Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Konkurrenz machte Eiszeit-Nashörnern den Garaus
Frühe Menschen nicht schuld am Verschwinden des Hundsheim-Nashorns aus Europa
Warum verschwand das Hundsheim-Nashorn Stephanorhinus hundsheimensis vor etwa 500.000 Jahren innerhalb kurzer Zeit für immer aus Europa? Und das nach einer fast eine Million Jahre dauernden Erfolgsgeschichte? Diese Fragen waren bisher ungeklärt. Doch jetzt hat ein deutsches Forscherteam das Rätsel gelöst. Wie die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift „Quaternary Science Reviews“ berichten, waren nicht etwa die frühen Menschen Schuld am Aussterben der Tiere, sondern schlicht und einfach Konkurrenz. Das Hundsheim-Nashorn wurde von besser angepassten Nashornarten einfach verdrängt.

Hundsheim-Nashorn
Hundsheim-Nashorn
© C. C. Flerov / Sammlungen Senckenberg Weimar Hundsheim-Nashorn
Wie Rehe und Hirsche gehörten Nashörner in der Eiszeit zu den Charaktertieren Eurasiens. Sie kamen in weiten Arealen vor. Während der vergangenen 2,6 Millionen Jahre lebten in Europa nicht weniger als sechs verschiedene Arten mit höchst unterschiedlichen ökologischen Ansprüchen.

Es gab Tiere, die sich in den Kältesteppen der nördlichen und mittleren Breiten wohl fühlten, aber auch solche, die gemäßigte oder gar warmklimatische Verhältnisse bevorzugten. Gelegentlich traten mehrere Nashornarten gemeinsam auf. Hatte diese Koexistenz Folgen für eine der Arten? Warum eine Art der anderen in ihrer Anpassung überlegen ist, ist durch paläontologische Funde nachweisbar.

740 fossile Gebiss- und Knochenreste untersucht
Grundlage der neuen Untersuchungen der Forscher um Professor Ralf-Dietrich Kahlke vom Forschungsinstitut Senckenberg und Thomas M. Kaiser von der Universität Hamburg waren rund 740 fossile Gebiss- und Knochenreste, die aus etwa 700.000 Jahre alten Tonen bei Voigtstedt sowie aus den wenige Jahrzehntausende jüngeren Kiesablagerungen von Süßenborn in Thüringen stammen.

Aus beiden Fundstätten liegen Nachweise des Hundsheim-Nashorns vor, das seinen Namen einem österreichischen Fossilvorkommen verdankt. Mit insgesamt rund 4.000 Präparaten eiszeitlicher Nashornfunde verfügt die Senckenberg Forschungsstation in Weimar über die in Europa umfangreichsten Bestände der ausgestorbenen Dickhäuter.

Schädelfund eines weiblichen Hundsheim-Nashorns
Schädelfund eines weiblichen Hundsheim-Nashorns
© T. Korn / Senckenberg Weimar Schädelfund eines weiblichen Hundsheim-Nashorns
Analysen der Zahnabnutzung
Anhand detaillierter Analysen der Zahnabnutzung mittels der so genannten Mesowear-Analyse konnten die Wissenschaftler die Nahrungsspektren der beiden Nashorn-Gruppen rekonstruieren. Die bevorzugte Nahrung hinterlässt Spuren am Gebiss: Das Zahn-Relief verändert sich auf charakteristische Weise und erlaubt Schlüsse darauf, was das Individuum gefressen hat. Während sich die Voigtstedter Nashörner überwiegend von weichem Laub ausgedehnter Wälder ernährten, deuten die Zahnreliefs der Tiere von Süßenborn auf harte, nahezu vollständig aus Gräsern bestehende Steppennahrung hin, so die Wissenschaftler. Derartig unterschiedliche Nahrungsspektren zeigen eine extrem weite ökologische Toleranz der Hundsheim-Nashörner an.

Eiszeit-Nashörner als Überlebenskünstler
Tatsächlich konnte bislang keine andere ausgestorbene oder noch lebende Tierart mit ähnlich breitem pflanzlichen Nahungsspektrum nachgewiesen werden. Diese Eiszeit-Nashörner waren also wahre Überlebenskünstler, die über nahezu eine Million Jahre hinweg sowohl in Steppenlandschaften als auch in Wäldern dominierten.

Ihr Ende war nach Ansicht der Wissenschaftler gekommen, als sich – wahrscheinlich in Asien – neue Nashornarten mit völlig anderer Überlebensstrategie entwickelten. Zwischen 600.000 und 500.000 Jahren vor heute entstanden im Zuge lang andauernder Kälte- und Wärmeperioden zwei hochspezialisierte Formen, die jeweils Steppen- oder Waldnahrung weit besser nutzen konnten, als das bislang konkurrenzlos lebende Hundsheim-Nashorn. In alle seine Lebensräume, die Steppen und die Wälder, zogen nun nach den Ergebnissen der Forscher Konkurrenten ein.

Konkurrenz zu stark
Stephanorhinus kirchbergiensis, das so genannte Waldnashorn, begann das Hundsheim-Nashorn in den Waldhabitaten zu verdrängen, seine anatomischen Merkmale zeigen, dass diese Spezies für Waldhabitate besser angepasst war als die alteingesessene Art. Gleichzeitig drängte in die Verbreitungsgebiete des Hundsheim-Nashorns im Offenland ein anderer Konkurrent: Stephanorhinus hemitoechus, das Steppennashorn. Die Funde dieser Art belegen, so die Forscher, dass das Tier an die Nahrung der Steppe angepasst war.

Der flexible Lebensstil des Hundsheim-Nashorns, hatte tausende von Generationen dieser Tiere überleben lassen. Binnen weniger Jahrzehntausende – einer erdgeschichtlich kurzen Zeitspanne – verschwand die Art vollständig. Stephanorhinus hundsheimensis starb ohne prinzipielle Umweltveränderungen und völlig ohne Zutun des frühen Menschen aus, so das Fazit der Wissenschaftler. Es wurde von besser angepassten Nashornarten verdrängt. Dieser Prozess ist mittels paläontologischer Funde belegbar.

„Das Arten aussterben ist etwas vollkommen normales“, erklärt Kahlke, „dass das so ist, ist allerdings kein Freibrief für die Umweltsünden der modernen Industriegesellschaft, die ein Massensterben an Arten verursacht haben und noch verursachen, wie es das nie zuvor gegeben hat.“
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Nashörner, Anpassung, Evolution, Konkurrenz, Eiszeiten, Aussterben, Hundsheim-Nashorn, Stephanorhinus hundsheimensis, Tiere, Natur
Weitere News zum Thema
Jüngster Menschenaffe Europas entdeckt (12.01.2012)
Zahnfund belegt Präsenz von vormenschlichen Primaten vor sieben Millionen Jahren
Artenschutz: Nashorn und Grauwal als Verlierer des Jahres (20.12.2011)
Menschenverursachtes Artensterben und Waldzerstörung schreiten auch 2011 ungebremst voran
Vietnam: Wilderer töten letztes Java-Nashorn (26.10.2011)
Tierart ist jetzt lokal ausgestorben
Höhlenlöwen waren Einzelgänger (25.10.2011)
Raubkatzen der Eiszeit hatten eine Vorliebe für Rentierfleisch
Himalaja-Klima bereitete Wollnashorn auf Eiszeit vor (05.09.2011)
Kälteanpassungen auf den Hochebenen Tibets erworben
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Säbelzahnkatzen
Urahnen des Menschen
Neandertaler
Fossilien
Frühmenschen
Dossiers zum Thema
Mammuts
Eiszeitgiganten zwischen Mythos und Wiedergeburt
Säbelzahnkatzen
Eiszeitbestien oder Schmusekätzchen?
Lebende Fossilien
Überlebenskünstler oder Auslaufmodelle der Evolution?
Eiszeiten
Die frostige Vergangenheit der Erde...
Der Streit um den Neandertaler
Anmerkungen zur Evolution des Menschen
Projekt Neandertaler
Gene lösen Rätsel um eiszeitlichen Vetter
Vormenschen
Zu Besuch bei Ardi, Lucy & Co
Eine Erde voller Arten
Darwins Vermächtnis in der heutigen Evolutionsbiologie
Die Grammatik des Lebens
Wie fügt die Natur einzelne Teile zum Großen Ganzen?
Riesen im Tierreich
Erfolgsrezept oder Laune der Natur?
News des Tages
Ichthyosaurier waren schon warmblütig
Chile: Lachsfarmen zerstören Ökosysteme
Babys haben schon Sinn für „mehr“ oder „weniger“
Konkurrenz machte Eiszeit-Nashörnern den Garaus
Schärfer als Hubble
Umweltgifte schuld an ADHS
Evolution: Weniger ist manchmal mehr
Bücher zum Thema
Die Eiszeiten
Naturgeschichte und Menschheitsgeschichte von Hansjürgen Müller-Beck
Fossilien
Über 500 Versteinerungen von Helmut Mayr und Franz Höck
Messel
Schätze der Urzeit von Gabriele Gruber und Norbert Micklich
Die Geschichte des Lebens auf der Erde
Vier Milliarden Jahre von Douglas Palmer
Ökologie
von Thomas M. Smith und Robert L. Smith
Der große Atlas der Urgeschichte
In Bildern, Daten und Fakten von Douglas Palmer
Die Welt des Neandertalers
Von den Ursprüngen des Menschen von Juan L. Arsuaga
Abenteuer Evolution
Die Ursprünge des Lebens von Walter Kleesattel
Das ist Evolution
von Ernst Mayr
Gipfel des Unwahrscheinlichen
Wunder der Evolution von Richard Dawkins
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis