Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Zehn Pilzsporen in jedem Atemzug
Wissenschaftler finden mehr Pilzsporen in der Luft als angenommen
In jedem Kubikmeter Luft um uns herum schweben zwischen 1.000 und 10.000 Pilzsporen. Damit ist die Vielfalt der Pilze, die Allergien auslösen, Pflanzen schädigen oder Krankheiten erregen können, größer als bisher angenommen. Identifiziert wurden die Sporen mittels einer DNA-Analyse, wie die Forscher jetzt in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) berichten.

Die Luft, die wir atmen, ist voll von Schwebteilchen: Feinstaub, Pollen oder winzigste Tröpfchen schweben in ihnen. Und auch Pilze sind reichlich vertreten, wie jetzt die erste systematische Studie über Pilz-Erbgut in der Luft enthüllt hat. Wissenschaftler des Max-Planck-Institut für Chemie und des Geocycles-Programms der Universität in Mainz identifizierten mittels DNA-Analyse mehrere hundert Pilzarten in der Luft.

Schimmelpilz Emericella nidulans mit kugelförmigen Sporen
Schimmelpilz Emericella nidulans mit kugelförmigen Sporen
© BASF Schimmelpilz Emericella nidulans mit kugelförmigen Sporen
Zehn Pilzsporen pro Atemzug
„Insgesamt kennen wir heute über 100.000 Arten von Pilzen", erläutert Janine Fröhlich, Wissenschaftlerin in Geocycles. "Hochrechnungen gehen aber davon aus, dass es über 1,5 Millionen Arten gibt." Die in der Luft gefundenen Arten gehören überwiegend zu den Gruppen der Schlauch- oder der Ständerpilze, zu deren Vertretern sowohl beliebte Speisepilze wie Champignons oder Trüffel, aber auch potentielle Krankheitserreger wie Schimmel- und Rostpilze zählen.

Beide Gruppen schleudern zur Vermehrung ihre Sporen aktiv in die Luft. Und wenn sie in die Lunge von Mensch oder Tier gelangen oder in Kontakt mit Pflanzen kommen, können viele von ihnen Allergien oder Krankheiten auslösen. Immerhin: "Der Mensch atmet zwischen 10.000 und 20.000 Liter Luft täglich, jeder Atemzug enthält zwischen einer und zehn Pilzsporen. Über den Tag gerechnet nehmen wir mit dem Feinstaub sieben Nanogramm DNA auf. Das entspricht dem 10.000-fachen Informationsgehalt des menschlichen Erbguts", berichtet Viviane Després von der Universität Mainz, die die Analysemethode entwickelte.

„Genetischer Angelhaken“ hilft bei Analyse
Gemeinsam mit Ulrich Pöschl vom Max-Planck-Institut für Chemie (MPIC) in Mainz haben die beiden Biologinnen den DNA-Gehalt der Luft in einer einmaligen Langzeitstudie untersucht. Dazu haben sie über ein Jahr lang Fein- und Grobstaub aus der Luft gefiltert und auf DNA untersucht. Ihre Methode hatten die Forscher in den letzten zwei Jahren verfeinert:

„Um die verschiedenen Arten aus der Gen-Suppe unserer Proben herauszufischen, benutzen wir eine Art genetischen Angelhaken. Im Gegensatz zu vorhergegangenen Studien haben wir aber mehrere verschiedene Köder für unterschiedliche Pilze benutzt. So haben wir einen wesentlich größeren Anteil der vorhandenen Arten identifizieren können", erklärt Fröhlich. "Außerdem haben wir über ein Jahr lang Proben gesammelt und analysiert - und damit wesentlich umfangreichere und aussagekräftigere Daten erhalten als vorhergehende Studien."

Mehr Regen und Wolken durch Sporen?
„Uns interessiert die Anzahl der Pilzsporen in der Luft aus drei Gründen", zählt Ulrich Pöschl vom Max-Planck-Institut für Chemie und Leiter der Studie auf: "Erstens können wir über den Nachweis der Sporen untersuchen, ob sich die Ökosysteme durch den Klimawandeln verändern. Zweitens spielen Pilzsporen eine große Rolle als Allergieauslöser, Pflanzenschädlinge und Krankheitserreger bei Mensch, Pflanze und Tier." Am meisten interessiert den Aerosolforscher jedoch die Möglichkeit, dass Pilzsporen eine Rolle bei der Bildung von Niederschlag spielen können.

„Pilzsporen und andere biologische Aerosolpartikel können als Kondensations- und Kristallisationskeime für Wassertropfen und Eiskristalle dienen und dazu beitragen, dass Wolken, Nebel und Niederschlag entstehen." Eine genaue Analyse der Anzahl und Eigenschaften der Pilzsporen in der Luft kann daher dabei helfen, die Abläufe im Klimasystem besser zu verstehen. "Die Wechselwirkungen sind so komplex, dass wir immer noch neue Prozesse und Faktoren finden, die wir beachten müssen", so Pöschl über die Verbindung von Pilzen, Biosphäre und Klima.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Pilze, Pilzsporen, Gesundheit, Luft, Atemluft, Atmosphäre, Feinstaub, Schwebeteilchen, Luftbelastung, Umwelt, Allergie, Krankheit, Medizin
Weitere News zum Thema
Schimmelpilze erleichtern Sanierung bleiverseuchter Böden (16.01.2012)
Organismus baut Schwermetall in stabiles, unschädliches Mineral ein
Gene machen Spinnmilben immun gegen Pestizide (24.11.2011)
Entschlüsselung des Erbguts hilft bei Bekämpfung des weltweiten Pflanzenschädlings
52 Millionen Jahre alte Symbiose in Bernstein entdeckt (14.11.2011)
Forscher finden frühe Belege für Gemeinschaft von Pilz und Baum
Mensch schuld an Amphibiensterben (08.11.2011)
Handel mit Fröschen ließ tödliche Pilzvariante entstehen
Schimmelpilze als Pflanzenschutzmittel (28.10.2011)
Genetische Forschung bringt überraschende Erkenntnisse
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Allergien
Wenn die Abwehr Amok läuft...
Der bewohnte Mensch
Unseren "Untermietern" auf der Spur
Umweltgifte
Neue Gefahr für die Gesundheit des Menschen?
Vitamine im Zwielicht
Nutzen und Schaden von Radikalfängern, Rauchervitaminen und Co.
News des Tages
Doppelsterne gab es schon im frühen Kosmos
Zehn Pilzsporen in jedem Atemzug
Mitleid entsteht in der Nase
Sommer im Norden zukünftig weniger nass
Kobalt macht Nanodrähte magnetisch
Sturmwinter in der Antarktis
Bücher zum Thema
Der Pilz, der John F. Kennedy zum Präsidenten machte
Und andere Geschichten aus der Welt der Mikroorganismen von Bernard Dixon
Mensch, Körper, Krankheit
von Renate Huch und Christian Bauer
Was hab ich bloß?
Die besten Krankheiten der Welt von Werner Bartens
Sonst noch Fragen?
Warum Frauen kalte Füße haben und andere Rätsel von Ranga Yogeshwar
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis