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Montag, 13.02.2012
Genetische Ursache der Migräne identifiziert
Weltweite Vergleichsstudie findet genetischen Risikofaktor auf Chromosom 8
Zum ersten Mal haben Forscher eine genetische Basis für Migräne identifiziert. Menschen mit dieser DNA-Variante auf Chromosom 8 besitzen ein größeres Risiko, im Laufe ihres Lebens unter Migräneattacken zu leiden. Wie die Wissenschaftler in „Nature“ berichten, kann diese Genmutation verhindern, dass überschüssiges Glutamat aus den Synapsen des Gehirns entfernt wird. Die Anreicherung dieses Hirnbotenstoffs könnte demnach eine Schlüsselrolle für die Migräne spielen.

DNA-Analyse mittels Elektrophorese
DNA-Analyse mittels Elektrophorese
© PNNL
Migräne gehört zu den häufigsten Schmerzerkrankungen weltweit. Allein in Europa sind jede sechste Frau und rund jeder zwölfte Mann davon betroffen. Üblicherweise entwickeln Migränepatienten die ersten Migräneattacken in der Pubertät, am stärksten betroffen sind jedoch Erwachsene mittleren Alters. Die Ursachen der Erkrankung sind bisher kaum geklärt, eine erbliche Komponente wird aber schon seit langem vermutet. Konkrete genetische Faktoren allerdings sind bisher nur für seltene und extreme Migräneformen gefunden worden.

Genstudie mit 50.000 Teilnehmern
Jetzt ist es einer weltweiten Kollaboration von Wissenschaftlern erstmals gelungen, einen genetischen Risikofaktor auch für die häufigen „normalen“ Migräneformen dingfest zu machen. Für ihre Studie führten die Forscher eine genomweite Durchmusterung besonders vielversprechender Erbgutabschnitte durch. Sie verglichen dafür die Genome von mehr als 3.000 Migränepatienten aus Finnland, Deutschland und den Niederlanden mit denen von mehr als 10.000 Nicht-Migränikern. Um ihre Ergebnisse abzusichern, wurde dies mit einer zweiten Gruppe von noch einmal 3.000 Migränepatienten und einer Kotrollgruppe von 50.000 Gesunden wiederholt.

„Dies ist das erste Mal, dass wir in das Erbgut von vielen Tausend Menschen schauen konnten und genetische Indizien finden, um die normale Migräne zu verstehen“, erklärt Aarno Palotie, Leiter des International Headache Genetics Consortium am Wellcome Trust Sanger Institute, das die Studie koordinierte. „Studien dieser Art sind nur durch internationale Kollaborationen in großem Maßstab möglich, die einen Reichtum an Daten mit entsprechender Expertise und Ressourcen vereinen.“

Genveränderung auf Chromosom 8
Bei der Auswertung der Vergleichsdaten stellten die Forscher fest, dass die Migränepatienten deutlich häufiger eine bestimmte DNA-Abfolge zwischen zwei Genen auf Chromosom 8 aufwiesen. Diese Mutation zwischen den Genen PGCP und MTDH/AEG-1 scheint demnach ein signifikant höheres Risiko für Migräne mit sich zu bringen. Und auch den Mechanismus, warum, entdeckten die Wissenschaftler: Die Genvariante verändert offenbar die Aktivität des MTDH/AEG-1-Gens und dieses wiederum reguliert die Aktivität des EAAT2-Gens. Letzteres produziert ein Protein, das dafür verantwortlich ist, den Neurotransmitter Glutamat aus den Synapsen des Gehirns zu entfernen.

Glutamat-Anreicherung in den Synapsen
„Wir wussten zwar, dass das EAAT2-Gen eine entscheidende Rolle in neurologischen Prozessen des Menschen und potenziell auch bei der Entwicklung der Migräne spielt, aber bis jetzt konnten wir keinen genetischen Zusammenhang nachweisen, dass eine Glutamat-Anreicherung im Gehirn eine Rolle bei der gewöhnlichen Migräne spielen könnte“, erklärt Professor Christian Kubisch von der Universität Ulm. „Diese Arbeit öffnet nun die Tür zu neuen Studie, um die Biologie der Krankheit tiefer zu ergründen und zu erforschen, wie diese Veränderung genau wirkt.“

Weitere Studien nötig
Nach Ansicht der Autoren wird aber noch weitere Forschung nötig sein, um diese DNA-Variante und ihre Auswirkungen genauer zu untersuchen und den Zusammenhang für ein Auslösen einer Migräne zu erhärten. Sie wollen vor allem weitere Studien an einer noch breiteren Auswahl an Probanden durchführen.

„Obwohl die Patienten in der Studie alle mit gewöhnlicher Migräne diagnostiziert waren, kamen sie größtenteils aus spezialisierten Kopfschmerzkliniken“, erklärt Gisela Terwindt vom Medizinischen Zentrum der Universität Leiden. „Da sie diese Kliniken besuchten, gehören sie vermutlich zum extremeren Ende des Spektrums der Migränepatienten. In Zukunft sollten wir daher nach diesem Zusammenhang auch in der breiten Bevölkerung, also auch bei Patienten, die weniger stark unter Migräne leiden, suchen.“ Sollte sich das Ergebnis jedoch bestätigen, wäre dies ein möglicher neuer Ansatzpunkt auch für eine Migränetherapie.
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