Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Neue Hoffnung für Mukoviszidose-Kranke
Forscher entdecken möglichen Ansatzpunkt für neue Wirkstoffe
Eine aktuelle Studie hat der Mukoviszidose-Forschung neue Impulse gegeben. Ursache der Erkrankung ist eine Genmutation, durch die bestimmte Eiweißbausteine auf der Zelloberfläche nicht mehr richtig arbeiten. Die körpereigene Qualitätskontrolle zerstört diese Bausteine. Kanadische Forscher haben nun zusammen mit Bonner Kollegen herausgefunden, wie die Zelle dies macht und berichten darüber in der Online-Ausgabe der Wissenschaftsmagazins „Science“.

Modell eines gefalteten Proteins
Modell eines gefalteten Proteins
© DOE
Die neuen Ergebnisse könnten ein möglicher Ansatzpunkt für neue Wirkstoffe gegen die Mukoviszidose sein. Denn die körpereigene Qualitätskontrolle zerstört die Bausteine leider voreilig: Die Restaktivität der Eiweißpartikel würde nämlich reichen, um die Symptome der schweren Stoffwechselstörung deutlich zu mildern. Gelingt es, den Mechanismus auszuschalten, könnte dies die Lebenserwartung der Patienten möglicherweise verbessern.

Zäher Schleim
Der Name Mukoviszidose hat lateinische Wurzeln und bedeutet so viel wie „zäher Schleim“. Damit trifft die Bezeichnung genau ins Schwarze: Durch eine Genmutation sind bei den Betroffenen bestimmte Ionenkanäle auf der Zelloberfläche verändert. Diese Kanäle schleusen normalerweise Clorid-Ionen nach außen. Chlorid wirkt osmotisch: Es bewirkt, dass Wasser aus den Zellen in die Umgebung austritt.

Dieser Effekt hält beispielsweise den schützenden Sekretfilm in der Lunge dünnflüssig: Die Flimmerhärchen in den Bronchien können den Schleim mit den darauf sitzenden Fremdstoffen und Bakterien problemlos abtransportieren. Ohne Chlorid kommt dieser Transport nahezu zum Erliegen. Chronische Infekte und schwere Lungenentzündungen sind die Folge.

Qualitätskontrolle verschärft das Problem
Paradoxerweise verschärft die zelleigene Qualitätskontrolle das Krankheitsbild bei Mukoviszidose noch zusätzlich: Die fehlerhaften Kanäle wären nämlich sehr wohl noch in der Lage, Chlorid zu transportieren – wenn auch schlechter als normal. Das Problem ist nur: Der Körper lässt sie nicht. „In der Regel sortiert die Zelle die defekten Kanäle direkt nach der Produktion aus“, erklärt Professor Jörg Höhfeld vom Institut für Zellbiologie der Universität Bonn. „Das heißt, sie gelangen nicht einmal zu ihrem Arbeitsplatz in die Zellmembran, die die Zelle umgibt.“

Seit einiger Zeit versuchen verschiedene Forschergruppen daher, die Qualitätskontrolle zu unterbinden. Ihre Idee: Die Chloridkanäle sollten so in die Membran gelangen und dort mit ihrer Restaktivität dafür sorgen, den zähen Schleim zu verflüssigen. Leider verfährt der Körper aber wie so oft nach dem Motto „doppelt genäht hält besser“: Wenn man die Überwachung der frisch produzierten Kanäle abschaltet, gelangen diese zwar in die Membran. Dort werden sie dann aber durch einen zweiten Kontrollmechanismus entdeckt, wieder in die Zelle verfrachtet und zerstört.

Höhfeld hat zusammen mit seinen Kollegen von der kanadischen McGill-Universität aufgeklärt, wie dieser zweite Kontrollschritt funktioniert. „Die Überprüfung der Chloridkanäle in der Membran ist Teamsache“, fasst er die Ergebnisse zusammen. „Es müssen viele verschiedene Komponenten zusammen arbeiten, um die fehlerhaften Kanäle zu identifizieren, mit dem Aufkleber ‚defekt’ zu versehen, in die Zelle zurückzubefördern und dort zu zerstören.“

Zwei auf einen Streich
Die gute Nachricht: Einer der Teamplayer arbeitet bei beiden Qualitätskontrollen mit – also sowohl in der Membran als auch bereits direkt nach der Produktion der Kanäle. Die Forscher suchen nun in einem nächsten Schritt nach Wegen, diese Komponente zu hemmen und damit beide Überprüfungs-Mechanismen auf einen Streich auszuschalten. Denn dann hätten die fehlerhaften Chloridkanäle wohl endgültig freie Bahn. „Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg“, betont Höhfeld.

Mukoviszidose ist eine der häufigsten angeborenen Stoffwechsel- Erkrankungen. In Deutschland sind etwa 8.000 Menschen betroffen; ihre Lebenserwartung ist deutlich reduziert. Die Krankheit ist trotz immer besserer Behandlungsmethoden bislang unheilbar.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Mukoviszidose, Zellen, Proteine, Genmutation, DNA, Krankheit, Medizin, Sekrete, Lunge, Schleim, Qualitätskontrolle
Weitere News zum Thema
Mukoviszidose: Hyaluronsäure schuld an zähem Schleim (01.09.2010)
Neuer Therapie-Ansatz für Erbkrankheit entdeckt
Software deckt gefährliche Genmutationen auf (09.08.2010)
Auswirkungen von Erbgutveränderungen werden vorhersagbar
Müllabfuhr der Zellen enthüllt (14.12.2009)
Wissenschaftler identifizieren Schaltzentrale der Protein-Entsorgung
Spray hilft gegen Mukoviszidose (06.02.2009)
Neue Hoffnung auf vorbeugende Therapie gegen gefährliche Erbkrankheit
Neue Hoffnung für Asthma-Kranke (02.04.2008)
Trockene Atemwege spielen Schlüsselrolle bei der Entstehung von chronisch-obstruktiven Lungenerkrankungen
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Zellen - Bausteine des Lebens
Proteine
DNS-Scanner
Genetik
Dossiers zum Thema
Neuland in drei Dimensionen
Ein Blick ins Innere der Zelle
Molekulare Motoren
Protein-„Maschinen“ als Triebfeder des Lebens
DNA
Von Genen, Mördern und Nobelpreisträgern
DNS-Scanner
Gencheck mit Terahertz-Strahlung
Arzneimittelforschung
Mit Hightech auf der Suche nach Naturwirkstoffen
News des Tages
Mond: Einschlagkrater enthüllen Mantelgestein
Säbelzahnkatzen hatten „Riesenpranken“
Landpflanzen „verschlingen“ 123 Milliarden Tonnen Kohlenstoff
Weltraumteleskop enthüllt Geburt des Universums
Neue Hoffnung für Mukoviszidose-Kranke
Protein mit doppeltem Lichtschalter entwickelt
Stillkindern droht Eisenmangel
Bücher zum Thema
Wie Zellen funktionieren
Wirtschaft und Produktion in der molekularen Welt von David S. Goodsell
Was hab ich bloß?
Die besten Krankheiten der Welt von Werner Bartens
Mensch, Körper, Krankheit
von Renate Huch und Christian Bauer
Phänomen Mensch
Körper, Krankheit, Medizin von Andreas Sentker und Frank Wigger
Die Macht der Gene
Schön wie Monroe, schlau wie Einstein von Markus Hengstschläger
Die neue Welt der Gene
Visionen - Rätsel - Grenzen von Joachim Bublath
Die Genomfalle
Versprechungen der Gentechnik, ihre Nebenwirkungen und Folgen von Ursel Fuchs
Was treibt das Leben an?
Eine Reise in den Mikrokosmus der Zelle von Stephan Berry
Lehrbuch der Molekularen Zellbiologie
von Lutz Nover und Pascal von Koskull-Döring
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis