Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Wie viel Wasser hat das Meer?
Wassermassen schwanken nicht nur im Jahresrhythmus sondern auch wöchentlich
Schwankungen des Meeresspiegels zu messen, ist vergleichsweise einfach. Weitaus komplizierter ist es jedoch, daraus die Änderung der Wassermasse zu berechnen. Einem Team von Geodäten und Ozeanographen ist das nun erstmals gelungen. Die Forscher konnten kurzzeitige Schwankungen in der räumlichen Verteilung der Ozeanwassermassen beobachten. Ihre jetzt im „Journal of Geophysical Research“ erschienenen Ergebnisse sind unter anderem für bessere Klimamodelle wichtig.

Klima und Meer
Klima und Meer
© IMSI MasterClips
Um das Ozeanvolumen in einer bestimmten Region zu berechnen, muss man neben der Topographie des Meeresbodens lediglich die Höhe des Meeresspiegels kennen. Dazu greifen Forscher schon seit langem auf Pegelstationen und Satellitenverfahren zurück. Die Ozeanmasse hängt aber nicht nur vom Volumen, sondern auch von der Temperatur und vom Salzgehalt ab. So dehnt sich Wasser bei Erwärmung aus. Warmes Wasser wiegt daher weniger als dieselbe Menge kalten Wassers.

Zur Berechnung der Ozeanmasse müsste man daher die Temperatur- und Salzgehalts-Profile kennen. Diese lassen sich aber nicht einfach messen. „Wir haben für unsere Studie daher verschiedene Verfahren kombiniert, um auf Masseänderungen zu schließen", erklärt Professor Jürgen Kusche. Der Geodät der Universität Bonn führte die Studie gemeinsam Kollegen des Deutschen Geoforschungszentrums GFZ und des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft durch.

Schwerkraft-Satelliten als Werkzeug
Für ihre Untersuchung nutzten die Forscher zum einen Daten der deutsch-amerikanischen Satellitenmission GRACE. Bei dieser werden die Abstände zweier Satelliten - im Volksmund Tom und Jerry genannt, weil sie auf der gleichen Umlaufbahn ständig hintereinander herjagen - auf Tausendstel Millimeter genau vermessen. Je größer die Ozeanmasse an einem bestimmten Punkt der Erde ist, desto stärker ist dort die Gravitationskraft. Das wirkt sich auf die Flughöhe der Satelliten und damit auf ihren Abstand voneinander aus. Über die Abstandsänderung lässt sich die Anziehungskraft und daher die Masse ableiten.

Meeresboden biegt sich unter der Last des Wassers
Außerdem machten sich die Wissenschaftler einen Effekt zu Nutze, den vor allem Vielleser kennen dürften: Ähnlich, wie sich in einem überfüllten Bücherregal die Regalböden wölben, biegt sich der Meeresboden unter der Last der Wassermassen durch. Dadurch sinken stationäre GPS-Messstationen am Land um bis zu einem Zentimeter ab und rücken wenige Millimeters näher aneinander. Je
schwerer das Wasser, desto stärker fällt diese Bewegung aus.

Wöchentliche Schwankungen der Wassermasse
„Wir haben diese Messdaten mit numerischen Modellen des Ozeans kombiniert", erklärt Kusche. "So konnten wir erstmals nachweisen, dass insbesondere in den höheren Breiten regelmäßig bedeutende Schwankungen der Wassermasse auftreten, und das innerhalb von nur ein bis zwei Wochen." Bislang wusste man lediglich, dass die Masse des weltweiten Ozeanwassers jahreszeitlich im Schnitt um etwa drei Billiarden Kilogramm schwankt - das entspricht etwa sieben bis acht Millimetern Meeresspiegelvariation.

Dieser Effekt wird unter anderem durch Variationen in Niederschlag und Verdunstung sowie der Speicherung von Wasser als Schnee hervorgerufen. Aber auch das Abschmelzen der Gletscher und der Eismassen in Grönland und der Antarktis spielen eine Rolle.

Rückschluss auf Wärmemenge
Aus dem Vergleich der Massen- und Volumenänderung wollen die Forscher im Folgenden nun auch auf Veränderungen der im Ozean gespeicherten Wärmemenge schließen. Demnächst sollen daher auch die langzeitlichen Veränderungen untersucht werden. Die Ergebnisse sollen unter anderem in bessere Klimamodelle einfließen. Ein dringender Wunsch der Wissenschaftler ist die Realisierung einer rechtzeitigen Nachfolgemission für das Satellitentandem GRACE. Der Wert der mit GRACE gewonnenen Informationen, der insbesondere in der Erfassung von Trends im Erdsystem liegt, könnte sonst nicht voll für die Erdsystem- und Klimaforschung ausgeschöpft werden.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Meer, Wasser, Wassermasse, Ozean, Erwärmung, Temperatur, Salzgehalt, Ausdehnung, Schwerkraft, Meeresboden, Wasserdruck, Geophysik, Modell, Volumen, Gletscher
Weitere News zum Thema
Klimawandel verändert Plankton der Nordsee (13.02.2012)
Meereserwärmung und zunehmender Wind machen Kieselalgen dominant
Pilz produziert Medikamente aus Krabbenschalen (13.02.2012)
Gentechnisch veränderter Schimmelpilz nutzt Chitin als Rohmaterial
Kaltwasserkorallen als Anpassungskünstler? (10.02.2012)
Können Kaltwasserkorallen der Versauerung des Meerwassers standhalten?
Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis (09.02.2012)
Satelliten vermessen Ausmaß der globalen Eisschmelze
Ozeanerwärmung lässt Seeelefanten tiefer tauchen (09.02.2012)
Wärmeres Waser zwingt Robben zu verändertem Verhalten
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Tiefseegräben
Ozeanwetter
Kalte Quellen
Heiße Quellen
Meereis
Klimaforschung
Dossiers zum Thema
Globale Zirkulationen
Alles im Fluss...
Meeresströmungen
Schlüssel zum Klima der Zukunft
Auftriebsgebiete der Ozeane
Alles Gute kommt von unten
Riesenwellen
Aufruhr in Poseidons Reich
Die Schlünde der Meere
Eine Reise in die Tiefseegräben
Strand
Fragiles Idyll aus Wellen, Sand und Wind
Die vergessene Mission
PX-15: Eine Untersee-Expedition im Schatten der Mondlandung
Forschen am "System Erde"
Die Geowissenschaften im Wandel
News des Tages
Ursuppe doch nur lauwarm?
Exoplaneten lösen Rätsel der Sonnenchemie
Tabuzonen für das Aidsvirus
Wie viel Wasser hat das Meer?
Mikrowelle macht nur heiß – sonst nichts
Auch Pflanzen sind altruistisch
Eiszeit: Rätsel der „vorauseilenden“ Erwärmung gelöst
Bücher zum Thema
Der unsichtbare Kontinent
Die Entdeckung der Meerestiefe von Robert Kunzig
Nachrichten aus einem unbekannten Universum
Eine Zeitreise durch die Meere
Der bewegte Planet
Eine geologische Reise um die Erde von Richard Fortey
Landschafts formen
Unsere Erde im Wandel von Harald Frater
Feuer, Wasser, Erde, Luft
von Rolf Emmermann (Hrsg.)
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis