Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Dienstag, 14.02.2012
Defektes Immun-Gen löst Morbus-Crohn aus
Gendefekt erzeugt überschießende Immunreaktion und führt zu chronisch entzündlichen Darmkrankheiten
Ist ein bestimmtes Gen, das für die Erkennung von Bakterien zuständig ist, geschädigt, versucht das Immunsystem diese angeborene Schwäche durch überschießende Aktivität an anderer Stelle auszugleichen: Es beginnt gutartige Bakterien, die für eine gesunde Darmflora sorgen, anzugreifen. Die Folge sind chronisch entzündliche Darmkrankheiten wie Morbus Crohn. Das hat ein internationales Team herausgefunden und berichtet darüber jetzt in „Science“.

Überbordende Reaktion des
Überbordende Reaktion des "modernen" Immunsystems mit verstärkter Produktion von Antikörpern (grün).
© Universität Bern Überbordende Reaktion des
Der menschliche Darm enthält eine gewaltige Zahl von Bakterien - etwa zehnmal mehr als menschliche Zellen im ganzen Körper. Der größte Teil sind relativ harmlose Mikroben, die bei der Verdauung und bei der Produktion lebensnotwendiger Vitamine helfen. Der Darm ist hochgradig angepasst: Sowohl bei der Nährstoffaufnahme als auch bei der Kolonisation mit Bakterien. Besonders Letztere bedarf einer enormen Zahl von Immunzellen im Darmgewebe.

Zusammenspiel von „alten" und „modernen" Immunzellen
Unser Immunsystem besteht jedoch aus zwei Teilen: Ein stammesgeschichtlich „alter" Teil enthält Zellen, die unmittelbar alles auffressen und abtöten, was entzündlich sein könnte. Der „moderne" Teil produziert Antikörper sowie spezielle Immunzellen, die T-Zellen, die schädliche Bakterien hochpräzise beseitigen. Diese treten jedoch wesentlich langsamer in Aktion als die "alten" Fresszellen. Bisher konzentrierte sich die Forschung hauptsächlich darauf, wie die "modernen" Immunzellen die Darmbakterien kontrollieren.

Anders die Forschergruppe um Emma Slack, Siegfried Hapfelmeier und Professor Andrew MacPherson von der Universitätsklinik und der Universität Bern: Sie untersuchten die Rolle der "alten" Immunzellen und entdeckten dabei ein ausgeklügeltes Zusammenspiel mit den "modernen" Immunzellen in der Bakterien-Abtötung. Ausserdem wiesen sie nach, dass ein Gendefekt dieses Zusammenspiel und somit das gesamte Immunsystem aus dem Gleichgewicht bringt.

Bakterien (rot) bleiben Im Inneren einer geschädigten Fresszelle (mit blauem Zellkern) intakt.
Bakterien (rot) bleiben Im Inneren einer geschädigten Fresszelle (mit blauem Zellkern) intakt.
© Universität Bern Bakterien (rot) bleiben Im Inneren einer geschädigten Fresszelle (mit blauem Zellkern) intakt.
Gendefekt lässt Immunreaktion überborden
Da ständig Bakterien durch die dünne Darmschleimhaut dringen, müssen sie an dieser Stelle schnell eliminiert werden. Wenn aber die „alten"Immunzellen nicht richtig funktionieren, gelangen zu viele Bakterien vom Darm in den Blutkreislauf, worauf die „modernen" Immunzellen stärker reagieren, um
diesen Schaden zu kompensieren. Diese Kompensation kann beinahe perfekt sein, und der betroffene Organismus bleibt trotz einer geschwächten Bakterien-Abtötung gesund.

Die verstärkte "moderne" Immunantwort kann den Darm aber auch ernsthaft schädigen - wie dies vermutlich bei Morbus Crohn der Fall ist: Bei dieser Krankheit verursacht eine überbordende Immunreaktion gegen gutartige Darmbakterien schwere chronische Darmentzündungen. Wie das Forscherteam bereits früher nachwies, tragen viele Morbus Crohn-Patienten eine Mutation in einem bestimmten Gen, welches für die Entstehung der „alten" Immunzellen von zentraler Bedeutung ist. Nun zeigten sie bei Mäusen auf, wie beim selben Gendefekt die „moderne" Immunreaktion aus dem Ruder läuft.

Die durch das gestörte Immunsystem entstehenden chronischen Darmkrankheiten schränken die Lebensqualität der Betroffenen stark ein. Die Forscherinnen und Forscher sind daher überzeugt, dass ein besseres Verständnis der Krankheitsentstehung die Entwicklung erfolgreicher Behandlungsmethoden massiv beschleunigen wird.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Gen, Darm, Morbus Crohn, Immunsystem, Immunzellen, Gendefekt, entzündliche Darmerkrankung, Krankheit, Medizin, Genetik, Bakterien
Weitere News zum Thema
Klimawandel verändert Plankton der Nordsee (13.02.2012)
Meereserwärmung und zunehmender Wind machen Kieselalgen dominant
Schmetterling liefert Vorbild für Infrarotsensor (13.02.2012)
Nanoschuppen reagieren auf Wärme mit Farbveränderung
Chemotherapie bei Schwangeren schadet Ungeborenem nicht (13.02.2012)
Krebsmedikamente stören weder Wachstum noch Gehirnentwicklung der Kinder
Pilz produziert Medikamente aus Krabbenschalen (13.02.2012)
Gentechnisch veränderter Schimmelpilz nutzt Chitin als Rohmaterial
Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt (10.02.2012)
Einzigartige Lebensformen im Wostoksee waren seit 15 Millionen Jahren isoliert
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Vitamine
Ernährung
Dossiers zum Thema
Allergien
Wenn die Abwehr Amok läuft...
Der bewohnte Mensch
Unseren "Untermietern" auf der Spur
Functional Food
Fitmacher oder Mogelpackung?
Epigenetik – Mehr als nur die Gene
Hatte Lamarck doch recht?
Gentherapie
Hybris oder Heilsbringer?
Vitamine im Zwielicht
Nutzen und Schaden von Radikalfängern, Rauchervitaminen und Co.
News des Tages
Frühe Erde mischte extraterrestrisches Platin unter
Defektes Immun-Gen löst Morbus-Crohn aus
DNA aus Wüstenerde
Klimawandel größte Herausforderung für die Welt
Wie die Zelle „genetische Parasiten“ unterdrückt
Prionen-ähnlicher Mechanismus löst Alzheimer aus
„Tarnkappe” gegen Erdbebenwellen
Weniger Brustkrebs durch Verzicht auf Hormonersatztherapie
Bücher zum Thema
Die Macht der Gene
Schön wie Monroe, schlau wie Einstein von Markus Hengstschläger
Phänomen Mensch
Körper, Krankheit, Medizin von Andreas Sentker und Frank Wigger
Wunder Mensch
Eine Reise durch unseren Körper von Alexander Tsiaras und Barry Werth
Was hab ich bloß?
Die besten Krankheiten der Welt von Werner Bartens
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis