkmale, die eine Immunantwort auslösen
Der menschliche Körper muss sich ständig gegen Bakterien und Viren verteidigen. Zwar ist das Immunsystem auf solche Attacken gut vorbereitet: Sensoren in den Zellen identifizieren eindringende Bakterien und leiten daraufhin ein gezieltes Abwehrprogramm ein. Allerdings erschweren Viren dem Immunsystem die Erkennung, da diese nur ihre nackte Erbinformation in die Zellen schleusen. Nun sind Wissenschaftler einem Mechanismus auf die Spur gekommen, mit dessen Hilfe Sensoren in der Zelle virale Erreger dennoch aufspüren können.

Virus der Schweinegrippe neuen Typs: Influenza A H1N1
Virus der Schweinegrippe neuen Typs: Influenza A H1N1
© CDC Virus der Schweinegrippe neuen Typs: Influenza A H1N1
Die Forscher um Dr. Simon Rothenfusser vom Klinikum der Universität München (LMU) fanden heraus, dass virales Genmaterial zwei unterschiedliche Strukturmerkmale besitzt, die von einem Immunsensor erkannt werden. Die Ergebnisse sollen helfen, neuartige Therapien gegen Viren zu entwickeln - wie auch gegen Tumorleiden, berichten die Wissenschaftler in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS). In der Studie kamen rein synthetisch hergestellte Imitate viralen Erbmaterials zum Einsatz.

Viren als Freibeuter
Die alljährliche Grippewelle im Winter zeigt eines ganz besonders deutlich: Den Angriffen von Viren ist der Mensch immer noch relativ schutzlos ausgeliefert. Meist gelingt es dem Körper erst nach einer mehr oder weniger schweren Krankheitsphase, sich gegen den Eindringling zu wehren und die Krankheit zu überwinden. Diese Erreger sind für die Körperabwehr so schwer zu fassen, weil sie - anders als Bakterien - ihre spezifischen Oberflächenmerkmale, die von Immunsensoren des Körpers erkannt werden, abstreifen können.

Viren sind so etwas wie mikroskopisch kleine Freibeuter: Sie lassen beim Eindringen in die Zelle ihre Hüll- und Kapselstrukturen zurück und schleusen nur ihre nackte Erbinformation, die DNA oder RNA, in die Körperzellen ein.

Erreger deponieren Kuckucksei
„Die genetischen Informationen des Menschen und der Viren sind in ihrer Struktur fast oder ganz identisch aufgebaut“, erklärt Rothenfusser. „Viren können ihre RNA-Moleküle daher in einer Zelle wie ein Kuckucksei deponieren. Erkennt die Zelle die subtilen Besonderheiten des fremden Materials nicht, liest sie in der Folge die Gene des Virus wie ihre eigenen ab und produziert so ständig neue Virusnachkommen.“

Wenn der Körper die virale Erbinformation nicht als fremdes Material erkennt, können die wirksamen Abwehrprogramme des Immunsystems aber nicht aktiviert werden, die die Vermehrung und Verbreitung der Eindringlinge meist erfolgreich unterbinden.

Molekularer Sensor identifiziert
In seiner neuen Studie konnte das Team um Rothenfusser nun zeigen, anhand welcher Merkmale ein im Zellinneren gelegener Immunsensor virale RNA erfolgreich von zelleigener RNA unterscheiden kann. Dieser molekulare Sensor namens RIG-I - retinoid acid inducible gene I - hat sich als wesentlicher Faktor bei der Abwehr des Grippevirus und des Erregers der Hepatitis C erwiesen.

Er besitzt die Fähigkeit, in die Zelle eingedrungene virale RNA zu erkennen und löst daraufhin eine Abwehrreaktion aus, die das Virus heftig attackiert. Um diese Aufgabe zu leisten, muss das Virus zwei von der Sequenz der RNA unabhängige Struktureigenschaften besitzen, fand die Gruppe um Rothenfusser in Zusammenarbeit mit Professor Karl-Peter Hopfner vom Genzentrum der LMU jetzt heraus.

RIG-I entlarvt Virus
Erstens muss das RNA-Molekül an einem Ende, dem so genannten 5'-Ende, eine frei zugängliche chemische Variation besitzen: das 5'-Triphosphat. Zweitens muss die Virus-RNA über mindestens sieben bis zehn aufeinanderfolgende Basen, das sind die Grundbausteine des Erbmaterials, eine doppelsträngige Struktur ausbilden. Die Kombination beider Eigenschaften kommt bei der zelleigenen RNA im Zytoplasma nicht vor und ist so ein eindeutiges Erkennungsmerkmal. Um die verschiedenen Virusmerkmale zu erkennen, sind zwei unterschiedliche Bereiche von RIG-I zuständig, wie die Untersuchungen der Forscher ergaben.

„Wir nehmen an, dass RIG-I die Informationen über beide Merkmale integriert und erst dann eine antivirale Abwehrreaktion auslöst“, sagt Dr. Andreas Schmidt, Erstautor der Veröffentlichung. Zwar gibt es Viren, die entweder das eine oder das andere Merkmal nicht aufweisen und so schwer zu identifizieren sind. Sind aber beide Besonderheiten vorhanden, kann RIG-I das Virus eindeutig „entlarven“.

Charakteristische Verunreinigungen
Somit ist es den Forschern gelungen, ein Profil viraler RNA zu definieren, das ausreichend für die Aktivierung von RIG-I ist. Die getrennte Untersuchung der beiden Virusmerkmale gelang ihnen, weil sie durch Zusammenarbeit mit der Biotech-Firma Eurogentec erstmals vollständig synthetisch hergestellte und somit exakt definierte 5 '-Triphosphat-RNA zur Verfügung hatten, die keinerlei Verunreinigungen enthielt.

Auf herkömmlichem Weg mithilfe von Enzymen hergestelltes 5'-Triphosphat zeigt dagegen charakteristische Verunreinigungen mit nicht kontrollierbaren RNA-Stücken, die häufig zu widersprüchlichen Ergebnissen führten.

Synthetische Imitate von Viren-RNA
Die neuen Erkenntnisse könnten es in Zukunft nach Angaben der Forscher auch erlauben, vollständig synthetische Imitate von Viren-RNA herzustellen, um so möglicherweise bei der Entwicklung von Medikamenten das Immunsystem gezielt stimulieren. „Wir hoffen, auf diese Weise neue therapeutische Ansätze zur Behandlung von Tumoren und chronischen Virusinfektionen zu finden“, so Rothenfusser.

Eine mögliche Anwendung ist, auf synthetischem Weg RNA-Moleküle herzustellen, die sowohl doppelsträngige Abschnitte als auch ein modifiziertes 5'-Triphosphat enthalten. Diese Moleküle können so gestaltet werden, dass sie gleichzeitig in der Lage sind, über den Mechanismus der RNA-Interferenz zelleigene Gene auszuschalten und eine Virus-RNA zu imitieren - so dass sie über RIG-I eine Antwort des Immunsystem provozieren.

Neuer Ansatz im Tiermodell erfolgreich
„Dieser neue Ansatz ließ sich im Tiermodell bereits erfolgreich zur Therapie von Melanomen, also bösartigem Hautkrebs, einsetzen“, berichtet Rothenfusser. In Zukunft wollen die Forscher den neuartigen Ansatz in seinen Anwendungsmöglichkeiten weiter untersuchen.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Viren, Bakterien, Erbinformation, Zellen, Erreger, Infektionen, Immunsystem, Krankheit, Medizin
Weitere News zum Thema
Kondomnutzung senkt HIV-Rate in Südafrika (19.01.2012)
Safer Sex hatte mehr Wirkung als antivirale Medikamente
Grippemittel Tamiflu weniger wirksam als gedacht? (18.01.2012)
Zurückgehaltene Daten zeigen: Hersteller-Angaben zu Nebenwirkungen und Nutzen sind zu positiv
La Nina förderte Influenza-Pandemien (17.01.2012)
Vier größte Grippewellen entstanden nach besonders starken Wetteranomalien
HIV: Neue Impfstoffe erfolgreich an Affen getestet (05.01.2012)
Erste klinische Studien am Menschen sollen demnächst beginnen
Aids-Studie ist wissenschaftlicher Durchbruch des Jahres (23.12.2011)
Fachmagazin "Science" listet die zehn wichtigsten Erkenntnisse 2011
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Influenza
Viren als Therapeuten
Viren
Aids
Genetik
Bakterien
Dossiers zum Thema
Rückkehr der Seuchen
Der Krieg gegen die Mikroben geht weiter
AIDS
Auf der Suche nach der Wunderwaffe
Vogelgrippe
Vom Tiervirus zur tödlichen Gefahr für den Menschen
Influenza
Alter Feind in neuem Gewand
Mit Gentechnik gegen die Infektion
Die Suche nach neuen Impfstoffen
Arzneimittelforschung
Mit Hightech auf der Suche nach Naturwirkstoffen
Haute-Couture für Viren
Neue Behandlungsstrategien gegen Krebs
Neuland in drei Dimensionen
Ein Blick ins Innere der Zelle
Molekulare Motoren
Protein-„Maschinen“ als Triebfeder des Lebens
DNA
Von Genen, Mördern und Nobelpreisträgern
News des Tages
Sternhaufen als kosmische Vielfraße
Schon vor 40.000 Jahren gab es regelmäßig Fisch
Forscher tricksen Nanoteilchen aus
Mit "Wohltätern" gegen Multiple Sklerose?
Plattwürmer: microRNAs sorgen für Regeneration
Spinflüssigkeit erklärt rätselhaftes Quantenphänomen
Viren: Molekulares Kuckucksei enttarnt
Bücher zum Thema
Wächst die Seuchengefahr?
von Stefan H. E. Kaufmann und Susan Schädlich
Der Kampf zwischen Mensch und Mikrobe
2 CDs (Audio CD) von Stefan H. E. Kaufmann (Erzähler), Klaus Sander (Produzent)
Menschen, Seuchen und Mikroben
Infektionen und ihre Erreger von Jörg Hacker
Viren
Grundlagen, Krankheiten, Therapien von Susanne Modrow
Viren. Die heimlichen Herrscher
Wie Grippe, Aids und Hepatitis unsere Welt bedrohen von Ernst-Ludwig Winnacker
Was hab ich bloß?
Die besten Krankheiten der Welt von Werner Bartens
Mensch, Körper, Krankheit
von Renate Huch und Christian Bauer
Was treibt das Leben an?
Eine Reise in den Mikrokosmus der Zelle von Stephan Berry
Die Macht der Gene
Schön wie Monroe, schlau wie Einstein von Markus Hengstschläger
Tabletten, Tropfen und Tinkturen
Medizin im Alltag von Cornelia Bartels, Heike Göllner und Jan Koolman
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis