Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Pflanzen stehen beim Sex auf Abwehrproteine
Wissenschaftler liefern neue Erkenntnisse über pflanzliche Befruchtung
Regensburger Wissenschaftler haben in der Fachzeitschrift „PLoS Biology“ neue Erkenntnisse über die Abläufe bei der pflanzlichen Befruchtung geliefert. Ergebnis der Studie: Pflanzen stehen beim Sex auf Abwehrproteine.

Pollenschläuche von Mais
Pollenschläuche von Mais
© Universität Regensburg Pollenschläuche von Mais
Pflanzen und Tiere haben seit ihrer Entstehung vielfältige Formen von Abwehrmechanismen entwickelt, um sich gegen Krankheitserreger zu wehren. Proteine haben in diesem ständigen Wettkampf zwischen Bakterien und Pilzen auf der einen und Pflanzen und Tieren auf der anderen Seite eine bedeutende Rolle gespielt. So entwickelte sich beispielsweise eine ganze Reihe von Abwehrproteinen – so genannte Defensine und Defensin-ähnliche Proteine - zu einem essenziellen Bestandteil des pflanzlichen Immunsystems.

Proteine spielen wichtige Rolle beim Pflanzen-Sex
Dass solche Proteine für Pflanzen auch eine wichtige Rolle beim Sex beziehungsweise bei der Befruchtung spielen, haben nun Regensburger Wissenschaftler herausgefunden. Das Forscherteam um Professor Thomas Dresselhaus konnte dies in einer Studie an der Nutzpflanze Mais nachweisen.

Eine besondere Form von Abwehrproteinen, so genannte ZmES1-4 Defensine, werden danach vom Eiapparat der Pflanze ausgeschüttet und öffnen Kalium-Ionen-Kanäle beim männlichen Geschlechtspartner, wodurch die männlichen Spermazellen explosionsartig freigesetzt werden. Erst hierdurch kann es anschließend zu einer Befruchtung kommen. Die Ergebnisse der Regensburger Forscher versprechen neuartige Anwendungsmöglichkeiten, um die Barrieren zwischen derzeit noch nicht kreuzbaren Nutzpflanzen zu überwinden.

Defensine in der Pflanzenwelt und im Tierreich
Mit Ausnahme der hoch entwickelten Säugetiere benötigen Pflanzen und Tiere Defensine zur Abwehr von verschiedenen Krankheitserregern. Bei Tieren werden Defensine aber auch für die Abwehr von höheren Organismen oder für den Beutefang benutzt. Einige bekannte tierische Defensin-ähnliche Proteine sind als Toxine in den Giften von Schlangen, Skorpionen, Meeresschnecken und sogar der Honigbiene bekannt.

Erste Blütenpflanzen im Visier
Eine völlig neue Beobachtung ist die Rolle der Proteine beim Sex. In den 1990er Jahren wurden erstmals Defensin-ähnliche Proteine in den männlichen Geschlechtsorganen der Ratte beschrieben. Die Funktion ist allerdings bis heute nicht bekannt. Pflanzen erzeugen ebenfalls sehr viele Varianten von Defensinen in den jeweiligen männlichen und weiblichen Geschlechtsorganen. Bis vor kurzem ging man lediglich davon aus, dass diese Proteine die Geschlechtszellen und den sich nach der Befruchtung entwickelnden Samen vor Krankheitserregern schützen.

Die Regensburger Forschungsergebnisse deuten an, dass bereits die ersten Landpflanzen vor etwa 470 Millionen Jahren und gerade auch die Blütenpflanzen, die vor etwa 170 Millionen Jahren entstanden sind, Mechanismen der Krankheitsabwehr benutzt und angepasst haben, um unterschiedliche Interaktionsmöglichkeiten zwischen männlichen und weiblichen Geschlechtspartnern zu entwickeln und dabei Spermazellen zur Befruchtung zu entlassen.

Wichtige neue Erkenntnisse
Diese Erkenntnisse werfen ein gänzlich neues Licht auf die Evolution der Vorgänge auf molekularer Ebene, die bei Blütenpflanzen zur Befruchtung notwendig sind, so die Forscher in PLoS Biology. Bereits im vergangenen Jahr hatten die Biologen der Universität Regensburg gemeinsam mit Kollegen der Nagoya Universität in Japan in der Fachzeitschrift „Nature“ Defensin-ähnliche Proteine beschrieben, die bei Blütenpflanzen den männlichen Geschlechtszellen den Weg zum Eiapparat aufzeigen.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Pflanzen, Natur, Befruchtung, Proteine, Gene, Defensine, Spermazellen, Mais
Weitere News zum Thema
Keine Gletscherschmelze durch Entwaldung (07.02.2012)
Schwindende Bergwälder haben geringeren Klimaeffekt als gedacht
Vulkanausbrüche lösten die Kleine Eiszeit aus (01.02.2012)
Forscher finden Ursache der nachmittelalterlichen Kälteperiode
Hitzewellen schädigen Weizen mehr als gedacht (30.01.2012)
Neue Sorten müssen zukünftig gezielt an heiße Tage angepasst werden
Neu angelegte Feuchtgebiete können natürliche nicht ersetzen (26.01.2012)
Renaturierte Flächen speichern auch Jahrzehnte später noch weniger Kohlenstoff
Rätsel um Bienen- Fortpflanzung gelöst (24.01.2012)
Forscher finden ersten Beweis für genetische Steuerung
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Zellen - Bausteine des Lebens
Proteine
Chloroplasten
Medizinpflanzen
Dossiers zum Thema
Pflanzen unter Stress
Abwehrstrategien gegen Mensch, Mikrobe und Chemie
Pionierpflanzen
Leben aus dem Nichts
Grüne Kraftwerke
Wie die Pflanzen zu ihren Chloroplasten kamen
Phytohormone
Überlebenswichtige Botenstoffe im Pflanzenreich
Chemische Keule und betörender Duft
Verteidigungsstrategien von Pflanzen
Alleskönner Alge
Von Sushi bis zur Blauen Biotechnologie
Neuland in drei Dimensionen
Ein Blick ins Innere der Zelle
Molekulare Motoren
Protein-„Maschinen“ als Triebfeder des Lebens
DNA
Von Genen, Mördern und Nobelpreisträgern
DNS-Scanner
Gencheck mit Terahertz-Strahlung
News des Tages
Schmetterlingsfarben machen Banknoten fälschungssicher
Deepwater Horizon: Ölalarm für den Golfstrom
„Anti-Kick“ bremst Schwarze Löcher
Urpferdchen: Blätter und Blüten als "Henkers-Mahlzeit"
Pflanzen stehen beim Sex auf Abwehrproteine
Braunalgengenom enthüllt Photosynthese-Evolution
Früher Mars als Erd-Double
Bücher zum Thema
Das geheime Bewusstsein der Pflanzen
Botschaften aus einer unbekannten Welt von Joseph Scheppach
Wie Zellen funktionieren
Wirtschaft und Produktion in der molekularen Welt von David S. Goodsell
Wie die Pflanzen zu ihren Namen kamen
Eine Kulturgeschichte der Botanik von Anna Pavord
Einführung in die Ökologie
von Wolfgang Tischler
Was treibt das Leben an?
Eine Reise in den Mikrokosmus der Zelle von Stephan Berry
Lehrbuch der Molekularen Zellbiologie
von Lutz Nover und Pascal von Koskull-Döring
Die Macht der Gene
Schön wie Monroe, schlau wie Einstein von Markus Hengstschläger
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis