Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Dienstag, 14.02.2012
Megabeben vor Chile wirft Fragen auf
Energie der Erdstöße zehnfach stärker als normal – Expedition soll Ursachen klären
Das Erdbeben, dass am 27. Februar Chile erschütterte, überraschte selbst die Experten. Denn es war zehnfach stärker als für diese Region zu erwarten. Warum, das könnte eine im Herbst startende Expedition von Seismologen und Meeresforschern klären. Per Tiefseeroboter wollen sie den Meeresboden im Entstehungsgebiet des Bebens genau untersuchen.

Relief des Tiefseegrabens vor Chile mit dem Epizentrum des Bebens
Relief des Tiefseegrabens vor Chile mit dem Epizentrum des Bebens
© W. Weinrebe, IFM-GEOMAR Relief des Tiefseegrabens vor Chile mit dem Epizentrum des Bebens
Ungewöhnlich starke Erdstöße erschütterten am frühen Morgen des 27. Februar 2010 den Meeresboden und die angrenzenden Küstengebiete im Süden von Chile. Mit einer Stärke von 8.8
auf der nach oben offenen Richterskala gehört es zu den stärksten jemals registrierten Erdbeben. Das Beben wurde von plötzlichen Bewegungen auf der Grenzfläche zwischen der sogenannten Nazca-Platte, die Teil des Pazifiks ist, und der Südamerikanischen Platte ausgelöst. Doch an den näheren Umständen dieses Bebens ist noch einiges unklar.

Ursprung am unteren Ende der „Seismogenen Zone“
„Die Herdtiefe von etwa 35 Kilometern weist darauf hin, dass das Beben nahe der chilenischen Küste seinen Ursprung am unteren, tiefer gelegenen Ende der sogenannten ‚Seismogenen Zone’ hatte“, erläutert Professor Jan Behrmann, Professor für Marine Geodynamik am Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR). Die Seismogene Zone ist der Bereich zwischen zwei sich gegeneinander bewegenden Erdplatten, der durch Auslösung aufgebauter Spannungen immer wieder Erdbeben erzeugt. Die Bewegungen breiteten sich dann westwärts in Richtung auf den offenen Pazifik aus.

„Der durch das Beben ausgelöste Tsunami ist wahrscheinlich entweder durch Brüche am Meeresboden auf dem Kontinentalabhang oder durch Auslösung eines untermeerischen Erdrutsches verursacht worden“, so Behrmann weiter. Für die Meeresforscher der Kieler Christian-Albrechts-Universität und des IFM-GEOMAR, die sich im Sonderforschungsbereich 574 „Fluide und Volatile in Subduktionszonen“ mit genau solchen Erdplattenverschiebungen beschäftigen, wirft dieses Ereignis jedoch noch einige Fragen auf.

Zehnfach stärker als normal
Da ist zunächst einmal die sehr große Stärke des Erdbebens. Der Rand Südamerikas rund um die Stadt Concepcion ist bekannt für sich im Abstand von mehreren Jahrzehnten wiederholende Beben mit Magnituden bis etwa 7,5. Die jetzt registrierte Magnitude von 8,8 ist jedoch außergewöhnlich und bedeutet eine gegenüber dem Normalfall wenigstens zehnfach höhere Entladung seismischer Energie. „Dieses Ereignis ist daher sehr ungewöhnlich und muss durch eine besonders große Verschiebung ausgelöst worden sein“, vermutet Behrmann.

Tiefseeroboter untersucht Meeresboden
Klärung könnte eine schon lange geplante Expedition bringen, die die Kieler Geowissenschaftler Ende September mit dem Forschungsschiff SONNE in das Entstehungsgebiet des Bebens führen wird. Dabei wird unter anderem auch der Tiefseeroboter KIEL6000 sowie ein videogestützter Großgreifer zum Einsatz kommen. „Auf dieser Expedition wird es Gelegenheit geben, eventuell durch das Erdbeben ausgelöste Veränderungen der tektonischen Struktur und des Meeresbodens zu dokumentieren“, schaut Behrmann voraus.

Bereits im Frühjahr 2008 hatten Kieler Geologen und Geophysiker mit dem britischen Forschungsschiff James Cook detaillierte Kartierungsarbeiten und seismische Untersuchungen durchgeführt, die durch das aufgetretene Beben für die anstehende Expedition eine traurige Aktualität erhalten haben.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Erdbeben, Tsunami, Chile, Beben, Tektonik, Magnitude, Seismologie, Geologie, Meeresboden, Subduktion
Weitere News zum Thema
Supervulkane werden schnell wieder aktiv (02.02.2012)
Erste Anzeichen für eine Eruption erst wenige Jahrzehnte vorher messbar
Haiti droht neue Erdbeben-Serie (27.01.2012)
Verwerfung unter dem Inselstaat ist wieder seismisch aktiv
Death Valley: Vulkanausbruch möglich (25.01.2012)
Ausreichend Magma und Wasser im Untergrund vorhanden
Gibt es unerkannte Erdbebengefahren unter der Adria? (18.01.2012)
Geophysiker führen erste grundlegende Untersuchung der Lithosphäre in der Region durch?
Japan-Beben teuerstes Erdbeben aller Zeiten (12.01.2012)
Naturkatastrophe und ihre Folgen sorgten für 335 Milliarden US-Dollar Schaden
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Naturgewalten
Erdbeben
Dossiers zum Thema
Erdbeben
Vorhersagbar oder aus heiterem Himmel?
Warten auf das große Beben...
Japan - Ballungsräume auf dem Schleudersitz
Tsunami
Das Geheimnis der Riesenwellen
100 Jahre Plattentektonik
Alfred Wegener und seine Theorie
Sintflut, Seeschlacht und Kamikaze
Wie Naturereignisse unsere Geschichte prägten
News des Tages
Pestizid macht Froschmännchen weiblich
Megabeben vor Chile wirft Fragen auf
Fluglärm macht krank
Moderner Mensch überlebte Toba-Ausbruch
Molekülchamäleon im All
CeBIT: Auf dem Weg zum 3D-Fernsehen
Zelle: Endozytose ist Teamwork aus 4.000 Genen
Bücher zum Thema
Naturkatastrophen
Wirbelstürme, Beben, Vulkanausbrüche von Karsten Schwanke, Nadja Podbregar, Dieter Lohmann und Harald Frater
Im Zentrum der Katastrophe
Was es wirklich bedeutet, vor Ort zu helfen von Richard Munz
Erdbeben
Eine Einführung von Bruce A. Bolt
Die unruhige Erde
von Erhard Keppler
Plattentektonik
Kontinent- verschiebung und Gebirgsbildung von Wolfgang Frisch und Martin Meschede
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis