Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Dienstag, 14.02.2012
Hungernde Hechte "spielen" Draufgänger
Tiere verändern bei Nahrungsmangel ihre Jagdgewohnheiten
Der Raubfisch Hecht ist in der Lage, bei mangelndem Nahrungsangebot alte Jagdgewohnheiten aufzugeben und neue anzunehmen: Diese überraschende Entdeckung haben Forscher jetzt in einem kleinen Brandenburger See gemacht. Sie beobachteten dort gleich drei sehr unterschiedliche Verhaltenstypen innerhalb einer Hechtpopulation. Dabei führten erstaunlicherweise sowohl „faules“ Verhalten als auch eine „draufgängerische“ Lebensweise zu ähnlichem Körperwachstum der einzelnen Individuen.

Hechte
Hechte
© Andreas Hartl Hechte
Veränderliche Lebensweisen sind demnach ein Schlüsselprinzip, mit dem Fische auf steigende innerartliche Konkurrenz reagieren und so ihr Überleben sichern, so die Forscher in der Fachzeitschrift „Oecologia“.

Faulpelz Hecht
In der Berufswelt gibt es viele Strategien, um zum Ziel zu gelangen. Während sich die einen durch Beständigkeit behaupten, trumpfen andere mit ihrem Charisma auf. Bis jetzt ist weitgehend ungeklärt, ob auch bei Wirbeltieren wie Fischen unterschiedliche Verhaltensweisen innerhalb einer Art vergleichbare Folgen für das Überleben und den Fortpflanzungserfolg haben.

Der Hecht beispielsweise ist normalerweise ein geduldiger „Faulpelz“. Als Lauerräuber verbringt er seine Zeit am liebsten in von Schilf bewachsenen Uferzonen und wartet, bis ein Beutefisch vorbeikommt. Große Schwimmaktivitäten im offenen Gewässer meidet er für gewöhnlich, so die Lehrbuchmeinung. In dem 25 Hektar umfassenden Kleinen Döllnsee im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin hat ein Team um Robert Arlinghaus vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) nun jedoch zwei weitere, völlig andere Charaktere in ungewöhnlichen Lebensräumen beobachtet.

Peilsender enträtseln Verhalten
Ermöglicht wurde die Untersuchung durch den Einsatz moderner Fischortungstechnologie. Die Wissenschaftler statteten insgesamt 20 Tiere mit Peilsendern aus und bestimmten anschließend ihre Position im Gewässer wiederholt über ein GPS-Gerät. Über den Zeitraum von drei Monaten wurde jeder „Proband“ einmal in der Woche alle drei Stunden je Tag mindestens einmal geortet.

Die Aufenthaltsplätze geben nach Angaben der Forscher Aufschluss über die Betriebsamkeit, Aktivität und Wahl der Lebensräume: Je öfter die Jäger ihren Standpunkt verändern und je weiter sie sich auf den offenen See hinauswagen, umso aktiver und risikofreudiger sind sie. Denn Hechte, die ihren Unterschlupf im Uferbereich verlassen, laufen Gefahr, kannibalistischen Attacken anderer Konkurrenten zum Opfer zu fallen.

Unterschiedliche Verhaltenstypen
Die Ökologen konnten in der natürlichen Hechtpopulation eine erstaunliche Vielfalt von bisher unbekannten Verhaltenstypen feststellen: Der klassische „Schilf-Typ“ verbringt die meiste Zeit bewegungslos im Röhricht. Ein aktiverer Artgenosse ist der „Unterwasserpflanzentyp“. Dieser hält sich in tieferen Ufergebieten auf, bleibt aber häufig in der Nähe von Unterwasserpflanzenbeständen, die Schutz- und Jagdrevier sind.

Gänzlich abweichende Aktionsmuster zeigt der „Opportunist“. Vertreter dieser Gruppe wagen sich zur Jagd auf das offene Wasser, nutzen aber meist die sichere Nacht. Die letztgenannte Strategie wurde nach den Ergebnissen der Forscher von den Tieren vermehrt im späteren Verlauf des Jahres an den Tag gelegt, als die Verfügbarkeit von Nahrung im Untersuchungsgewässer immer stärker abnahm.

Als regsamere Räuber verbrauchen die Opportunisten im Vergleich zu ihren Mitstreitern aber die meiste Energie. Stellt diese Strategie also einen Nachteil für den Hinterhaltsräuber Hecht dar? Hat er doch in der Entwicklungsgeschichte eine Reihe von Merkmalen ausgebildet, die dem Fisch zwar explosive Attacken, aber kein effizientes Dauerschwimmen ermöglichen.

Vielfalt statt Einfalt
Die IGB-Wissenschaftler konnten in ihrer Studie überraschender Weise feststellen, dass auch eine radikale Änderung der typischen Lebensweise zu mehr Aktivität insgesamt keine Nachteile für die anpassungswilligen Individuen nach sich zog. Ein für die aktiveren Tiere gesteigerter Energiebedarf bei der Jagd wird vermutlich durch einen höheren Beuteerfolg wieder wettgemacht.

Insgesamt zeigen die Tiere aller Verhaltenstypen identische Wachstumsleistungen. Das ist von wesentlicher Bedeutung, da die Körperlänge bei Hechten eng mit der Überlebenswahrscheinlichkeit und der Fruchtbarkeit zusammenhängt. Die Antwort der Hechte auf knappe Ressourcen ist damit aus Sicht der Wissenschaftler klar: Vielfalt statt Einfalt - ein cleveres Prinzip, nicht nur für Fische.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Hechte, Fische, Tiere, Natur, Räuber, Beute, Nahrung, Jagd, Verhalten
Weitere News zum Thema
Fische: Flirten per Elektro-Puls (13.10.2010)
Bulldog-Fische locken Weibchen durch artspezifische elektrische Signale
Fische: Seitenlinienorgan mathematisch entschlüsselt (28.08.2009)
Neue Erkenntnisse ebnen den Weg für technische Nachbildung des Organs
Fische: Bei Liebe knistert es (28.11.2008)
Elektrische Signale helfen bei der Partnerwahl
Räuber-Beute-Drama in einem urzeitlichen See (06.11.2007)
Einmalige Einblicke in eine 290 Millionen Jahre alte Nahrungskette
Nilhechte mit ungewöhnlicher Artbildung? (13.06.2006)
Forscher untersuchen genetische Vielfalt im Kongobecken
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Fische
Darwins Vermächtnis
Eisfische
Dossiers zum Thema
Unfälle der Evolution
...oder doch geniale Anpassungsstrategien?
Eisfische
Rätselhafte Meeresbewohner „ohne Blut“
Haie
Vom Jäger zum Gejagten
Die große Zählung
Bestandsaufnahme in den Meeren der Welt
Kannibalismus
"Dinner for One" unter Artgenossen
Maskenball im Tierreich
Tarnen und Täuschen als Überlebensstrategie
News des Tages
Australien: Dürre einzigartig in den letzten 750 Jahren
Hungernde Hechte "spielen" Draufgänger
Genvariante macht Kohlmeisen neugieriger
Multiple Sklerose: Neue Methode verbessert Diagnose
Gold für tierische Athleten
Helgoland als Spielwiese für Meeresforscher
Verpackungsmaterial steuert Genaktivität
Bücher zum Thema
Einführung in die Ökologie
von Wolfgang Tischler
Fantastisches Tierreich
Zwischen Legende und Wirklichkeit von John Downer
Tierisch!
Expedition an den Rand der Schöpfung von Dirk Steffens
Räuber, Monster, Menschenfresser
99 Unwahrheiten über Haie von Gerhard Wegner, Robert Hofrichter und Franziska Anderle
Unter Wasser
von Bill Curtsinger
Deep Blue
Entdecke das Geheimnis der Ozeane
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis