Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Dienstag, 14.02.2012
Es gab doch Riesen-Planktonfresser im Urzeitmeer
Sensationeller Fossilfund enthüllt Existenz bisher unbekannter Riesenfischgruppe
Eine ganze Dynastie von bisher unbekannten, riesigen Plankton fressenden Fischen durchstreiften das Urzeitmeer zur Zeit der Dinosaurier. Diese überraschende Erkenntnis verdankt ein internationales Forscherteam jetzt dem Fund des ersten erhaltenen Schädels eines solchen Riesen mit Filterbarten. Wie sie in „Science“ berichten, entsprach ihre Größe und ökologische Rolle denen der heutigen Riesenhaie und Bartenwale.

So könnte Bonnericthys ausgesehen haben
So könnte Bonnericthys ausgesehen haben
© Robert Nicholls So könnte Bonnericthys ausgesehen haben
Bartenwale, Riesenhaie und Mantarochen gehören zu den größten lebenden Wirbeltieren, doch ihre Nahrung ist mikroskopisch klein. Denn die Riesen der Meere sind Planktonfresser. Sie entwickelten sich mit dem Ende der Kreidezeit. Davor jedoch, während der Herrschaft der Dinosaurier, fehlt jede Spur von solchen planktonfressenden Riesen. „Die Tatsache, dass Kreaturen dieser Art für hunderte Millionen Jahre vollkommen aus der Fossiliengeschichte fehlten, war immer ein Rätsel“, erklärt Matt Friedman, Geoforscher an der Universität von Oxford. „Wir dachten, dass die Meere damals frei waren von den großen Filtrierern.“

Fehlende Schädel führten zu Falschinterpretation
Der Grund für die Annahme waren fehlende Fossilien solcher Tiere: „Einer der Gründe, warum diese großen Fische übersehen oder falsch identifiziert worden waren, liegt in ihrer Anatomie”, so Friedman. „Im Laufe ihrer Evolution reduzierten diese Fische den Anteil der Knochen in ihrem Skelett, vermutlich um Gewicht zu sparen. Mit der Konsequenz, dass die meisten ihrer harten Teile nach dem Tod verstreut wurden. Es zeigt sich, dass die einzigen Teile, die man routinemäßig in den Fossilien findet, ihre gut entwickelten Vorderflossen sind.“

Bisher hielt man solche Flossenfossilien jedoch immer für Relikte von Schwertfisch ähnlichen Fischen. Jetzt jedoch sind neue Fossilien aufgetaucht, die eine ganz andere Interpretation erzwingen. In einem dieser im amerikanischen Kansas ausgegrabenen Relikte sind erstmals nicht nur die Flossen, sondern auch ein Großteil des Schädels erhalten. Und dieser enthüllt ein völlig neues Bild:

Riesenmaul und Filterlamellen
„Anstatt eines Kopfes mit einer langen, schwertähnlichen Schnauze und zahnbewehrten Kiefern fanden wir etwas ganz anderes: Lange, zahnlose Kiefer, die ein weites Maul stützten und lange, stabähnliche Knochen, die die gewaltigen Lamellen bildeten, die zum Filtern von Plankton gebraucht werden.“ Die Auswertung weiterer Funde auch aus England und Japan, enthüllten, dass einige dieser kreidezeitlichen Filtrierer bis zu neun Meter Länge erreichten und damit ähnlich groß waren wie ein heutiger Riesenhai. Zu Ehren der Familie die den gut erhaltenen Schädel entdeckte, tauften die Forscher den Plankton fressenden Fisch Bonnerichthys.

Über hunderte Millionen Jahre im Urzeitmeer
Um herauszufinden, wie lange diese Organismenform in den Meeren lebte, bevor sie am Ende der Kreidezeit mit den Dinosauriern ausstarben, fahndeten die Wissenschaftler in Museen und Sammlungen weltweit nach fossilen Überresten, die möglicherweise bisher falsch zugeordnet worden waren. Tatsächlich wurden sie fündig und enthüllten, dass Bonnerichthys nicht etwa einen ultrakurzen Ausrutscher der Evolution darstellte, sondern über Millionen von Jahren in vielen Bereichen der Meere lebte. Die Fossilfunde reichen von vor 66 bis vor 172 Millionen Jahren.

„Unsere Entdeckungen enthüllen, dass eine Dynastie von Riesenfischen diese ökologische Rolle mehr als hundert Millionen Jahre lang in den Urzeitmeeren einnahm“, so Friedman. Interessanterweise erschienen die Vorfahren der heutigen großen Planktonfresser erst, nachdem Bonnerichthys und seine Verwandten ausgestorben waren. Nach Ansicht des Forschers deutet dies darauf hin, dass sie sich entwickelten, um die ökologische Lücke zu füllen, die die Plankton fressenden Zeitgenossen der Dinosaurier nach ihrem Aussterben hinterließen.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Fische, Fossilien, Planktonfresser, Kreidezeit, Jura, Dinosaurier, Meer, Ozean, Riesenhai, Mantarochen, Barten, Filtrierer, Erdgeschichte, Biologie, Paläontologie
Weitere News zum Thema
Klimawandel verändert Plankton der Nordsee (13.02.2012)
Meereserwärmung und zunehmender Wind machen Kieselalgen dominant
Ozeanerwärmung lässt Seeelefanten tiefer tauchen (09.02.2012)
Wärmeres Waser zwingt Robben zu verändertem Verhalten
Frühes Füttern fester Nahrung hält Kinder schlank (08.02.2012)
Vorliebe für gesunde Nahrung wird schon im Säuglingsalter geprägt
Modellvergleich soll Klimafolgen besser abschätzen (08.02.2012)
Besseres Fundament für Weltklimabericht 2014
Blick ins Hirn verrät Abschneiden im Reaktionstest (07.02.2012)
Hirnaktivität kann voraussagen, wie gut jemand ein Videospiel beherrscht
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Fischsaurier
Welt der Dinosaurier
Dossiers zum Thema
Riesen im Tierreich
Erfolgsrezept oder Laune der Natur?
Spurensuche im Dinoreich
Neues über T.rex, Brachiosaurus & Co
Unfälle der Evolution
...oder doch geniale Anpassungsstrategien?
Lebende Fossilien
Überlebenskünstler oder Auslaufmodelle der Evolution?
Massenaussterben
Katastrophale "Unfälle" der Evolution?
News des Tages
Es gab doch Riesen-Planktonfresser im Urzeitmeer
Massenaussterben: Doppelschlag für Nordhalbkugel
Bienenwolf schützt sich mit Antibiotika-Cocktail
Immunsystem: „Zweite Meinung“ schützt vor Überreaktion
Geheimbotschaften im Datenwust
Wolf kehrt in die Alpen zurück
Reisekrankheiten: Frauen kriegen Durchfall, Männer Malaria
Bücher zum Thema
Die faszinierende Entdeckung der Dinosaurier
von Darren Naish
Fossilien
Über 500 Versteinerungen von Helmut Mayr und Franz Höck
Superkontinent
Das geheime Leben unseres Planeten: Eine abenteuerliche Reise durch die Erdgeschichte von Ted Nield
Saurier - Ammoniten - Riesenfarne
Deutschland in der Kreidezeit von Harald Polenz und Christian Späth
Die Erben der Saurier
Im Reich der Urzeit von Tim Haines
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis