Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Beißender Wurm enthüllt "Zweitnutzung" der Natur
Signalkette mit mehreren Funktionen erlaubt optimale Anpassung an Umweltbedingungen
An den Mundwerkzeugen eines räuberischen Fadenwurms haben Biologen wichtige Grundprinzipen der Evolution nachverfolgt. Denn sie entdeckten, dass der für ihre Ausprägung zuständige Signalweg quasi zweitverwertet wurde: Er ist eigentlich für andere umweltspezifische Anpassungen verantwortlich. Wie sie in „Nature“ berichten, entscheiden Zeitpunkt und Konzentration bestwimmter Auslöser darüber, welche ihrer Funktionen die Signalkette gerade umsetzt.

Der Fadenwurm Pristionchus pacificus beim Fraß
Der Fadenwurm Pristionchus pacificus beim Fraß
© MPI für Entwicklungsbiologie Der Fadenwurm Pristionchus pacificus beim Fraß
Unter Ralf Sommers Mikroskop spielen sich dramatische Szenen ab: Sein Forschungsobjekt, der Fadenwurm Pristionchus pacificus, verbeißt sich in einen anderen Wurm, reißt ein Loch in dessen Flanke und labt sich anschließend am ausfließenden Inhalt. Das sich windende Opfer hat in diesem Zweikampf keine Chance: Caenorhabditis elegans ist zwar ein naher Verwandter von Pristionchus, aber nicht mit denselben kräftigen „Zähnen“ ausgestattet. Im Fokus der Biologen vom Tübinger Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie steht jedoch nicht die Jagdtechnik von Pristionchus, sondern die Entwicklung seiner Mundwerkzeuge.

Umwelt enscheidet über Form der Mundwerkzeuge
Gilberto Bento und Akira Ogawa aus Sommers Team haben jetzt den Steuerungsmechanismus entdeckt, der hinter der Mundentwicklung steckt: Wächst der Wurm mit reichlich Bakterien als Nahrung auf, so hat er später nur sehr kleine Zähne in einer schmalen Mundhöhle. Erlebt er als Larve jedoch Nahrungsmangel oder eine hohe Populationsdichte, so entwickelt er einen breiten, mit kräftigen zahnartigen Dentikeln ausgestatteten Mund. Breit- und schmalmundige Individuen unterscheiden sich genetisch nicht voneinander. „Vielmehr bestimmen Umweltfaktoren darüber, welche Mundwerkzeuge ein Fadenwurm ausbildet“, erklärt Ralf Sommer, Direktor der Abteilung Evolutionsbiologie am Tübinger Max-Planck-Institut.

Pristionchus pacificus ist ein beliebter Modellorganismus in der Biologie
Pristionchus pacificus ist ein beliebter Modellorganismus in der Biologie
© MPI für Entwicklungsbiologie Pristionchus pacificus ist ein beliebter Modellorganismus in der Biologie
Signalweg „zweitverwertet“
Den gleichen Effekt wie ein Nahrungsmangel hat, wie die Forscher feststellten, auch ein Pheromon der Würmer. Es signalisiert eine hohe Populationsdichte, wenn es in hohen Konzentrationen vorhanden ist. In beiden Fällen – bei Nahrungsmangel und bei einer Überbevölkerung - wird ein körpereigener Signalweg aktiviert, der zur Entwicklung von kräftigen Zähnen führt und damit ein räuberisches Verhalten ermöglicht. Der Signalweg ist den Forschern bereits bekannt: Das Hormon Dafachronic Acid und sein Rezeptor sorgen auch dafür, dass sich die Würmer in Mangelzeiten nicht zu erwachsenen Individuen weiterentwickeln, sondern in einem Dauerlarvenstadium verharren, bis sich die Umweltbedingungen wieder bessern.

Evolution ist sparsam
„Der Mund-Dimorphismus von Pristionchus veranschaulicht gleich zwei faszinierende Prinzipien der Evolution“, sagt Sommer. Zum einen zeigt er, wie sparsam die Evolution arbeitet: Bereits etablierte Signalwege werden in neuem Kontext wiederverwendet – ein Vorgang, den Biologen als Co-Option bezeichnen. Um eine Signalkette mit neuer Bedeutung zu belegen, genügt es, sie zu einem anderen Zeitpunkt oder mit einer anderen Konzentration des auslösenden Signalmoleküls anzustoßen, wie in diesem Fall. Zum anderen gilt die Existenz alternativer Körperstrukturen als Wegbereiter der Evolution: „Um die Mundstruktur dauerhaft zu verändern, müsste die genetische Steuerung lediglich von der Umweltabhängigkeit abgekoppelt werden“, erläutert Sommer.

Darüber, ob sich die kräftigere Mundform von Pristionchus besser zur Jagd auf andere Würmer oder zum Verzehr von Pilzen eignet, können die Tübinger Biologen bislang nur spekulieren. „Die Tatsache, dass sich der Mund-Dimorphismus im Verlauf der Evolution fest etabliert hat, lässt darauf schließen, dass er in freier Natur einen wichtigen Vorteil bietet“, sagt Sommer.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Fadenwurm, Mundwerkzeug, Evolution, Anpassung, Signalweg, Umwelt, Genetik, Dimorphismus, Biologie
Weitere News zum Thema
Wie alt werden Fische? (26.01.2012)
Kreuzungsexperimente mit afrikanischem Prachtgrundkärpfling liefern wichtige Hinweise zur Genetik der Lebenserwartung
Fleischfressende Pflanze mit einzigartiger Fangstrategie entdeckt (10.01.2012)
Unterirdische Blätter als tödliche Klebfallen für Fadenwürmer
Evolution konstruiert Signalwege nach dem Baukastenprinzip (27.07.2011)
Fadenwürmer entwickeln gleiche Organe nach verändertem Proteinbauplan
Zellmüll verzögert Alterung (15.02.2011)
Forscher beeinflussen körpereigene „Abfallentsorgung“
Lithium als Jungbrunnen (14.02.2011)
Spurenelement verlängert Leben – bei Fadenwürmern und Menschen
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Dossiers zum Thema
Epigenetik – Mehr als nur die Gene
Hatte Lamarck doch recht?
Die Grammatik des Lebens
Wie fügt die Natur einzelne Teile zum Großen Ganzen?
Extremophile
Grenzgänger im Reich der Kleinsten
Chimären
Künstliche Mensch-Tier-Mischwesen: Hybris oder Chance?
Sprungbrett der Evolution
Was Hohltiere vom Werden der Menschen verraten
News des Tages
Größten fossilen Raub-Pottwal entdeckt
Mehrzeller schon vor 2,1 Milliarden Jahren
Exoplanet mit Riesenorbit
Schufen UV-Strahlen erste Lebensmoleküle?
EU-Bio-Siegel ab heute in Kraft
Maiszünsler: mutiertes Enzym leitet Artbildung ein
Beißender Wurm enthüllt "Zweitnutzung" der Natur
Bücher zum Thema
Der zweite Code
Epigenetik - oder wie wir unser Erbgut steuern können von Peter Spork
Der Kuss des Schnabeltiers
...und 60 weitere irrwitzige Geschichten aus Natur und Wissenschaft von Michael Groß
Das ist Evolution
von Ernst Mayr
Das geheime Leben der Tiere
Ihre unglaublichen Fahigkeiten, Leistungen, Intelligenz und magischen Kräfte von Ernst Meckelburg
Unsichtbare Welten
Von der Schönheit des Mikrokosmos von France Bourely
Die Welt der lebenden Fossilien
von Walter Kleesattel
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis