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Samstag, 20.03.2010
Prionen-ähnlicher Mechanismus löst Alzheimer aus
Direkter Kontakt mit fehlgefalteten Eiweißen lässt Plaques entstehen
Geringste Mengen extern zugeführter fehlgefalteter Eiweiß-Moleküle können im Gehirn von Mäusen eine Kaskade von Eiweißfehlfaltungen und -ablagerungen auslösen, ähnlich wie bei der Alzheimer-Erkrankung. Allerdings nur, wenn das Gehirn in umittelbaren Kontakt mit diesen fehlgefalteten Eiweißen kommt und nicht, wenn diese Eiweiße via Nahrung oder Blut aufgenommen werden. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler in einer aktuellen Studie, die in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences” (PNAS) erschienen ist.

Geschrumpftes Gehirn nach Alzheimer
Geschrumpftes Gehirn nach Alzheimer
© NIA/NIH Geschrumpftes Gehirn nach Alzheimer
Bei der Alzheimer-Erkrankung kommt es im Gehirn zu zwei auffälligen Veränderungen: Zum einen entstehen Plaques aus fehlgefaltetem und aggregiertem Amyloid-beta-Eiweiß. Zum anderen entstehen so genannte neurofibrilläre Tangles in den Nervenzellen, eine Art Gestrüpp aus fädigen, fehlgefalteten Tau-Eiweißen. Obwohl Alzheimer die häufigste Demenzerkrankung bei Älteren ist, ist die Ursache der meisten Erkrankungsfälle noch immer ungeklärt.

Bereits vor drei Jahren hatten Forscher um Professor Mathias Jucker vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) der Universität Tübingen gezeigt, dass fehlgefaltetes Amyloid-beta-Eiweiß selbst in geringen Mengen die Plaque-Bildung bei Mäusen auslösen kann, wenn es einem gesunden Gehirn von außen zugeführt wird. Vor kurzem konnte eine Forschergruppe aus Basel zusammen mit den Tübinger Kollegen zeigen, dass das gleiche Prinzip auch für die Entstehung von neurofibrillären Tangles gilt. Damit verhalten sich sowohl Amyloid-beta als auch das Tau-Eiweiß im Prinzip ähnlich wie Prionen: Auch diese können zelleigene, an sich harmlose Eiweiße dazu bringen, ihre Struktur zu verändern und sich zusammenzulagern und dadurch die Gehirnfunktionen stören.

Übertragung nur bei direktem Kontakt der Eiweiße
Aber wie ansteckend ist diese Art der Weitergabe der Fehlfaltung? Um dies herauszufinden untersuchte Erstautorin Yvonne Eisele in der aktuellen Studie des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung (HIH), ob Plaques im gesunden Gehirn auch induziert werden können, wenn die fehlgefalteten Eiweiße nicht direkt ins Gehirn gelangen, sondern anderweitig in Kontakt mit dem Körper kommen. Hierbei wurden orale, intravenöse, intranasale und intraokulare Gaben im Versuch mit Mäusen untersucht.

Es zeigte sich jedoch, dass hierdurch keine Amyloid-beta-Plaques im Gehirn ausgelöst werden. Eine Übertragung über eine Aufnahme mit der Nahrung oder Flüssiogketien ist demnach nicht möglich - zumindest nicht mit den verwendeten Konzentrationen und Inkubationsdauern, die in Anlehnung an die benötigten Mengen für eine Prioneninfektion gewählt wurden. Auch gibt es bisher aus epidemiologischen Studien keinerlei Hinweise darauf, dass Alzheimer beim Menschen über vergleichbare Wege übertragen wird wie Prionenerkrankungen.

Ansteckung über Gehirn-Operationen möglich
Eine Infektionsquelle für Prionenerkrankungen sind jedoch kontaminierte Instrumente bei Hirnoperationen. So kam es durch die Verwendung von kontaminierten Operations-Instrumenten bei neurochirurgischen Eingriffen nachgewiesenermaßen zu einigen wenigen Fällen von Creutzfeld-Jakob-Erkrankungen; die Instrumente waren zuvor bei Patienten mit unerkannter Prionenerkrankung verwendet und im Anschluss nicht ausreichend gereinigt worden.

Im Versuchsansatz wurden daher dünne Edelstahldrähte mit den fehlgefalteteten Amyloid-beta-Eiweißen kontaminiert und mit dem Gehirn der Versuchsmäuse in Kontakt gebracht. Es zeigte sich, dass dieser Kontakt zur Induktion der Amyloid-beta- Fehlfaltung und Plaque-Bildung im Gehirn führt.

Wurden die Drähte zuvor mit einer heute gängigen Sterilisationsmethode behandelt, wurden keine
Eiweißablagerungen im Gehirn induziert. Ob es in der Vergangenheit beim Menschen zu solcher Ansteckung durch kontaminierte und nicht adequat sterilisierte Instrumente gekommen ist, ist schwer nachzuvollziehen, da die Inkubationszeit mehrere Jahrzehnte dauern könnte.

Angst vor einer Ansteckung mit Alzheimer durch chirurgische Instrumente muss heute also niemand haben, versichern Eisele und Jucker. Zudem lassen diese Versuche keine Rückschlüsse zu, ob die Auslösung der Amyloid-beta-Fehlfaltung beim Menschen zum Vollbild der Alzheimererkrankung führt. Was die Ergebnisse dieser neuen Studie der Tübinger Forscher jedoch einmal mehr zeigen, ist, dass gewisse biochemische Prinzipien der Eiweißfehlfaltung, die bei den Prionenerkrankungen zu beobachten sind, auch für die Alzheimer- Eiweiße gelten.
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