Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 24.05.2012
Atomuhr der Zukunft wird mobil
Optische Uhren sollen viel einfacher und kompakter werden als bisher
Eine Uhr stellt man sich anders vor - doch ein optischer Tisch mit seinen vielen komplizierten Aufbauten ist tatsächlich eine. Solche optische Uhren könnten sogar die Atomuhren der Zukunft werden - sind doch einige von ihnen jetzt schon zehnmal genauer und stabiler als die besten Cäsium-Atomuhren. Nun könnten sie auch kompakter und sogar transportabel werden, vielleicht in Zukunft gar in den Weltraum fliegen.

Blick in die Ultrahochvakuumkammer
Blick in die Ultrahochvakuumkammer
© PTB Blick in die Ultrahochvakuumkammer
Denn Wissenschaftler der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig haben gezeigt, wie einige prinzipielle Schwierigkeiten, die einen einfacheren Aufbau bisher verhindert hatten, vermieden werden können. Im nächsten Schritt wollen sie eine solche Uhr bauen, schreiben die Forscher in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Physical Review Letters“. Auch eine praktische Anwendung schwebt ihnen bereits vor: Die Uhr könnte helfen, geographische Höhen noch genauer als bisher zu bestimmen.

„Pendel“ schwingt schneller
Eine optische Uhr ist so genau, weil ihr „Pendel“ so schnell schwingt. Dahinter steckt derselbe Effekt, der eine Quarzuhr genauer als etwa eine klassische Standuhr macht: Das periodisch schwingende Element darin, der Schwingquarz, bewegt sich um ein Vielfaches schneller als das Standuhr-Pendel. So lässt sich die Skala gewissermaßen feiner aufteilen und auch feiner kontrollieren.

Noch schneller schwingt das Pendel einer Cäsium-Atomuhr: nämlich jene Mikrowellenstrahlung, die in jeweils einem Elektron eines Cäsiumatoms eine Spin-Änderung bewirken kann. Genau die Mikrowellenfrequenz, bei der dieser Effekt am größten ist, definiert die Sekunde. Eine optische Atomuhr arbeitet mit der noch höheren Frequenz von optischer Strahlung - also mit einem noch schnelleren Pendel.

Gekühlte Atome
Das Ganze funktioniert aber nur, wenn die Atome zuvor gekühlt werden. Weil wild herumzappelnde Atome durch den Dopplereffekt zu sehr großen Frequenzverschiebungen führen, werden in den besten dieser Uhren die Atome in einem ersten Präparationsschritt mit Hilfe von Laserkühlung auf ein Hundertstel der Geschwindigkeit eines Fußgängers gebremst. Das kennt man auch schon von den Cäsium-Fontänenuhren.

In einer optischen Gitteruhr folgt dann noch ein weiterer Schritt, in dem die Atome in Potentialmulden, erzeugt durch das intensive Lichtfeld eines Lasers, festgehalten werden. Das ist das optische Gitter, das der Uhr ihren Namen gegeben hat. Mehrere zehntausend Strontiumatome stecken darin gewissermaßen fest. Dieser Trick schränkt die Bewegung der Atome auf den Bruchteil einer optischen Wellenlänge ein, sodass Verschiebungen durch den Dopplereffekt vernachlässigt werden können.

Potentialmulde als Gefängnis
In jeder Potentialmulde sind einige hundert Atome gefangen, die sich gegenseitig stören können. Verwendet man das Isotop Strontium-87, ein Fermion, kommen sich aufgrund des Pauli-Prinzips zwei dieser Teilchen bei sehr niedrigen Temperaturen nicht nahe. Das ist der Grund, warum bisherige optische Gitteruhren mit diesem Strontium-Isotop konstruiert wurden.

Aber leider hat dieses Isotop nur eine natürliche Häufigkeit von sieben Prozent und lässt sich zudem nur mit großem Aufwand mit Laserlicht kühlen. Daher ist es für einfache, transportable oder gar weltraumtaugliche Uhren prinzipiell schlechter geeignet.

Das mit über 80 Prozent häufigste Isotop Strontium-88, das sich auch einfacher kühlen lässt, ist allerdings ein Boson. Das heißt, selbst bei niedrigsten Temperaturen treten unter den Atomen viele Stöße auf. Sie können zu Verlusten und zu einer Verschiebung und Verbreiterung der Referenzlinie führen. Wie stark diese Stöße die Genauigkeit der Uhr beeinflussen, war bisher allerdings nicht bekannt.

Gravitationskarten bald noch genauer?
Die PTB-Wissenschaftler haben diese Einflüsse nun zum ersten Mal detailliert gemessen. Aus den Ergebnissen können die Forscher ableiten, wie das optische Gitter dimensioniert sein muss und wie viele Atome darin gespeichert werden dürfen, um auch mit Strontium-88 eine sehr genaue Gitteruhr zu betreiben. Auf dieser Grundlage wollen sie jetzt eine Uhr bauen, die kompakter und transportabler als bisherige Gitteruhren ist.

Die Uhr könnte nach Ansicht der Wissenschaftler künftig zur präzisen Bestimmung der Höhe eines Punktes über dem Geoid - also gewissermaßen dem Normal-Null der Gravitationskräfte der Erde – verwendet werden. Damit würde die neue Uhr beispielsweise Gravitationskarten noch genauer machen.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Atomuhr, Pendel, Weltraum, Cäsium, Atome, Dopplereffekt, Geoid, Strahlung, Mikrowellenfrequenz, optische Uhren
Weitere News zum Thema
Atomuhrenvergleich über die Datenautobahn (30.04.2012)
Glasfaserkabel leiten optische Frequenzsignale genauer weiter als Satelliten
Laser als genaueste Taktgeber der Welt (17.01.2012)
Metronom ermöglicht Zeitlupenfilme von Atomen und Molekülen
Sind Neutrinos schneller als das Licht? (26.09.2011)
Experiment liefert mögliches Indiz für Bruch der Relativitätstheorie
Ultrakaltes Designer-Atom kreiert (18.04.2011)
Synthetisches Quantensystem hilft fundamentale Wenigteilchen-Systeme besser zu verstehen
Physiker rechnen mit 14 Quantenbits (04.04.2011)
Weltrekord: Bisher größtes Quantenregister realisiert
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Hightech
Zoom aufs Atom
Dossiers zum Thema
Zoom aufs Atom
Reise in den Mikrokosmos
Nanotechnologie
Baukastenspiele im Reich des Allerkleinsten
Licht nach Maß
Ein universelles Werkzeug mit großem Potenzial
Wie relativ ist die Zeit?
Auf der Suche nach Einsteins Zeitdehnung
Sicherheit durch Hightech
Wie Forscher Attentätern, Viren und Kriminellen den Kampf ansagen
News des Tages
Sonnenschwerkraft verbiegt Raum
"Kleiner Klimawandel" schon um 1850
CO2-Kassensturz vor Klimagipfel
Atomuhr der Zukunft wird mobil
BIOACID untersucht Versauerung der Ozeane
Autoreifen aus Löwenzahn
Elektronen aus dem Schwarm gepickt
Bücher zum Thema
Zahl Zeit Zufall
Alles Erfindung? von Rudolf Taschner
Nanotechnologie für Dummies
Spannende Entdeckungen aus dem Reich der Zwerge von Richard D. Booker und Earl Boysen
Laser
Grundlagen und Anwendungen in Photonik, Technik, Medizin und Kunst von Dieter Bäuerle
Donnerwetter - Physik
von Peter Häußler
Faszination Nanotechnologie
von Uwe Hartmann
Das Wunder des Lichts
DVD der BBC
Laser
von Fritz K. Kneubühl und Markus W. Sigrist
Top-Clicks der Woche
1. Risiko für nuklearen GAU größer als gedacht
2. Stress macht Männer sozialer
3. Feste Essenszeiten wirken Übergewicht und Diabetes entgegen
4. Gelähmte steuert Roboterarm mit ihren Gedanken
5. Ruß und Ozonsmog verstärken die Wanderung der Klimazonen