Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Glasbildung: Größte Atome bilden Käfig
Fundamentaler Mechanismus der Glasbildung nachgewiesen
Wissenschaftler haben einen fundamentalen Mechanismus der Glasbildung identifiziert und erstmals experimentell belegt: Wie sie in der Fachzeitschrift „Physical Review Letters“ berichten, sind die jeweils größten Atome einer Legierung beim Abkühlen bis zu 10.000 Mal unbeweglicher als alle anderen. Sie bilden so eine Art Käfig für die anderen Elemente und prägen die Struktur des resultierenden Glases.

Die großen Palladiumatome (grau) der Legierung Pd43Cu27Ni10P20 bilden noch in der flüssigen Schmelze ein starres Netzwerk, in dem die anderen Atome wie in einem Käfig gefangen werden.
Die großen Palladiumatome (grau) der Legierung Pd43Cu27Ni10P20 bilden noch in der flüssigen Schmelze ein starres Netzwerk, in dem die anderen Atome wie in einem Käfig gefangen werden.
© CAU Die großen Palladiumatome (grau) der Legierung Pd43Cu27Ni10P20 bilden noch in der flüssigen Schmelze ein starres Netzwerk, in dem die anderen Atome wie in einem Käfig gefangen werden.
Massive metallische Gläser sind deutlich härter als herkömmliche Stähle, zudem hoch elastisch und oft extrem korrosionsfest. Dabei können sie hochpräzise und so einfach wie Plastik verarbeitet werden, was sie geradezu zu einem „Supermaterial“ macht – wären sie nicht so kompliziert herzustellen. Denn beim Abkühlen der Metallschmelze muss die regelmäßige Anordnung der Atome, die so genannte Kristallisation, verhindert werden, um die atomare Unordnung der Schmelze einzufrieren. Das Verständnis, wie man Atome in Legierungen gezielt "verwirren" und damit die Kristallisation verhindern kann, ist also ein Schlüssel zur Beherrschung der Glasbildung. Bislang gab es jedoch keine Experimente, welche die genauen physikalischen Vorgänge der Glasbildung erklärten.

Nun gelang es Forschern von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel um Professor Franz Faupel weltweit erstmalig, die Beweglichkeit aller Elemente einer glasbildenden Legierung über den gesamten relevanten Temperaturbereich zu bestimmen. In der Legierung Pd43Cu27Ni10P20 identifzierten sie durch ihre Messungen einen fundamentalen Mechanismus der Glasbildung. Demnach ist die Beweglichkeit der großen Palladiumatome während des Abkühlens der Schmelze kurz vor dem Erstarren zum Glas rund 10.000 Mal geringer als die Beweglichkeit der übrigen Elemente.

Große Atome als Käfig für alle anderen
„Computersimulationen zufolge bilden die größten Atome in der Schmelze eine Art Käfig, in dem die anderen Atome eingesperrt werden. Bisher konnte dieser Vorgang aber experimentell nicht beobachtet werden", erklärt Faupel. Die verhältnismäßig großen Palladiumatome bilden dabei ein starres Netzwerk, noch lange bevor die Glassübergangstemperatur erreicht ist, bei der die flüssige Schmelze zum festen Körper erstarrt. Das langsame Untersystem der Palladiumatome verhindert dadurch eine schnelle Kristallisation der Legierung, so dass auch eine niedrige Kühlrate genügt, um die flüssige Unordnung einzufrieren.

Möglichkeiten für neue Glasmaterialien
„Der von uns entdeckte Mechanismus der Glasbildung ist so bedeutend, da er von universeller Natur ist", freut sich Faupel. Die Ergebnisse verbessern daher das Verständnis des Übergangs eines mehrkomponentigen Materials vom flüssigen zum glasförmigen Zustand. Die Jagd nach preiswerten glasbildenden Legierungen für technische Alltagsanwendungen ist in vollem Gange. Dank des besseren Verständnisses der Vorgänge bei der Glasbildung kann zukünftig zielstrebiger nach glasbildenden Legierungen gesucht werden.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Glas, Atome, Schmelze, Palladium, Käfig, Abkühlung, Erstarrung, Chemie, Materialforschung
Weitere News zum Thema
Erster Nano-Blick in das lebende Gehirn (03.02.2012)
Spezialmikroskop macht winzigste Veränderungen von Gehirnzellen sichtbar
Tiefste heiße Quellen des Ozeans entdeckt (11.01.2012)
Schlote in fünf Kilometer tiefem karibischem Tiefseegraben speien kupferreiche Flüssigkeit
Wärmere Nester machen Echsen schlauer (11.01.2012)
Der Klimawandel könnte die Lernfähigkeit einiger Reptilien verbessern
Wie Immunzellen Krebszellen zerstören (10.01.2012)
Forscher vergleichen Immuntherapie mit herkömmlicher Behandlung
Bisher unbekannte Stammzellen im menschlichen Auge entdeckt (06.01.2012)
Reaktivierte Bindegewebszellen der Netzhaut können verschiedene Zellsorten erzeugen
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Atome
Zoom aufs Atom
Dossiers zum Thema
Glas
Ein schwer durchschaubarer Stoff
Smarte Kunststoffe und flexible Chips
Polytronik auf dem Vormarsch
Leichtbau: Schlankheitskur für Auto und Co.
Neue Verbundstoffe machen Konstruktionen leichter und energiesparender
Stahl ganz neu
Rezepte für das Autoblech von morgen
Rätsel Wasser
Ein Lösungsmittel mit Geheimnissen
Nanotechnologie
Baukastenspiele im Reich des Allerkleinsten
News des Tages
Größte Moleküle des Alls entdeckt
El Niño beeinflusst Strömungspumpe in der Antarktis
Klimawandel verstärkt Bedrohung für Menschenaffen
Dunkle Materie im Sonnenkern?
Glasbildung: Größte Atome bilden Käfig
Wie umweltfreundlich ist mein Urlaub?
Mehr Vergesslichkeit bei Hitze?
Edelgas auf dem Prüfstand
Bücher zum Thema
Chemische Delikatessen
Alltäglich, spannend, kurios von Klaus Roth
Welt der Elemente
von Hans-Jürgen Quadbeck- Seeger
Die chemischen Elemente
Ein Streifzug durch das Periodensystem von Lucien F. Trueb
Die Welt hinter den Dingen
von Ludwig Schultz und Hermann- Friedrich Wagner
Wie dick muss ich werden, um kugelsicher zu sein?
von Mick O'Hare
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis