Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Montag, 13.02.2012
Erste Defizite in der Pflanzenbestäubung durch Bienenschwund
Klimawandel desynchronisiert zeitliche Rhythmen von Blüte und Insektenaktivität
Der schleichende Niedergang von Bienen und Hummeln wirkt sich bereits negativ auf die Bestäubung von Pflanzen aus. Vor allem im Frühjahr bleiben viele Blüten unbefruchtet, weil die Bestäuberinsekten fehlen. Diese langfristig auch für den Obstanbau bedenkliche Entwicklung enthüllt jetzt die längste jemals durchgeführte Studie zum Bestäubungsverhalten.

Honigbienen
Honigbienen
© USDA
Bienen und Hummeln sind für Natur und Landwirtschaft unverzichtbar. Denn viele Nutzpflanzen sind auf sie als Bestäuber angewiesen. Doch Krankheiten, Parasiten und Pestizide drohen die sozialen Insekten an den Rand des Aussterbens zu bringen. Dramatische Meldungen von Bienensterben und ein schleichender Rückgang vieler Hummel- und Wildbienenpopulationen dezimieren die Pollen sammelnden Vielflieger immer mehr. Jetzt hat eine Studie erstmals gezeigt, dass dieser Niedergang bereits erste Auswirkungen auf die Bestäubung von Blütenpflanzen hat – und das der Klimawandel dafür eine wichtige Rolle spielen könnte.

Bergwiesen als Untersuchungsobjekt
James Thomson von der Universität von Toronto begann seine Studie in den späten 1980er Jahren in den Rocky Mountains von Colorado, einer weitgehend von Landwirtschaft und sonstigen menschlichen Einflüssen freien Region. 17 Jahre lang ermittelte der Forscher regelmäßig den Anteil der befruchteten Blütenpflanzen auf den Bergwiesen und verglich diesen mit dem maximal erreichbaren Befruchtungserfolg. Diesen Vergleichswert erreichte er, indem er in gesonderten Unterarealen der Wiesen selbst als Bestäuber aktiv wurde und dort sämtliche Blüten nachträglich und zusätzlich noch mit der Hand bestäubte.

Deutlicher Rückgang der Bestäubungsraten
Die längste jemals durchgeführte Studie dieser Art zeigt Bedenkliches: Der drei Mal jährlich stattfindende Vergleich enthüllte einen stetigen Niedergang der Bestäubungszahlen über die 17 Jahre hinweg. Besonders deutlich wurden Befruchtungsdefizite im Frühjahr: „Sehr früh im Jahr, wenn die Hummelköniginnen noch im Winterschlaf sind, liegen die Befruchtungsraten besonders niedrig”, so Thomson. „Dies ist ernüchternd, denn es deutet darauf hin, dass die Bestäubung sehr sensibel reagiert, selbst in einer relativ unberührten Umwelt, frei von Pestiziden und menschlichen Störungen und nur dem Klimawandel ausgesetzt.“

Klimawandel stört Zeitabstimmung
Thomson sieht in seinem Ergebnis einen Hinweis darauf, dass nicht nur Milbenbefall und Landwirtschaft den Bestäuberinsekten zu schaffen machen, sondern auch die globale Erwärmung. Die durch sie verursachte Verschiebung der Frühjahrs-Blütezeiten immer weiter nach vorne könnte einer der Hauptgründe für die Bestäubungsdefizite im Frühjahr sein: „Wir vermuten, dass ein klimabedingter Versatz zwischen der Zeit, wenn sich die Blüten öffnen und der, wenn die Bienen aus dem Winterschlaf kommen, ein wichtiger Faktor ist“, erklärt Thomson. Die Ergebnisse seiner Studie sind jetzt in der Fachzeitschrift „Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences“ erschienen.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Bienen, Insekten, Artensterben, Biodiversität, Klimawandel, Pflanzen, Bestäubung, Blüten
Weitere News zum Thema
Rätsel um Bienen- Fortpflanzung gelöst (24.01.2012)
Forscher finden ersten Beweis für genetische Steuerung
Parasitische Fliege gefährdet Bienenvölker Nordamerikas (04.01.2012)
Befall verändert Verhalten der Arbeiterinnen und tötet sie
„Lebensdauer“ von Elektronen in Graphen bestimmt (02.12.2011)
Forscher legen neue Erkenntnisse zu den grundlegenden physikalischen Eigenschaften des Materials vor
Leckende Bienen profitieren vom süßesten Nektar (27.09.2011)
Höherer Zuckergehalt macht Blütensaft für Schmetterlinge zu zähflüssig
Ohne Bienen geht die "Blumenuhr" nach (05.08.2011)
Einige Pflanzen schließen ihre Blüten nur nach Bestäubung pünktlich
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Bienen in Bedrängnis
Honigbienen
Klimafolge Artensterben
Verlierer Mensch?
Klimawandel in Deutschland
Dossiers zum Thema
Honigbienen: Superhirn im Überlebenskampf
Wie Parasiten, Krankheit und Gift die Fähigkeiten der sozialen Insekten beeinträchtigen
Mit Bienen im Gespräch
Chemische und akustische Kommunikation sozial lebender Insekten
Das große Sterben
Wie reagiert die Natur auf den Klimawandel?
Verlierer Mensch?
Folgen des Klimawandels für die menschliche Gesellschaft
Klimawandel in Deutschland
Wie verändert sich unser Klima bis 2100?
Pflanzen unter Stress
Abwehrstrategien gegen Mensch, Mikrobe und Chemie
Arche Noah 2.0
Genbanken als letzte Rettung für die Artenvielfalt?
Chemische Keule und betörender Duft
Verteidigungsstrategien von Pflanzen
Phytohormone
Überlebenswichtige Botenstoffe im Pflanzenreich
News des Tages
Schon die alten Nubier nutzten Antibiotika
Erste Defizite in der Pflanzenbestäubung durch Bienenschwund
Hitzewellen: Wälder kühlen mit Verspätung
Kernkraftwerke laufen länger – bis zu 14 Jahre
Zelle: Kunst des Teilens enträtselt
Mikroben verhindern eigene Abschiebung
Quantenwürfel liefert Zufallszahlen
Bücher zum Thema
Phänomen Honigbiene
von Jürgen Tautz
Verborgene Welten
Das geheime Leben der Insekten von David Attenborough
Ende der Artenvielfalt?
Gefährdung und Vernichtung der Biodiversität von Josef Reichholf
Fantastisches Tierreich
Zwischen Legende und Wirklichkeit von John Downer
Ökologie
von Thomas M. Smith und Robert L. Smith
Das geheime Bewusstsein der Pflanzen
Botschaften aus einer unbekannten Welt von Joseph Scheppach
Eine unbequeme Wahrheit
von Al Gore, Richard Barth, Thomas Pfeiffer
Wir Wettermacher
von Tim Flannery
Der Klimawandel
von Stefan Rahmstorf und Hans J. Schellnhuber
Top-Clicks der Woche
1. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
2. Krebsmedikament macht Alzheimer-Symptome rückgängig
3. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
4. Fasten lässt Krebstumore schrumpfen
5. Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis