Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Überraschungen in mittelatlantischer Tiefsee
Neue Funde revolutionieren Vorstellungen über die Lebenswelt in der Tiefe des Atlantiks
Quasi im Endspurt des seit zehn Jahren laufenden „Census of marine Life“ haben Wissenschaftler in der Tiefsee des Atlantiks erneut bahnbrechende Entdeckungen gemacht. Sie stießen unter anderem auf bisher unbekannte Arten eines Wurms, der als Zwischenform in der Evolution von Wirbellosen zu Wirbeltieren gilt. Gleichzeitig beendeten sie die detaillierteste Videokartierung der Tiefsee, die jemals durchgeführt worden ist.

Wurm aus dem Nordatlantik
Wurm aus dem Nordatlantik
© David Shale Wurm aus dem Nordatlantik
Im Rahmen des internationalen Langzeitprojekts „Census of marine Life” – einer Art Volkszählung der Meere – sind Wissenschaftler von einer sechswöchigen Expedition an Bord des Forschungsschiffs RRS James Cook zurückgekehrt, die wieder einmal viele bisherige Vorstellungen über die Tiefsee und ihre Bewohner über den Haufen geworfen hat. Das aus Forschern aus 16 Ländern zusammengesetzte Team erkundete den Meeresgrund beiderseits des Mittelatlantischen Rückens in einem Gebiet zwischen Island und den Azoren. In insgesamt mehr als 300 Stunden Tauchzeit förderte der ferngesteuerte Tauchroboter Isis dabei Proben, Daten, Videoaufnahmen und Bilder aus 700 bis 3.600 Metern Tiefe ans Tageslicht.

Gegensätzliche Zwillinge
Schon die ersten Untersuchungen enthüllten, wie verschieden die Lebenswelt beiderseits des gewaltigen unterseeischen Gebirgsrückens ist: „Das Terrain sah gleich aus, Westhang und Osthang glichen sich wie Spiegelbilder“, erklärt Monty Priede, Leiter des Ozeanlabors der Universität von Aberdeen. „Aber da endet die Ähnlichkeit auch schon. Wir waren überrascht, wie verschieden die Tierwelten auf beiden Seiten des Rückens waren – nur 16 Kilometer voneinander entfernt.“ Die Osthänge waren farbenfroh und vielgestaltig besiedelt, mit Schwämmen, Kaltwasserkorallen und anderem Leben. Die flachen Ebenen davor wurden von Seeigeln dominiert. Im Westen dagegen herrschte vergleichsweise graue Ödnis: vorwiegend kahles Gestein, kaum Leben.

„Die Unterschiede, die wir in der Vielfalt und Häufigkeit der Individuen sehen, könnten damit zusammenhängen, wie gut sie die mageren Nahrungsressourcen verwerten und verteilen können“, erklärt Ben Wigham von der Universität Newcastle. „Da sehen wir durchaus Unterschiede zwischen den beiden Bereichen des Rückens.“

Bindeglied der Evolution aufgespürt
Doch ausgerechnet dort, wo scheinbare Ödnis herrschte, stießen die Forscher auf eine der Sensationen ihrer Tour: Im nordwestlichen Bereich des Untersuchungsgebiets entdeckten sie Enteropneusten, Würmer, die als Bindeglied zwischen den wirbellosen und den Wirbeltieren gelten. Die zur Gruppe der Hemichordaten gehörenden Tiere besitzen eine Art Skelettstab, der als Vorläufer der Chorda dorsalis und damit der Wirbelsäule interpretiert werden kann.

„Sie haben keine Augen, weder offensichtliche Sinnesorgane noch Gehirne, aber es gibt ein Kopfende, einen Schwanz und den grundlegenden Körperbau der Wirbeltiere“, erklärt Priede. „Diese Würmer stehen dem Missing link in der Evolution von wirbellosen zu Wirbeltieren sehr nahe. Bisher waren der Wissenschaft aber nur ein paar Exemplare aus dem Pazifik bekannt. Doch am Ende unserer Expedition hatten wir bereits drei unterschiedliche Arten entdeckt, jede in einer anderen Farbe – pink, weinrot und weiß – und in deutlich verschiedenen Formen.“ Mit Hilfe des ferngesteuerten Tauchroboters gelang es den Forschern, vollständige Exemplare aller drei Arten einzufangen und zu konservieren, damit sie von Spezialisten untersucht werden können.

Überraschende Vielfalt in der Tiefe
Neben den Enteropneusten entdeckten die Wissenschaftler auch zahlreiche weitere Arten, die bisher als extrem selten galten. „Wir waren überrascht, dass Arten, die anderswo als sehr selten gelten, am Mittelatlantischen Rücken so häufig waren“, erklärt Andrey Gebruk vom Shirshov Institut in Moskau. „Noch bis zur letzen Minute unserer Tauchgänge haben wir neue Arten entdeckt.“ Insgesamt zehn neue Arten waren es am Ende immerhin und zahllose weitere Spezies, die in ungewöhnlicher Zahl vorhanden waren oder aber auch ungewöhnliche Verhaltensweisen an den Tag legten.

Seegurken als Meisterschwimmer
So gelten Seegurken normalerweise nicht gerade als Bewegungskünstler: Wenn sie nicht einfach nur herumliegen, kriechen sie höchstens langsam über die flachen Ebenen der Tiefsee. Ganz anders jedoch am Hang des Mittelatlantischen Rückens: Hier fanden die Wissenschaftler die Weichtiere an steilen Hängen klebend, auf winzigen Feldabsätzen balancierend und überhaupt auf nahezu jeder verfügbaren Fläche. Die Seegurken entpuppten sich zudem als überraschend fähige und schnelle Schwimmer, deren Bewegungen in einzigartigen Videosequenzen festgehalten werden konnten.

„Diese Expedition hat unsere Vorstellungen über das Leben in der Tiefe des Atlantischen Ozeans revolutioniert“, so Priede. „Es zeigt uns, dass es nicht reicht, das zu erforschen, was an den Rändern des Meeres lebt und den großen Rest der Tiere, die in den Hängen und Tälern in der Ozeanmitte leben, zu ignorieren. Mit neuen Technologien und präziser Navigation können wir diese Regionen jetzt erkunden und dort Dinge entdecken, von denen wir nie geahnt hätten, dass sie existieren.“
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Ozeane, Meere, Tiere, Natur, Artenvielfalt, Biodiversität, Artenvielfalt, Würmer, Seegurken, Evolution, Atlantik
Weitere News zum Thema
Klimawandel verändert Plankton der Nordsee (13.02.2012)
Meereserwärmung und zunehmender Wind machen Kieselalgen dominant
Ozeanerwärmung lässt Seeelefanten tiefer tauchen (09.02.2012)
Wärmeres Waser zwingt Robben zu verändertem Verhalten
Meer produziert ozonschädliche Stoffe (02.02.2012)
Halogenverbindungen steigen aus flachen Küstenbereichen auf
Insekten führen Liste der neuentdeckten Arten an (20.01.2012)
2009 spürten Forscher weltweit fast 20.000 unbekannte Spezies auf
Ur-Ozeane: Algen waren Mangelware (16.01.2012)
Forscher untersuchen Leben in einem 1,1 Milliarden Jahre alten Lebensraum
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Schatzkammer Ozean
Fische
Nesseltiere
Tiefseegräben
Kalte Quellen
Heiße Quellen
Quallen
Dossiers zum Thema
Wunderwelt Ozean
Zehn Jahre Volkszählung im Meer - „Census of Marine Life“
Die große Zählung
Bestandsaufnahme in den Meeren der Welt
Geheimnisvolle Tiefsee
Von Mythen, Monstern und Manganknollen
Kaltwasserkorallen
Das „Great Barrier Reef“ des Nordens
Great Barrier Reef
Bedrohte Wunderwelt des Meeres
Eine Erde voller Arten
Darwins Vermächtnis in der heutigen Evolutionsbiologie
Leben im Wassertropfen
Ein Kosmos für sich
Quallen
Faszinierende Überlebenskünstler der Ozeane
Sprungbrett der Evolution
Was Hohltiere vom Werden der Menschen verraten
Unfälle der Evolution
...oder doch geniale Anpassungsstrategien?
News des Tages
Überraschungen in mittelatlantischer Tiefsee
Rätsel um Sumatra- Beben 2004 gelöst
Antidepressiva verändern Verhalten von Meerestieren
Artenexplosion bei Plattentieren
Parasiten stacheln Affenabwehr an
Neuer DNA-Heiler identifiziert
Jasminduft als Valium-Double
Bücher zum Thema
Schatzkammer Ozean
Volkszählung in den Weltmeeren von Darlene Trew Crist, Gail Scowcroft und James M. Harding
Ökologie
von Thomas M. Smith und Robert L. Smith
Fantastisches Tierreich
Zwischen Legende und Wirklichkeit von John Downer
Faszination Meeresforschung
Ein ökologisches Lesebuch von Gotthilf und Irmtraut Hempel sowie Sigrid Schiel
Der Fisch in uns
Eine Reise durch die 3,5 Milliarden Jahre alte Geschichte unseres Körpers von Neil Shubin
Tierisch!
Expedition an den Rand der Schöpfung von Dirk Steffens
Unter Wasser
von Bill Curtsinger
Deep Blue
Entdecke das Geheimnis der Ozeane
Reise in die Tiefsee
von Linda Pitkin
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis