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Montag, 13.02.2012
Dramatischer Artenschwund in Bächen und Seen
Aussterberaten im Süßwasser besonders hoch, Artneubildungen nahezu gestoppt
Schweizer Gewässerforscher schlagen Alarm: Nirgendwo sonst schwindet die Artenvielfalt schneller als im Süßwasser. Nicht nur, dass die Aussterberaten für Tiere und Pflanzen hier an die Werte der großen Massenaussterben der Erdgeschichte heranreichen. Jetzt zeigt sich auch, dass die Bildung neuer Arten in viele Regionen nahezu gestoppt ist. Das beschleunigt die Negativspirale des Artenschwunds.

Das Artensterben ist im Süßwasser besonders groß
Das Artensterben ist im Süßwasser besonders groß
© CC-by-sa 3.0 Das Artensterben ist im Süßwasser besonders groß
Nur 0,3 Prozent der Erdoberfläche ist von Seen, Flüssen und Sümpfen bedeckt. Selbst in der Schweiz, einem der wasserreichsten Länder Europas, beträgt dieser Anteil gerade einmal vier Prozent. Doch in diesen Gebieten lebt eine riesige Vielfalt an Arten. 40 Prozent der weltweit 30.000 anerkannten Fischarten und über 100.000 wirbellose Tiere sind aus dem Süßwasser bekannt. Doch diese Vielfalt ist bedroht. Denn nicht nur im Verhältnis zur kleinen Fläche, sondern auch in absoluten Zahlen liegen die Aussterberaten im Süßwasser deutlich höher als auf dem Land und in den Meeren.

Aussterberaten wie zurzeit der Massenaussterben
Über 60 Prozent aller Wasserpflanzen gelten als gefährdet. In der Schweiz zum Beispiel sind bereits 17 der gut 100 bekannten Fischarten ausgestorben. Die heutigen Aussterberaten liegen damit auf gleichem Niveau wie während der größten Massenaussterben in der Erdgeschichte. Jetzt zeigt das Wasserforschungsinstitut Eawag auf, dass zusätzlich auch immer weniger neue Arten entstehen. Evolutionsökologe Ole Seehausen bezeichnet diesen doppelt negativen Trend als „katastrophale Biodiversitätsverschuldung“.

Seehausen und seine Gruppe haben nachgewiesen, dass Veränderungen an den Prozessen, die zur Artbildung geführt haben, auch für die Abnahme der Artneubildung verantwortlich sind. Zum Beispiel dann, wenn Umweltveränderungen Lebensräume verkleinern oder ihre Vielfalt reduzieren. Dann werden genetische Anpassungen an die ökologisch verschiedenen Nischen hinfällig, junge Arten verschmelzen zu einer einzigen Mischart, und im Entstehen begriffene Arten werden nicht mehr gebildet. Im Fall der 32 verschiedenen Felchenarten in Schweizer Seen sind in den letzten 50 Jahren mindestens ein Drittel verschwunden.

„Für die Erhaltung der Übrigen bleibt nicht mehr viel Zeit“, sagt Seehausen und fordert eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Forschung und angewandtem Naturschutz. Der Verlust an Biodiversität sei ein Kapitalverlust für die kommenden Generationen. Gewässerökosysteme sind davon besonders betroffen, weil sie eine ungewöhnlich hohe Biodiversität aufweisen. Maßnahmen zum Schutz des genetischen Reichtums in Seen und Flüssen konnten den Abwärtstrend bisher nicht stoppen.

Vernetzung schwindet
Grund für den Artenschwund sind nicht nur fehlende oder monoton gewordene Lebensräume, sondern auch die fehlende Vernetzung. Künstliche Barrieren machen den Fischen zu schaffen. So wiesen Eawag-Fischbiologen am Unterlauf des Flusses Töss 23 Fischarten nach, oberhalb eines sechs Meter hohen Wehrs reduzierte sich diese Zahl auf nur noch zwölf. An der Sitter waren 46 der 54 untersuchten Zuflüsse für die Groppe, eine Kleinfischart der Oberläufe, nicht erreichbar. Umgekehrt stieg die Zahl der Fischarten im Lichtensteiner Binnenkanal innerhalb nur vier Jahren von sechs auf 16 an, nachdem ein Absturz an der Mündung in den Alpenrhein fischgängig umgestaltet worden war.

Evolution – schneller als man denkt
Dass evolutionäre Prozesse – anders als im traditionellen Naturschutz angenommen – oft innerhalb weniger Generationen zu markanten Veränderungen und Anpassungen von Arten führen können, hat ein Forscherteam des Gewässerökologen Piet Spaak am Greifensee nachgewiesen. Die Forscher haben dazu 50 Jahre alte Dauereier von Wasserflöhen (Daphnien) aus dem Sediment ins Labor geholt und wieder lebensfähige Tiere daraus schlüpfen lassen. Diese waren gegenüber den erhöhten Bleikonzentrationen, wie sie in den 1960er Jahren herrschten, deutlich resistenter als Tiere aus jüngster Zeit.

Auch bei den von Seehausen untersuchten Forellen zeigte sich Erstaunliches: Die fünf in der Schweiz bekannten Forellentypen – entstanden in den eiszeitlichen Rückzugsgebieten – sind offenbar an sehr unterschiedliche ökologische Verhältnisse angepasst und können in naturnahen Flüssen noch nebeneinander leben, ohne zu verschmelzen. In stark beeinträchtigten Flüssen hingegen werden sie von der praktisch überall ausgesetzten Rheinforelle verdrängt.

Biodiversität als „Portfolio für die Zukunft“
Eawag-Forscher Mark Gessner vergleicht die Biodiversität mit einem breit abgestützten Portfolio an der Börse, als „Versicherung für die Zukunft“. Eine hohe Artenzahl und hohe genetische Vielfalt bedeuteten mehr Stabilität gegenüber Umweltveränderungen und das wiederum sichere der Bevölkerung die Dienstleistungen, welche ein Ökosystem erbringe. Dazu gehören zum Beispiel der Fischertrag, aber auch sauberes Wasser, Schutz vor Hochwasser oder attraktiver Erholungsraum. Gessner fordert daher eine vertiefte Auseinandersetzung der Forschung nicht nur mit dem Ausmass und den Gründen des Biodiversitätsverlustes, sondern auch mit den Konsequenzen. Statt punktueller Massnahmen müsse ein räumlich und inhaltlich übergreifendes Gewässermanagement umgesetzt werden. Das erfordere ein Umdenken in der Wasserwirtschaft, wie es beim Hochwasserschutz bereits begonnen habe.
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