Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Enzym macht uns zu Schnellentscheidern – oder auch nicht
Die individuelle Enzymausstattung beeinflusst Entscheidungsprozesse
Wie schnell und flexibel wir uns entscheiden, hat nicht nur etwas mit unseren Vorerfahreungen oder dem Alter zu tun: Auch ein Enzym spielt hierfür eine wichtige Rolle. In Experimenten haben Wissenschaftler herausfgefunden, dass eine bestimmte Variante dieses Dopamin abbauenden Proteins ein schnelles und flexibles Entscheidungsverhalten begünstigt. Sie berichten darüber in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS).

Gehirn
Gehirn
© IMSI MasterClips
Tagtäglich ist der Mensch gefordert, schnell und flexibel Entscheidungen zu treffen. In kürzester Zeit müssen Vor- und Nachteile sowie mögliche Konsequenzen des eigenen Verhaltens abgewogen und auf die äußeren Gegebenheiten abgestimmt werden. Beteiligt an diesem Lernprozess ist der Botenstoff Dopamin. Positiv empfundene Entscheidungen, die eine Belohnung nach sich ziehen, führen zu einer vermehrten Ausschüttung von Dopamin und werden als vorteilhaft erlernt.

Aus früheren Untersuchungen ist bekannt, dass das COMT-Enzym (die Catechol-O-Methyltransferase) Dopamin abbaut und so Lern- und Denkprozesse beeinflussen kann. Bekannt ist ebenfalls, dass es zwei Varianten des COMT-Enzyms (COMT-Met und COMT-Val) gibt, die den Dopaminspiegel in unterschiedlicher Stärke beeinflussen. Lea Krugel und ihre Kollegen vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung gingen nun der Frage nach, ob und wie die Beeinflussung des Dopaminspiegels durch COMT-Met und COMT-Val Einfluss auf belohnungsabhängige Entscheidungsprozesse nimmt.

Zwei Enzymvarianten im Vergleichstest
Dazu untersuchten die Wissenschaftler 26 junge Erwachsene, die entweder nur die Met-Variante oder nur die Val-Variante des COMT-Enzyms aufwiesen. Die Studienteilnehmer erhielten eine Geldprämie für ihr Abschneiden in belohnungsbasierten Entscheidungstests, die untersuchten, wie schnell und flexibel sie aus den Konsequenzen ihrer Handlungen lernten. Entscheidungen zwischen verschiedenen Möglichkeiten sind oft von der erwarteten Belohnung beeinflusst. Wenn das tatsächlich erzielte Ergebnis stark von der Erwartung abweicht, ist dies ein wichtiges Signal, das Entscheidungsverhalten zu ändern.

Flexibler entscheiden mit „Val“
Es zeigte sich, dass die Teilnehmer mit der Val-Version die flexibleren Entscheider waren, die besser aus Abweichungen zwischen Ergebnis und Erwartung lernten. Mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) konnten Krugel und ihre Kollegen zeigen, dass dieser Vorteil mit einer höheren Nervenzellaktivität in bestimmten Regionen des Gehirns einherging, in denen der Botenstoff Dopamin bekanntermaßen eine besonders große Rolle spielt. So fanden die Wissenschaftler bei den Studienteilnehmern mit der Val-Version eine höhere Aktivität in der als Striatum bezeichneten Region des Gehirns sowie ein intensiveres Zusammenspiel zwischen Striatum und Stirnhirn (präfrontaler Kortex).

Damit zeigen die Wissenschaftler nicht nur einen möglichen Vorteil von Menschen mit der Val-Version auf, die weltweit häufiger anzutreffen ist als die Met-Version. Die Ergebnisse liefern auch neue Hinweise darauf, wie in den fortlaufenden Entscheidungsprozessen des Menschen der Botenstoff Dopamin dabei hilft, Ergebnisse der Vergangenheit für Entscheidungen in der Zukunft zu nutzen.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Gehirn, Enzym, Dopamin, Entscheidung, Verhalten, Protein, Neurobiologie, Nervensystem, Lernen, Denken, Neurologie, Medizin
Weitere News zum Thema
Chemotherapie bei Schwangeren schadet Ungeborenem nicht (13.02.2012)
Krebsmedikamente stören weder Wachstum noch Gehirnentwicklung der Kinder
Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig (10.02.2012)
Wirkstoff Bexaroten beseitigt Gedächtnisstörungen und Eiweiß-Plaques bei Mäusen
Fasten lässt Krebstumore schrumpfen (09.02.2012)
Zwei Tage nichts essen macht Chemotherapie effektiver
Warum der Mittelfinger so eine lange Leitung hat (08.02.2012)
Hemmung von den Nachbarnervenzellen bestimmt die Reaktionsgeschwindigkeit
Blick ins Hirn verrät Abschneiden im Reaktionstest (07.02.2012)
Hirnaktivität kann voraussagen, wie gut jemand ein Videospiel beherrscht
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Savant-Syndrom
Berühmte Linkshänder
Gliazellen
Gehirnforschung
Dossiers zum Thema
Das Rätsel der Savants
Auf Spurensuche bei „Rain Mans“ Geschwistern
Die Macht der Hormone
Alleskönner, Jungbrunnen und Liebestrank?
Alles mit links
Das Rätsel der Linkshändigkeit
„Der kleine Unterschied“ im menschlichen Gehirn
Wie Östrogen und Co. die kognitiven Leistungen beeinflussen
Schmerz
Alarmstufe Rot im Nervensystem
Rätsel Hirnschwund
Auf der Suche nach den Ursachen von Alzheimer und Parkinson
Wetterfühligkeit
Was ist dran am Biowetter?
Der Kitt denkt mit
Geheimnisvolle Gliazellen im Gehirn
News des Tages
Rätsel der Bändererze gelöst?
Klimawandel unschuldig am Sauerstoffmangel der Ostsee
Orang-Utans nutzen einzigartige Kletterweise
Menschengemachter Klimawandel verändert auch obere Atmosphäre
Schweinegrippe: Risiko für indigene Völker besonders hoch
Enzym macht uns zu Schnellentscheidern – oder auch nicht
Multiple Sklerose: T-Zellen als Serienkiller
Bücher zum Thema
Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn
von Vilaynur S. Ramachandran
Die blinde Frau, die sehen kann
Rätselhafte Phänomene unseres Bewußtseins von Vilaynur S. Ramachandran und Sandra Blakeslee
Intelligente Zellen
von Bruce Lipton
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis