Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Läuse-Genom entschlüsselt
Blutsaugender Parasit hat extrem reduziertes Erbgut
Sie überträgt Krankheiten und saugt unser Blut: die Kleiderlaus. Jetzt hat ein internationales Forscherteam erstmals das Genom des unbeliebten Parasiten entschlüsselt. Es zeigt sich unter anderem, dass das Erbgut zu den kleinsten und reduziertesten im Insektenreich gehört. Der Gencode gibt wertvolle Einblicke in die Biologie und Entwicklung der Insekten aber auch in die Koevolution wichtiger, von der Laus übertragener Krankheitserreger. Die Studie, in deren Rahmen auch ein Symbiont der Laus sequenziert wurde, ist jetzt in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) erschienen.

Kleiderlaus Pediculus humanus humanus
Kleiderlaus Pediculus humanus humanus
© CDC / Frank Collins Kleiderlaus Pediculus humanus humanus
Dank ihrer Anhänglichkeit und Anpassungsfähigkeit hat die Kleiderlaus Pediculus humanus humanus uns Menschen über Millionen von Jahren hinweg begleitet. Der blutsaugende Parasit übertrug bei Napoleons Russlandfeldzug 1812 das „Schützengraben-Fieber”, löste Fleckfieber-Epidemien aus und war in Zeiten schlechterer Hygiene nahezu überall und bei jedem zuhause. Die enge Verwandte der Kopflaus lebt in Kleidung, die eng am Körper anliegt und ernährt sich von menschlichem Blut.

Erbgut sehr reduziert
Jetzt hat ein internationales Forscherteam erstmals das Genom dieses “altgedienten” Parasiten entschlüsselt. Dabei stellte sich unter anderem heraus, dass das Erbgut der Laus zu den kleinsten unter den Insekten gehört. Nach Ansicht von Barry Pittendrigh, Professor für Entomologie der Universität Pittsburgh und einer der Kooordinatoren des Projekts, hängt dies vermutlich mit ihrer parasitischen Lebensweise zusammen. „Die Ökologie der Laus ist sehr, sehr einfach“, so der Forscher. „Sie lebt entweder in unserem Haar oder in unserer Kleidung und hat nur eine Art von Mahlzeit: Blut. Daher sind die meisten Gene, die für die Wahrnehmung und die Reaktion auf die Umwelt verantwortlich sind, sehr reduziert.“

Tatsächlich stellten die Genanalysen beispielsweise nur sehr wenige Gene für lichtsensitive Rezeptoren fest. Auch die Gene für Geschmacks- und Geruchssensoren sind deutlich gegenüber anderen Insekten reduziert. Die Wissenschaftler stellten zudem fest, dass die Laus die kleinste Anzahl von Genen für Entgiftungsenzyme besitzt, die jemals in einem Insekt beobachtet wurden. Das macht den Parasiten unter anderem zu einem attraktiven Modell für die Erforschung von Resistenzentwicklung gegenüber Insektiziden.

Bakterium als Symbiont
Und noch eine Besonderheit stellte sich heraus: Die Kleiderlaus ist für ihr Überleben nicht nur völlig vom Menschen, ihrem Hauptwirt, abhängig. Genauso unverzichtbar ist für sie auch ein Mikroorganismus, mit dem sie in Symbiose lebt: das Bakterium Riesia pediculicola. Als die Forscher das Erbgut dieses Bakteriums analysierten, stießen sie unter anderem auf Gene für die Produktion Nährstoffs Pantothenat (Vitamin B5). Er ist für die Laus essenziell, für seine Herstellung ist sie jedoch komplett auf das Bakterium abgewiesen. Interessanterweise ist auch das Genom des Bakteriums im Vergleich zu seinen engsten „freilebenden“ Verwandten sehr reduziert und klein.

Aufschluss über Koevolution von Krankheitserregern
Das gleiche gilt für das Erbgut einiger der Krankheitserreger, die die Kleiderlaus auf den Menschen überträgt, wie beispielsweise den Fleckfiebererreger, Rickettsia prowazekii, oder den Erreger des Wechselfiebers, Borrelia recurrentis. Für Mediziner liefert das Genom der Laus und ihrer Mitbewohner daher wertvolle Hinweise auf die Koevolution von Überträger und Erreger, und auch über die Entwicklung und Ausbreitung bestimmter Krankheiten.

„Läuse haben schon früher dazu gedient, die Evolution und Wanderungsbewegungen des Menschen nachzuvollziehen“, erklärt Pittendrigh. „Sie wurden beispielsweise für Schätzungen herangezogen, ab wann der Mensch Kleidung trug.“ Durch die Entschlüsselung seines Genoms kann dieser enge Begleiter des Menschen nun noch mehr Aufschluss über die gemeinsame Evolution geben.

Einblick in Metamorphose-Entwicklung
Aber nicht nur im Verhältnis zum Menschen, auch im Hinblick auf ihre Insektenverwandtschaft gibt das Lausgenom neue Einblicke: „Über seine Bedeutung im Zusammenhang mit der menschlichen Gesundheit hinaus ist das Kleiderlaus-Genom auch von großer Wichtigkeit für das Verständnis der Insektenevolution”, erklärt May Berenbaum, Professorin für Entomologie an der Universität von Illinois. „Es ist bisher erst das zweite Erbgut eines Insekts mit einer graduellen Entwicklung – die Laus durchlebt keinen grundsätzlichen anatomischen und ökologischen Wandel wenn sie von der Larve zur Adulten reift.“

Im Gegensatz dazu machen die meisten höher entwickelten Insekten, wie beispielsweise Fliegen oder Schmetterlinge eine komplette Metamorphose über ein Puppenstadium durch. Während dieser Ruheperiode findet im Inneren der Puppe ein kompletter Umbau des Körpers und Stoffwechsels statt. Da die Kleiderlaus noch den älteren Mechanismus einer allmählichen Annäherung an das Erwachsenenaussehen besitzt, liefert ihr Genom wertvolle Hinweise zur Evolution der Metamorphose.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Genom, Laus, Läuse, KLeiderlaus, Entschlüsselung, Sequenzierung, Symbiose, Bakterium, Krankheit, Fleckfieber, WEchselfieber, Übertragung, Blutsauger, Gene, Erbgut, DNA, Medizin
Weitere News zum Thema
Klimawandel verändert Plankton der Nordsee (13.02.2012)
Meereserwärmung und zunehmender Wind machen Kieselalgen dominant
Chemotherapie bei Schwangeren schadet Ungeborenem nicht (13.02.2012)
Krebsmedikamente stören weder Wachstum noch Gehirnentwicklung der Kinder
Kaltwasserkorallen als Anpassungskünstler? (10.02.2012)
Können Kaltwasserkorallen der Versauerung des Meerwassers standhalten?
Junge Fliegen duften besser (10.02.2012)
Jugendlicher Geruch wirkt auf Artgenossen attraktiver
Primat mit reinen Ultraschall-Rufen entdeckt (08.02.2012)
Extreme Signale für den Menschen und viele Beutetiere nicht hörbar
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Blutsauger
Gefährliche Erreger
Dossiers zum Thema
Blutsauger
Zecken, Mücken und Co.: Kleiner Stich mit bösen Folgen
Der bewohnte Mensch
Unseren "Untermietern" auf der Spur
DNA
Von Genen, Mördern und Nobelpreisträgern
Symbiosen
Eine Hand wäscht die andere
Rückkehr der Seuchen
Der Krieg gegen die Mikroben geht weiter
News des Tages
Vormenschenfund: „Lucys Großvater“ ging schon aufrecht
Läuse-Genom entschlüsselt
Erster Neutronenstern mit Sauerstoffsignatur
Wasser: Gelöste Biomoleküle stören Choreographie
Fußball-WM: Eine Brosche für die Diva
Akupunktur macht Herzpatienten belastbarer
Defekter Signalweg lässt Gefäße wuchern
Bücher zum Thema
Blutsauger, Staatsgründer, Seiden- fabrikanten
von May R. Berenbaum
Gipfel des Unwahrscheinlichen
Wunder der Evolution von Richard Dawkins
Das geheime Leben der Tiere
Ihre unglaublichen Fahigkeiten, Leistungen, Intelligenz und magischen Kräfte von Ernst Meckelburg
Die Geschichte der Medizin
Von der Antike bis zur Gegenwart von Bernt Karger-Decker
Kleine Wunderwerke
Die unsichtbare Macht der Mikroben von Idan Ben-Barak
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis