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Donnerstag, 24.05.2012
Arktisches Meereis wieder auf Rekordtief
Sommerliche Eisbedeckung erreicht viertniedrigsten Wert seit Beginn der Aufzeichnungen
Die sommerliche Meereisbedeckung der Arktis wird in diesem Jahr einen der niedrigsten Werte der vergangenen 20 Jahre erreichen. Das zeigen Auswertungen von Satellitenaufnahmen. Zum vierten Mal in Folge ist der arktische Ozean damit mit weniger Eis überzogen, als selbst nach dem Abwärtstrend der vergangenen Jahrzehnte zu erwarten gewesen wäre.

Größe der Meereisfläche am 14. September 2010
Größe der Meereisfläche am 14. September 2010
© Kaleschke / Universität Hamburg Größe der Meereisfläche am 14. September 2010
Das letzte Jahrzehnt war das wärmste seit Beginn der Klimaaufzeichnungen, das haben erst kürzlich neue Auswertungen von Klimadaten belegt. Am stärksten betroffen ist der hohe Norden unseres Planeten, hier steigen die Temperaturen überproportional stark an – mit fatalen Folgen für die Eisdecke der Arktis. Sie schrumpft immer weiter. Nach dem Rekordtiefstand der Sommereisfläche im September 2007 zeichnet sich auch in diesem Jahr keine Erholung ab, wie Klimaforscher am Montag in einer Pressekonferenz erklärten.

Viertniedrigster Wert seit Beginn der Messungen
Satellitenaufnahmen zeigen, dass sich die Meereisfläche rund um den Nordpol zum Ende des arktischen Sommers im Septembermittelwert auf etwa 4,9 Millionen Quadratkilometer reduzieren wird. Im Durchschnitt der vergangenen 40 Jahre hatte das Eis im September noch eine Fläche von 6,7 Millionen Quadratkilometern bedeckt; 1980 lag die Ausdehnung bei 7,8 Millionen Quadratkilometern. Der für diesen September zu erwartete Mittelwert gehört zu den vier niedrigsten Werten seit Beginn der Satellitenauswertung Anfang der 1970er Jahre.

Negativtrend weiter ungebrochen
„Die Ergebnisse sind deshalb bedenklich, weil sich die Negativentwicklung beschleunigt hat. Von einer ,Erholung’ der Eisbedeckung kann keine Rede sein“, erklärt Lars Kaleschke, Professor am KlimaCampus der Universität Hamburg. Die geringste Meereisausdehnung registrierten die Wissenschaftler 2007 mit 4,2 Millionen Quadratkilometer. Das Meereisminimum unterliegt von Jahr zu Jahr zum Teil starken Schwankungen; im statistischen Mittel reduziert sich die Fläche seit 1970 um etwa acht Prozent pro Dekade. Diese Entwicklung ist nach Einschätzung von Professor Rüdiger Gerdes vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung nicht allein durch natürliche Ursachen, sondern vor allem durch den von Menschen verursachten Klimawandel zu erklären.

IPCC-Prognosen bereits unterschritten
In den vergangenen beiden Jahren hatte die Meereisfläche gegenüber 2007 wieder zugenommen. Deshalb war nicht ausgeschlossen, dass in diesem Jahr der Negativtrend der vergangenen Jahre gebrochen werden könnte. Diese Erwartung bestätigte sich jedoch nicht. Dass die tatsächlichen
Eisverhältnisse in der Arktis mittlerweile die errechneten Werte in den globalen Klimamodellen des IPCC-Berichts unterschreiten, kann nach Angaben von Gerdes unterschiedliche Ursachen haben.
Gerdes ist Meereis-Experte des Alfred-Wegener-Institutes und dort unter anderem für die Auswertung von Klimamodellen für die Arktis zuständig.

Zusammenspiel von Klimawandel und Dekadischer Oszillation
„Heute spielen langfristige natürliche Klimavaribilität und der Einfluss des Menschen vergleichbare Rollen in der Artkis“, sagt Gerdes. Der anthropogene Temperaturanstieg kommt zusammen mit einer warmen Phase der Atlantischen Multidekadischen Oszillation (AMO); beides zusammen führt zu dem extremen Eisrückgang der vergangenen Jahre. In der AMO folgte auf eine kalte Periode zwischen 1860 und 1930 mit niedrigeren Temperaturen an der Wasseroberfläche in den 1940er Jahren eine Warmperiode. Seit den 1990er Jahren folgte erneut eine wärmere Periode. Für die zukünftige Entwicklung des Meereises ist es entscheidend, wie schnell die AMO in ihre kalte Phase zurückkehrt.

Dass die Warmperiode in den 1940er Jahren nicht zum Abschmelzen des Meereises im heutigen Ausmaß führte, liegt laut Gerdes an der unterschiedlichen Entwicklung der Meereisdicke. „Mittlerweile habe die Eismasse im Winter teilweise jenen kritischen Punkt unterschritten, die das Abschmelzen im Sommer ermöglichte. Vor 70 Jahren war das winterliche Eis dagegen noch so dick, dass dies nicht geschehen konnte“, erläuterte Gerdes.
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