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Dienstag, 14.02.2012
Moleküle: Lieber gemeinsam fließen als einsam hüpfen
Neutronen widerlegen alte Theorie
Moleküle in einer Zellmembran bewegen sich fließend im Verbund statt als Einzelgänger in frei werdende Leerstellen zu hüpfen. Das haben jetzt Münchener Wissenschaftler mithilfe von Messungen an einem Neutronenspektrometer belegt. Ihre Ergebnisse, die sie in der Fachzeitschrift „Journal of the American Chemical Society“ vorstellen, klären ein jahrzehntelanges Rätsel und untermauern erstmals experimentell eine neue Theorie der Molekülbewegung.

Sebastian Busch und Tobias Unruh
Sebastian Busch und Tobias Unruh
© Wenzel Schürmann / TU München Sebastian Busch und Tobias Unruh
Immer wieder sahen sich Sebastian Busch und Tobias Unruh, der Betreuer seiner Doktorarbeit an der Forschungs-Neutronenquelle Heinz Maier-Leibnitz (FRM II) der Technischen Universität München (TUM) eine Simulation der Molekülbewegungen in einem Film auf YouTube an: „Die hüpfen ja gar nicht!“ Und genau das behaupten auch die finnischen Biophysiker um Ilpo Vattulainen, die die Zellmembran per Computer simuliert und die Simulation auf YouTube gestellt haben.

Falsches Modell
Offenbar haben Biophysiker jahrelang an ein falsches Modell geglaubt: Statt sich hüpfend einzeln von Leerstelle zu Leerstelle vorwärts zu bewegen, fließen die Phospholipide der Membran im Verbund. Lange Zeit gab es einen Streit zwischen den Wissenschaftlern, die Zellmembranbewegungen unter dem Mikroskop im Mikrometermaßstab beobachteten und den Neutronenstreuern, die die Molekülbewegung im Nanometerbereich vermessen können.

Unter dem Mikroskop sah es so aus, als ob sich die Phospholipide sehr langsam in der Zellmembran bewegten, mit Neutronen wurden Bewegungen gemessen, die 100 Mal so schnell waren.

Moleküle im Käfig?
Diesen scheinbaren Widerspruch erklärte man schließlich mit der Theorie, dass sich die Moleküle in einem Käfig aus den benachbarten Molekülen eingeschlossen so lange schnell hin und her bewegen, bis sich ein freier Platz bietet, in den das Molekül hinein hüpfen kann. Weil derartige Sprünge relativ selten auftreten, sieht man im Mikrometermaßstab eine langsamere Bewegung, so die Theorie.

„Nie hat jemand diese Theorie des Hüpfens mit Messungen belegen können“, sagt der Chemiker Unruh. Auch Busch wusste nicht, wie er seine Messungen an einer Phospholipidmembran am Neutronenspektrometer TOFTOF (time-of-flight time-of-flight) an der Neutronenquelle der TUM interpretieren sollte. Die Daten passten einfach nicht zum Modell. Da sah er die Simulation der finnischen Biophysiker und informierte sich genauer vor Ort an der Universität in Helsinki. Der 27-Jährige reizte daraufhin bei ergänzenden Messungen die Leistungsfähigkeit des Spektrometers in Garching voll aus.

Finnische Theorie belegt
„Da ist mir klar geworden, dass ich die Theorie der Finnen mit Daten untermauern kann“, sagt Busch. Schließlich konnte er die fließende Bewegung der Moleküle mit seinen Experimenten belegen. Die Zellmembranmoleküle bewegen sich dabei ähnlich wie Personen in einer Menschenmasse: Nur wenn mehrere im Verbund in eine Richtung drängen, kommt auch das Individuum vorwärts. Ein einsames Hüpfen der Moleküle gibt es also nicht, nur ein gemeinsames Fließen.

Als Probe untersuchte der Physiker ein typisches Phospholipid, Dimyristoylphosphatidylcholin (DMPC), hydriert mit schwerem Wasser. Die Bewegung der Zellmembran beobachteten die Forscher in Zeitabständen von 35 bis 1.000 Billionstel Sekunden bei 30 °C. Im Spektrometer TOFTOF werden Neutronen mit einer genauestens bekannten Geschwindigkeit ausgewählt. Sie treffen auf die Probe und interagieren mit den Atomkernen. Wenn diese in Bewegung sind, ändern die Neutronen ihre Geschwindigkeit, was in einem Detektor gemessen wird.

„Wir haben hier weltweit das einzige Spektrometer, das mit einer so großen Genauigkeit diese kleinen Bewegungen auf der Nanoskala messen kann“, sagt Unruh.

Forscher mengen Stoffe bei
In einem nächsten Schritt wollen die Wissenschaftler nun untersuchen, wie sich die Bewegungen der Phospholipide verändern, wenn sie verschiedene Stoffe beimengen. Solche Mischungen werden in Arzneimitteln verwendet. Geeignete Zusätze können die Haltbarkeit der Stoffe drastisch erhöhen. Die TUM-Wissenschaftler interessiert vor allem, welchen Einfluss die Molekülbewegungen auf diesen stabilisierenden Effekt haben.

„Wenn wir den Stabilisierungsmechanismus im Detail verstehen“, hofft Unruh, „können zukünftig für die jeweilige Anwendung optimierte Mischungen vorgeschlagen werden.“
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