Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Cholesterinsenker fördert Arterienverkalkung
Wirkstoff Ezetimib zeigt negative statt positiver Wirkung bei Gabe mit Statinen
Der eigentlich zur Senkung des Cholesterins verwendete Wirkstoff Ezetimib kann genau das Gegenteil bewirken: Eine jetzt im „European Heart Journal“ erschienene Studie weist nach, dass das Mittel die günstigen Wirkung anderer Cholesterinsenker aufhebt und zudem die Menge des schädliche Cholesterins im Blut erhöht. Damit kann Ezetimib eine Atherosklerose möglicherweise sogar begünstigen.

Der Wirkstoff Ezetimib ist seit über sieben Jahren auf dem Markt und wird in Deutschland mit fast 100 Millionen so genannten definierten Tagesdosen verschrieben. Er wird meist zusammen mit Statinen angewendet, um deren cholesterinsenkende Wirkung zu verstärken, kann aber auch allein eingenommen werden, wenn Statine nicht vertragen werden. In bisherigen Studien mit Statinen wurde bewiesen, dass Herzinfarkte vermindert auftreten und die Sterblichkeit verringert wird. Vergleichbare Studien, die entsprechende Endpunkte untersuchen, gibt es für den Wirkstoff Ezetimib bisher nicht. Kritiker sind daher der Ansicht, dass die Verschreibung, gemessen am gesicherten klinischen Nutzen, zu häufig erfolge und die Kosten dafür unverhältnismäßig hoch seien.

Verkalkung trotz Ezetimib
Tatsächlich waren zwei vor kurzem erschienene Studien, in denen die Veränderung der Dicke der Arterienwand untersucht wurde, enttäuschend: Obwohl durch die zusätzliche Gabe von Ezetimib zu einem Statin beziehungsweise dem Lipidsenker Nikotinsäure das LDL- Cholesterin weiter abgesenkt wurde, hatte diese Therapie keinen Einfluss auf das Fortschreiten der Arterienverkalkung. Die Forscher konnten sich diese Ergebnisse bisher nicht so recht erklären.

„Vielleicht ist unsere neue Studie der fehlende Mosaikstein, um zu verstehen, warum die erwarteten günstigen Effekte trotz weiterer Cholesterinsenkung ausgeblieben sind“, erklärt die Kölner Endokrinologin Professor Ioanna Gouni-Berthold. Die aktuelle Studie wurde an 72 Probanden an der Medizinischen Klinik II der Uniklinik Köln durchgeführt. Jeweils eine Gruppe von Probanden erhielt Ezetimib allein, ein Statin allein oder die Kombination der beiden Wirkstoffe. Dabei wurde die Zusammensetzung der Lipide des LDL (LDL, deutsch: Lipoproteine niedriger Dichte) im Blut untersucht.

Statin-Wirkung aufgehoben
Es ist bekannt, dass ein erhöhter Anteil von besonders kleinen, dichten LDL-Partikeln mit einem erhöhten Risiko für Atherosklerose verbunden ist. Die neuen Ergebnisse deuten jetzt an, dass unter Ezetimib gerade dieser Anteil relativ zunimmt, trotz Senkung des LDL-Spiegels. Das Statin hingegen senkte diesen Anteil, aber wenn die beiden Arzneimittel zusammen verabreicht wurden, wird diese günstige Wirkung des Statins durch Ezetimib aufgehoben. Die Bestimmung der kleinen dichten LDL-Partikel wurde in Zusammenarbeit mit Forschern um Kaspar Berneis am Universitätsspital in Zürich durchgeführt.

„Wir warten gespannt auf die Ergebnisse großer laufender Studien mit Ezetimib, welche nicht nur die Beeinflussung des Lipidprofils im Labor messen, sondern die auf kardiovaskuläre Endpunkte – wie Herzinfarkt – hin ausgelegt sind. So ist es möglich herauszufinden, welche Therapie in der Tat dem Patienten auf lange Zeit nutzt“, so Professor Ioanna Gouni-Berthold.

„Wenn wir eines aus den Lipidsenker-Studien der letzten Zeit gelernt haben, so ist es die Erkenntnis, dass diese Arzneimittel neben ihren cholesterinsenkenden Eigenschaften noch andere, unabhängige Wirkungen haben können, die nicht immer nur zum Vorteil des Patienten sind“, sagt Professor
Heiner Berthold, Lipid-Spezialist an der Charité in Berlin und einer der Mitautoren der Studie.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Cholesterin, Blutfett, Blut, Krankheit, Arterienverkalkung, Artherosklerose, Statin, Wirkstoff, Medikament, Ezetimib, Medizin
Weitere News zum Thema
Cholesterinsenker schützen vor Grippetod (15.12.2011)
Todesrate von älteren Influenza-Patienten sank mit Statinen um die Hälfte
Austernpilze senken den Cholesterinspiegel (31.08.2011)
Studie zeigt positiven Einfluss auf Blutfette
Lachen weitet die Blutgefäße (30.08.2011)
Bereits ein lustigster Spielfilm wirkt wie ein Cholesterinsenker
Molekül macht immun gegen Ebola (26.08.2011)
Abwehrmechanismus blockiert Protein und damit das Einfallstor für den Erreger
Ägyptische Prinzessin hatte schon Arterienverkalkung (18.05.2011)
Mumien enthüllen überraschend starke Verbreitung von Atherosklerose im Alten Ägypten
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Lebenselixier Blut
„Ein ganz besondrer Saft“
Functional Food
Fitmacher oder Mogelpackung?
Personalisierte Ernährung
Maßgeschneiderte Ernährung oder Allerweltskost?
Apoptose – der programmierte Zelltod
Die Lizenz zum Töten
Arzneimittelforschung
Mit Hightech auf der Suche nach Naturwirkstoffen
Vitamine im Zwielicht
Nutzen und Schaden von Radikalfängern, Rauchervitaminen und Co.
Homöopathie
Sanfte Medizin oder moderner Aberglaube?
News des Tages
China: Jangtse ist viel älter als gedacht
Rätsel der „schlafenden“ Viren geknackt
Erneuerbare Energien: 80 Prozent bis 2050?
Atome vernetzen sich anders
Cholesterinsenker fördert Arterienverkalkung
Ostalpen sind immer noch in Bewegung
Boomende Wirtschaft lässt fremde Arten besser überleben
Bücher zum Thema
Was hab ich bloß?
Die besten Krankheiten der Welt von Werner Bartens
Die Geschichte der Medizin
Von der Antike bis zur Gegenwart von Bernt Karger-Decker
Phänomen Mensch
Körper, Krankheit, Medizin von Andreas Sentker und Frank Wigger
Mensch, Körper, Krankheit
von Renate Huch und Christian Bauer
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis