Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
„Methusalem“-Sequenzen verraten Langlebigkeit
Forscher identifizieren 150 Genvarianten, die eine Prognose erlauben
Wissenschaftler haben 150 Genvarianten identifiziert, die bestimmen, ob ein Mensch später zu den außergewöhnlich Langlebigen gehört oder nicht. Die Wahrscheinlichkeit, zu den Hundertjährigen zu zählen, ließe sich damit mit 77-prozentiger Genauigkeit vorhersagen. Mit Krankheiten assoziierte Genvarianten spielen dagegen keine entscheidende Rolle, wie eine jetzt in „Science“ veröffentlichte Studie an Hundertjährigen ergab.

Wo liegt das Geheimnis der Langlebigkeit?
Wo liegt das Geheimnis der Langlebigkeit?
© SXC Wo liegt das Geheimnis der Langlebigkeit?
Welche Faktoren bestimmen, wie alt wir werden? Zum einen Umwelt und Familiengeschichte, aber es sind auch die Gene, genauer Varianten bestimmter Gene, die eine wichtige Rolle spielen. Welche dies sind und wie sie wirken, das beginnt die Alternsforschung erst allmählich herauszufinden. Ein entscheidender Fortschritt in dieser Richtung ist jetzt einem Forscherteam der Boston University School of Public Health and Medicine und dem Boston Medical Center gelungen.

Genvergleiche mit 1.000 Hundertjährigen
Ausgehend von der Hypothese, dass ungewöhnlich langlebige Menschen Träger von mehreren Genvarianten sein müssen, die ihnen ihr langes und relativ gesundes Leben ermöglichen, führten die Wissenschaftler eine Genstudie an mehr als 1.000 Hundertjährigen durch. Bei diesen beginnen die normalen Alterserscheinungen meist ungewöhnlich spät, oft erst weit in den 90ern. Die Wissenschaftler verglichen bestimmte Genorte der Langlebigen mit denen „normal“ alternder Menschen. Mit Hilfe statistischer Methoden suchten die Forscher nach Korrelationen zwischen so genannten „Single Nucleotide Polymorphisms“ (SNPs) und der Langlebigkeit. SNPs sind Varianten einzelner Basenpaare in der DNA.

150 Genvarianten reichen zur Prognose
Die Analyse ergab, dass das Genom der Hundertjährigen 150 solcher DNA-Varianten enthielt, die offenbar eng mit der außergewöhnlichen Lebensdauer assoziiert waren. Zwar stießen die Forscher noch auf weitere SNPs mit diesem Zusammenhang, doch schon die 150 reichten aus, um vorhersagen zu können, ob das Genom von einem Hundertjährigen stammte oder nicht. Die Präsenz dieser Genvarianten könnte damit auch bei jüngeren Menschen gezielt dazu genutzt werden, um mit hoher Präzision vorherzusagen, ob ein Mensch 90 Jahre und älter wird.

„Diese genetischen Signaturen sind ein neuer Schritt in Richtung personalisierter Genomik und prädiktiver Medizin“, erklärt Thomas Perls, Leiter der New England Centenarian Study. Zusätzlich identifizierten die Wissenschaftler 19 genetische Signaturen, die bei 90 Prozent der Langlebigen vorhanden waren und die in enger Verbindung stehen mit dem Beginn von Alterserkrankungen wie Demenz und Bluthochdruck. Insgesamt fanden sich bei 45 Prozent der ältesten Probanden – Menschen von 110 und mehr Jahren – die höchsten Anzahlen der mit Langlebigkeit assoziierten Genvarianten.

Krankheits-Gene nicht entscheidend
Neben der Suche nach „Langlebigkeits-Sequenzen“ untersuchten die Wissenschaftler auch, inwieweit die Abwesenheit bestimmter Krankheitsgene eine Rolle spielte. Doch dem ist offenbar nicht so: Die Analyse ergab in diesem Aspekt keine signifikanten Unterschiede zwischen den Hundertjährigen und der Kontrollgruppe. Nach Ansicht der Forscher deutet dies darauf hin, dass die Präsenz der Langlebigkeitsgene wichtiger ist als die Abwesenheit von Krankheitsgenen.

„Die vorläufigen Daten deuten darauf hin, dass ungewöhnliche Langlebigkeit das Resultat einer Anreicherung von ‚Langlebigkeits‘-Varianten sein könnte, die die Wirkung der mit Krankheiten assoziierten Varianten aufheben und zudem die Morbidität und Behinderung gegen Ende dieser langen Leben unterdrücken“, erklärt Paola Sebastiani, Professor für Biostatistik an der School of Public Helath der Universität Boston.

Prognose mit 77-prozentiger Genauigkeit
Die Wissenschaftler stellen fest, dass eine bis zu 77-Prozent akkurate Vorhersage der Langlebigkeit mit den jetzt entdeckten Genvarianten möglich ist. Dies zeige, „dass genetische Daten tatsächlich außergewöhnliche Langlebigkeit prognostizieren können ohne dass andere Risikofaktoren bekannt sind.“

Sie fügen jedoch in ihrer Publikation hinzu: „Diese Vorhersage ist nicht perfekt. Und auch wenn sie mit besserer Kenntnis der Variationen im menschlichen Genom besser werden kann, bestätigen ihre Begrenzungen, dass Umweltfaktoren wie beispielsweise der Lebensstil auch in entscheidender Weise zur Fähigkeit des Menschen beiträgt, bis in ein hohes Alter zu überleben.“
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Gene, Erbgut, Altern, DNA, Langlebigkeit, Methusalem, Krankheiten, Medizin,
Weitere News zum Thema
Schmetterling liefert Vorbild für Infrarotsensor (13.02.2012)
Nanoschuppen reagieren auf Wärme mit Farbveränderung
Pilz produziert Medikamente aus Krabbenschalen (13.02.2012)
Gentechnisch veränderter Schimmelpilz nutzt Chitin als Rohmaterial
Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt (10.02.2012)
Einzigartige Lebensformen im Wostoksee waren seit 15 Millionen Jahren isoliert
Junge Fliegen duften besser (10.02.2012)
Jugendlicher Geruch wirkt auf Artgenossen attraktiver
Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis (09.02.2012)
Satelliten vermessen Ausmaß der globalen Eisschmelze
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Rätsel Altern
Zellen - Bausteine des Lebens
DNS-Scanner
Genetik
Dossiers zum Thema
Das Geheimnis der Hundertjährigen
Auf der Suche nach den Ursachen von Altern und Langlebigkeit
DNA
Von Genen, Mördern und Nobelpreisträgern
DNS-Scanner
Gencheck mit Terahertz-Strahlung
Epigenetik – Mehr als nur die Gene
Hatte Lamarck doch recht?
Rätsel Hirnschwund
Auf der Suche nach den Ursachen von Alzheimer und Parkinson
Altern mit Köpfchen
Wie der Geist lange fit bleibt
News des Tages
Ölpest: Dem Golf droht eine Arsenvergiftung
„Methusalem“-Sequenzen verraten Langlebigkeit
Synästhetiker sind Gedächtnis-Genies
Nanomaschine in den Kraftwerken der Zelle enträtselt
Quantum Dots machen Hirntumore sichtbar
Zelle: Chef-Architekten der Eiweißfabriken identifiziert
Bücher zum Thema
Zukunft Altern
Individuelle und gesellschaftliche Weichenstellungen von Hans-Werner Wahl und Andreas Kruse
Die Macht der Gene
Schön wie Monroe, schlau wie Einstein von Markus Hengstschläger
50 Schlüsselideen Genetik
von Mark Henderson
Ingenieure des Lebens
DNA-Moleküle und Gentechniker von Huub Schellekens und Marian C Horzinek (Übersetzer)
Die Genomfalle
Versprechungen der Gentechnik, ihre Nebenwirkungen und Folgen von Ursel Fuchs
Die neue Welt der Gene
Visionen - Rätsel - Grenzen von Joachim Bublath
Der zweite Code
Epigenetik - oder wie wir unser Erbgut steuern können von Peter Spork
Intelligente Zellen
von Bruce Lipton
Phänomen Mensch
Körper, Krankheit, Medizin von Andreas Sentker und Frank Wigger
Alzheimer
Spurensuche im Niemandsland von Michael Jürgs
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis